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Das Motto 2012

Unterwegssein als neues Zuhause. Theateridentität Bewegung

Im Mittelpunkt des Internationalen Forums 2012 des Theatertreffens stehen die Fragen: Wie verändert das Unterwegssein den Blick auf die Welten in denen wir leben? Was bedeuten diese Bewegungen für die künstlerische Arbeit?

Theatermacher waren von jeher unterwegs. In den letzten beiden Jahrzehnten hat die Reisetätigkeit noch einmal erheblich zugenommen. In Europa sind viele Grenzen durchlässig geworden, die Flugpreise haben sich durch Billigfluglinien minimiert und die sozialen Netzwerke stiften immer häufiger Kontakte außerhalb des eigenen Landes, die das Arbeiten im Ausland selbstverständlicher machen. Immer mehr Künstler haben keinen festen Wohnsitz und leben nomadisch aus dem Koffer. Reisen können Zeichen der Freiheit als auch der Unfreiheit sein.
Denn während die einen aus Interesse reisen und die Freiheiten der Welt zu nutzen wissen, werden andere durch Druck von Außen dazu gezwungen, unterwegs zu sein. Noch nie in der Geschichte wurden so viele Menschen gegen ihren Willen vertrieben oder verließen aus wirtschaftlichen, politischen oder sozialen Gründen ihr Land. Auch das gilt für Theatermacher gerade in jüngster Zeit.
Begleitet wird dieser Bewegungsstrom von Nachrichten und Informationen. Die Medien berichten uns in Echtzeit aus allen Teilen der Welt. Allein in 2011 wurden wir Zeugen der gesellschaftlichen Umbrüche im Norden Afrikas, und es erreichte uns eine Flut von Bildern verheerender Natur- und Nuklearkatastrophen.
Zusätzlich zur offiziellen Berichterstattung verfolgt jeder einzelne von uns seine persönlichen Nachrichtenströme. Tausende Statusmeldungen auf Facebook oder Twitter beispielsweise bilden individuelle Bewegungsprofile ab, die „geliked“ oder kommentiert werden.

Immer mehr Theatermacher sind von Anfang ihrer Laufbahn an unterwegs. Körperlich und inhaltlich. Immer auf der Suche nach Stoffen, Themen und Auseinandersetzungen mit sich und ihrer Umwelt. Mobilität scheint per se attraktiv und irgendwie sexy zu sein. Sie wird aber gleichzeitig zunehmend als bedrohlich empfunden, weil sich ihr kaum jemand entziehen kann – und die Frage taucht auf: Wann macht Unterwegssein Sinn, wann nicht?

Was heißt es für das Theatermachen, häufig zwischen den Städten umzuziehen, zu emigrieren, zu immigrieren, an mehrmonatigen Artist-in-residencies teilzunehmen, zu pendeln oder auf Zeit zu wohnen? Was passiert, wenn kein Internetanschluss verfügbar ist? Wenn kein Funkkontakt besteht? Welchen Einfluss haben Mobilität, wechselnde Standorte und die damit verhandelten Themen auf die eigene künstlerische Identität? Welche inhaltlichen Themen werden dadurch für das Theater relevant? Aber nicht nur das konkrete körperliche Unterwegssein ist von Bedeutung. Wie sieht eine inhaltliche Bewegung aus? Eine gesellschaftliche? Eine ästhetische? Womit steht man überhaupt in Kontakt? Was nimmt man woher? Und wie kann die Kunst das Publikum in Bewegung bringen? Intellektuell, inhaltlich, ästhetisch oder politisch? Wie eng ist überhaupt der Kontakt zwischen Theatermachern und ihrem Publikum? Sind Kunst, Künstler und Publikum gemeinsam unterwegs? Gibt es noch ein gemeinsames Zuhause?

Herausragende Künstler setzen sich beim Internationalen Forum mit ihren Workshops auf völlig unterschiedliche Weise mit dem Phänomen Unterwegssein auseinander. Ihre verschiedenen Praktiken und Perspektiven gilt es in experimenteller und lustvoller Art und Weise zur Entfaltung zu bringen.

Uwe Gössel, Leiter Internationales Forum

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