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Hermann Nitsch
Orgien Mysterien Theater. Retrospektive
30. November 2006 bis 22. Januar 2007

Veranstalter
Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin. Ermöglicht durch den „Verein der Freunde der Nationalgalerie“.

Kuratorin
Britta Schmitz (Berlin)

Erstmals in Deutschland wurde ein angemessener Gesamtüberblick über das jahrzehn-telange Schaffen eines der bedeutendsten, aber auch umstrittensten Künstler der Gegenwart ermöglicht. Leihgaben zahlreicher internationaler Museen und Privatsammler konnten zum ersten Mal öffentlich gezeigt werden. Die Kuratorin Britta Schmitz entwickelte eigens für die Räumlichkeiten dieses Museums eine weitläufige, 18 Räume bespielende Ausstellungskonzeption, um den großformatigen, mehrteiligen Arbeiten gerecht zu werden. Nitsch selbst komponierte während des Aufbaus die Installation ganzer Räume, wie z.B. das „Geruchslabor“ und den „Musikraum“ und stellte sie eigens für die Ausstellung in Berlin neu zusammen.

Hermann Nitsch (1938 in Wien geboren) war wichtigster Initiator der Künstlerbewegung Wiener Aktionismus, die in den frühen 1960er Jahren gegründet wurde. Er verfolgte als einziger der Gruppe kontinuierlich sein aktionistisches, kompromissloses Werk weiter. Ein Werk, das – schon vor über 50 Jahren angelegt – zahlreiche Variationen und Interpretationen, Drohungen, Schmährufe und Huldigungen erlebt hat und noch immer eine große Faszination auf das Publikum ausübt. Es sprengt den Kanon des üblichen Kunstverständnisses und die kritische und höchst fruchtbare Debatte über die Malerei von Nitsch hat stets im Zusammenhang mit dem Orgien-Mysterien-Theater (O.M.Theater) stattgefunden. Dieses utopische Theaterprojekt, das er seit den frühen 1960er Jahren aufführt, ist bis heute eine Grundlage seines Gesamtkunstwerks.

Durch das festgelegte Repertoire der Handlungsabläufe im O.M.Theater weisen die Schütt- und Wälzbilder große Ähnlichkeiten auf. Sie lassen keinen grundlegenden Wandel erkennen. Die Beschränkung auf einige Grundfarben zeigt, dass es in den Werken nicht primär um Originalität der Darstellung geht, ebenso wenig wie um die Suche nach einer spezifischen Form oder zeichenhaften Elementen, sondern dass die Repetition eines im wesentlichen gleich bleibenden Aktionsschemas einer Fülle von Zufällen Raum gibt.

So wie die Aktionen sollte auch die Ausstellung in bewusster Teilnahme verstanden werden. Nitschs Werke lassen sich nicht in die Gattungen Malerei, Installation, Environment, Video oder Foto, noch in Früh-, Mittel- oder Spätwerk unterteilen. Dementsprechend wurden sie dessen ungeachtet und ineinander verschränkt gezeigt.

Am Anfang des Ausstellungsparcours stand der Existenzaltar von 1960 (Museum für Moderne Kunst, Wien). Ihm folgten die sechs großen, neun Meter langen Bilder, die 1962 durch Schüttungen entstanden sind (Blutorgelbild, Passionsfries, Geißelwand, Kreuzwegstation, Schütt- und Wälzbild, Kreuzbluttriptychon). Sie führten leitmotivisch durch die gesamte Ausstellung. In den anschließenden Räumen vervollständigte sich der Einblick in Nitschs Gesamtwerk und dessen Vielseitigkeit anhand von Foto-Dokumentationen, Partituren und Zeichnungen. Auf einer 18 Meter großen Leinwand wurde der vierstündige Mitschnitt der beinahe gesamten 122. Aktion des Orgien-Mysterien-Theaters im Wiener Burgtheater vom 19. November 2005 gezeigt. Der Besucher hatte so die Chance, zum Zeugen dieses Ereignisses zu werden.

Pressestimmen

Sebastian Preuss in Berliner Zeitung, 11.11.2006
„Mein Bayreuth liegt in Prinzendorf“
Seit über 40 Jahren zelebriert Hermann Nitsch mit Farbe, Blut und Gedärm sein „Orgien Mysterien Theater“. Eine Retrospektive im Gropius-Bau.

Gabriele Walde in Berliner Morgenpost, 27.11.2006
„Der steuerzahlende Aktionskünstler Hermann Nitsch bekommt erstmals in Berlin eine große Retrospektive“
Kleinen Schrittes stapft der kugelrunde Erfinder des „Orgien-Mysterien-Theaters“ kurz gelabelt O.M.T., durch „seine“ Retrospektive im Martin-Gropius-Bau. Seine erste umfassende museale Ausstellung in Berlin, die die Festspiele und der Verein der Freunde der Nationalgalerie finanziell auf die Füße gestellt haben.

Christoph Schlingensief in Süddeutsche Zeitung (München), 30.11.2006
„Rasierklingen raus, Schmerzbekenntnis! Ein Plädoyer für die Berliner Werkschau des Aktionskünstlers Hermann Nitsch“
Nitsch und Beuys und Brus und Thek sind noch lange nicht Geschichte. Und wenn wir dann in hundert Jahren zurückblicken, dann werden wir sehen, dass die Flecken noch immer geblieben sind. Kleine Netzhautbeschädigungen, Ablösungen, heidnische Rituale in aufgeräumten Kinderzimmern.

Peter Richter in Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.12.2006
„Kunst für ein paar Eingeweide“
Ist Hermann Nitsch nun gut oder eklig? In Berlin feiert man das Werk des Blut-Aktionisten.

Maximilian Probst in DIE ZEIT (Hamburg), 07.12.2006
„Nun mach dich endlich nackig. Wo bleibt da der Schock? Zwei extreme Ausstellungen in Berlin zeigen, wie die Künstler der Gegenwart den menschlichen Körper malträtieren“
So viel Blut gab es in Berlin noch nie. Hermann Nitsch, Wiener Aktionist der ersten Stunde, der jetzt im Martin-Gropius-Bau mit einer Retrospektive geehrt wird, hat es kübelweise auf die Leinwand geschüttet. […] Vielleicht aber ist mit dem Wegfall ihres Skandalcharakters der richtige Abstand zur Aktionskunst gegeben.