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Ausstellungsplakat „Michael Schmidt. Lebensmittel“
Ausstellungsplakat „Michael Schmidt. Lebensmittel“

Michael Schmidt. Lebensmittel

Die Fähigkeit von Michael Schmidt, scheinbar widersprüchliche Elemente in seiner Fotografie in eine gültige Form zu übersetzen, weist ihm eine herausragende Position in der aktuellen Fotografie zu. Während er mit seiner immer neuen Herangehensweise an fotografische und gesellschaftliche Fragestellungen eine singuläre Stellung einnimmt, gelten sein innovatives projekthaftes Arbeiten und sein extremes Engagement als Vorbild für eine Generation jüngerer Fotografen.

Mit der Serie „Lebensmittel“ schließt der 1945 in Berlin geborene Michael Schmidt die Reihe seiner großen Projekte ab. Im Frühjahr 2012 wird nach fünf Jahren der Planung und Realisierung das fotografische Essay zur Verarbeitung von Lebensmitteln in Europa erstmals veröffentlicht.

Schmidt fotografiert seit 2006 in den Fischfarmen Norwegens, in Großbäckereien in Deutschland oder der apfelverarbeitenden Industrie in Italien. Ähnlich wie in der Serie „Irgendwo“, für die Schmidt die süddeutsche Provinz bereiste und den „Verlust von Zuhause als Ort von Identität“ (Schmidt) thematisierte, kommt es dabei auch in den Bildern des Projektes „Lebensmittel“ nicht auf den konkreten Ort der Aufnahme an: Der weitgehende Verlust des lokalen Bezuges der Produktion, Weiterverarbeitung und Konfektionierung von Lebensmitteln macht es für den Betrachter unmöglich zu entscheiden, ob sich zum Beispiel ein Schlachtbetrieb in Spanien, Frankreich oder England befindet.

Die Fotografien belegen im Gegensatz zu manchen älteren Serien des Künstlers keine Haltung von Wut oder Anklage. Vielmehr ist die Sichtweise Schmidts von äußerster Klarheit und Härte gekennzeichnet. Der Blick in die Brotkörbe, in die Käfige der Fischfarmen oder Apfelwaschanlagen erinnert in seiner seriellen Analytik bisweilen an die sachliche Fotografie der 1920er Jahre. Doch gerade der Widerspruch zwischen der latent optimistischen Haltung der klassischen Fotografen, die ihre Motive aus der industriellen Produktion in einer perfekten Ästhetik in Szene setzten, und der realistischen Sichtweise Schmidts hinterlässt bei der Gesamtschau auf das Projekt einen verstörenden Eindruck: Das Einzelbild fordert die sachliche Betrachtung, während die Serie durch ihre Komposition von Wiederholungen, Akzentuierungen und Taktungen sowie den vielfältigen Bezügen zwischen den Fotografien der scheinbar dominanten Sachlichkeit nachhaltig den Boden entzieht.

Veranstalter Berliner Festspiele. Eine Ausstellung des Museum Morsbroich. Ermöglicht durch den Sparkassen-Kulturfonds des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes. Gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes.
Kurator Markus Heinzelmann

Tagesspiegel, Nicola Kuhn

12.01.2013

„Das Auge isst mit“

Es scheint, als hätte der begnadete Fotograf auch noch musikalisches Talent. In seiner Präsentation arbeitet er mit Melodiebögen, Synkopen, elegischen Momenten, um dann im letzten Saal noch einmal an einer einzigen Wand alles als Tableau zu zeigen: verschweißte Wurstscheiben, konfektionierte Tomaten, zusammengedrängte Schweine, geschichtete Kartons für die Auslieferung, eine durch die Agrarwirtschaft maschinell überformte Landschaft – Entfremdung total.

Berliner Zeitung, Ingeborg Ruthe

16.01.2013

„Allmähliches Entsetzen“

Michael Schmidt, der von seiner Arbeit sagt, er arrangiere nicht, sondern er komponiere, ist kein Anekdotenerzähler, eher ein Essayist. Und das dringt dreimal tiefer ins Bewusstsein, in den Magen, ins Gefühl – dieses serielle, unentrinnbare, effektlose Konstatieren der Zustände in der Lebensmittelindustrie, der Massentierhaltung, der Überproduktion – der Vernichtung von Essbarem.

Stern

10.01.2013

„Mahlzeit!“

Wunderschön und ästhetisch sehen seine Bilder aus. Aber wer genau hinsieht, dem vergeht die Lust am Essen, denn da gibt es auch geschundene Erntearbeiter, tote Tieraugen und ziemlich viele Fliegen. Selbst die schöne Paprika ist nur so makellos, weil sie eine Giftdusche bekam.

Die Tagesszeitung, Ralf Hansele

04.01.2013

„Der Duft der grauen Papaya“

Wer die 177 Bilder aus dem Schlund der Nahrungsmittelindustrie gesehen hat, der beginnt zu ahnen, dass da was faul ist. Dieses Gurken-Grün und dies Dotter-Orange – und doch letztlich all diese Gräue im Abgang. Es sind Bilder, bei denen das Auge nicht mitisst. […] Diese Hängung ist sein großes Geheimnis; dieses enge Gewebe aus Fotografie. Das war so bei der Serie „Ein-Heit“ und das ist bei den „Lebensmitteln“ nicht sonderlich anders. Dieser Sound, dieser Klang, dieses Stakkato der Bilder. Dieses Gelb, dieses Rot – und doch alles nur grau.

Tip, Andrea Hilgenstock

29.12.2012

„Unser täglich Massenware“

Wir nehmen die Kunstprodukte täglich zu uns und halten sie dennoch für gesund. Da muss erst einer kommen und uns mit seiner Serie „Lebensmittel“ die Augen öffnen – für deren unheimliche Ästhetik und unseren zweischneidigen Appetit darauf. Nicht im Sinne einer Anklage, aber mit Befremden, quasi in stiller Trauer über eigentlich Inakzeptables. […] Vielleicht sind seine Fotos gerade deshalb so stark, weil er nicht die Moralkeule schwingt, sondern das Bewusstsein für die Ambivalenz zwischen Bild und Abbild schärft. Auf der Spur des Vorhandenen schafft er ein Bild von der Wirklichkeit – schön schonungslos und widersprüchlich wie das Leben.

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12. Januar bis 1. April 2013

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Katalog

Michael Schmidt. Lebensmittel

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog im Snoeck Verlag:
264 Seiten, 32 x 30 cm, 174 Abb. in Duoton und Farbe
€ 59 an der Museumskasse
im Buchhandel mit Schmuckschuber € 128
ISBN 978-3-940953-93-3

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