Martin-Gropius-Bau
Ausstellungsplakat „Kunst der Vorzeit. Felsbilder aus der Sammlung Frobenius“
Ausstellungsplakat „Kunst der Vorzeit. Felsbilder aus der Sammlung Frobenius“. Motiv: Prozession (Detail). Simbabwe, Chinamora, Massimbura. 8.000-2.000 v. Chr.

Kunst der Vorzeit

Felsbilder aus der Sammlung Frobenius

„Die Kunst des 20. Jahrhunderts steht bereits unter dem Einfluss der großen Traditionen der prähistorischen Felsbilder“
Alfred Barr, Direktor des Museum of Modern Art (MoMA), 1937

Auf der Suche nach ursprünglichen, unverbildeten Ausdrucksformen gab es in den 1920er und 1930er Jahren – neben jener der Kinder und psychisch Kranken – mit der Kunst der „Primitiven“ (wie man indigene Völker damals nannte) eine eher wenig beachtete Inspirationsquelle für die Entwicklung der modernen Kunst: die prähistorische Kunst, insbesondere die älteste überlieferte Form menschlichen künstlerischen Schaffens, die Felskunst. Rund 100, darunter viele großformatige und wandfüllende Felsbildkopien des Frobenius-Institutes sowie fotografisches und archivalisches Material verweisen auf die abenteuerliche Dokumentationsgeschichte der Felsbilder in europäischen Höhlen, der zentralen Sahara, den Savannen Simbabwes oder dem australischen Outback. Welche Wirkung diese zuvor ungesehenen Bilder auf die Moderne hatte und wie sie Künstlerinnen und Künstler inspirierten, ist Thema dieser Ausstellung.

Dabei wird auch die Interpretationsgeschichte der prähistorischen Felskunst im vergangenen Jahrhundert berührt. Die Antworten auf die Frage, was die prähistorischen Künstler vor 7.000, 10.000 oder 30.000 Jahren ursprünglich mit ihren Werken bezweckten, eröffnet den Blick auf zeittypische Projektionen im Spannungsfeld zwischen evolutionistischen bzw. funktionalistischen Paradigmen und dem Postulat tief wurzelnder anthropologischer Grunddispositionen.

Oft an unzugänglichen Orten, in Höhlen oder Wüsten zu finden, wurden diese geritzten oder gemalten Bilder einer breiten Öffentlichkeit in den europäischen und amerikanischen Metropolen in Form von großformatigen Kopien bekannt. Die weltweit bedeutendste Sammlung dieser Kopien hatte der deutsche Ethnologe Leo Frobenius (1873-1938) angelegt. Seit seiner sechsten Afrikareise im Jahre 1912 hatte er Malerinnen und Maler als Kopisten auf seine zahlreichen “Deutschen Inner-Afrika Forschungs-Expeditionen“ mitgenommen. Die berühmten Felsbildensembles Nordafrikas, der inneren Sahara und des südlichen Afrika wurden vor Ort und oft unter abenteuerlichen Umständen abgemalt. Später entsandte Frobenius auch Expeditionen in die europäischen Felsbildgebiete Spaniens, Frankreichs, Norditaliens und Skandinaviens sowie nach Indonesien und Australien. Bis zu seinem Tode 1938 entstand so eine Sammlung von fast 5.000 Felsbildkopien, farbig und meist in Originalgröße mit Formaten von bis zu 2,5 x 10 Metern, die sich bis heute im Frobenius-Institut an der Frankfurter Goethe-Universität befindet.

Erst in jüngster Zeit konnte die fast vergessene, spektakuläre, internationale Ausstellungsgeschichte dieser Bilder rekonstruiert werden: In den 1930er Jahren tourten die Felsbildkopien durch fast alle europäischen Hauptstädte sowie durch 32 amerikanische Großstädte. In gefeierten Ausstellungen wurden sie u.a. im Berliner Reichstag, im Pariser Trocadéro und im New Yorker Museum of Modern Art gezeigt.

Alfred Barr, junger Gründungsdirektor des Museum of Modern Art (MoMA) in New York, war sich bereits 1937 sicher: “Die Kunst des 20. Jahrhunderts steht bereits unter dem Einfluss der großen Traditionen der prähistorischen Felsbilder”. Entsprechend zeigte er gleichzeitig mit den Felsbildern auch Werke von Künstlern wie Klee, Miró, Arp und Masson.

Bei der Herstellung der Felsbildkopien spielte hingegen das Interesse der künstlerischen Avantgarde zunächst keine Rolle. Waren die Kopien doch als transportable Faksimiles, d.h. als reine Wissenschaftsbilder gedacht, mit deren Hilfe kulturhistorische Entwicklungen der fernsten Vorgeschichte belegt werden sollten. Beim Kopieren von prähistorischen Felsbildern hatten sich die Malerinnen und Maler, so Frobenius, „mit einer Geistigkeit abzufinden, die der Vergangenheit angehört“.

Nichtsdestotrotz verfolgten die Kopisten der Felsbilder jeweils ganz eigene Wege im Spannungsfeld zwischen wissenschaftlicher Dokumentation und künstlerischem Anspruch. Das Interesse der künstlerischen Avantgarde an den prähistorischen Bildern blieb ihnen nicht verborgen. Die unterschiedlich verwendeten Maltechniken, die mitunter experimentellen Versuche, durch Farbe und Textur die Struktur des felsigen Untergrundes nachzuahmen und mit der Verwitterung und Lückenhaftigkeit der Motive zurechtzukommen, zeugen von individuellen Stilen und von zeitgenössischen künstlerischen Einflüssen.

Im Laufe der Zeit haben die gemalten Felsbildkopien ihren Status verändert und wurden von Kopien zu Originalkopien und weiter zu Originalen. War die Malerei zunächst die Dokumentationsmethode der Wahl, weil die Fotografie noch keine farbigen Aufnahmen - schon gar nicht in Originalgröße - erlaubte, erwies sie sich in den 1950er und 1960er Jahren als die erste von vielen technologischen Sackgassen in der wissenschaftlichen Dokumentation von prähistorischer Felskunst. Wegen ihres Übersetzungsprozesses von 3D zu 2D ebenso wie durch ihre Idealisierung und Dramatisierung der Motive, wurden gemalte Felsbildkopien als Wissenschaftsbilder diskreditiert. Gleichzeitig und contre-cœur wurden die gemalten Kopien zunehmend zur Kunst sui generis, d.h. einzigartig in ihrer Charakteristika, und zum Leitfossil einer vergangenen Wissenschaftsepoche, in der Wissenschaft und Kunst noch selbstverständlicher miteinander verquickt worden. Die Bilder waren, so der deutsche Ethnologe Mark Münzel, Ausdruck eines „wissenschaftlichen Expressionismus“.

Die Ausstellung im Martin-Gropius-Bau beleuchtet auch die Wechselwirkung zwischen Kunst und Wissenschaftsbild in den 1920er und 1930er Jahren. Sie zeigt, wie Felsbildkopien zu Kunst wurden und wie zugleich die Kunst durch Felsbildkopien beeinflusst wurde.

Die zahlreichen Werkschauen der Felsbilder befeuerten einen regen Diskurs zu den Anfängen der Kunst und der menschlichen Kreativität in der damaligen zeitgenössischen Kunstszene. Im Schaffen einiger Künstler zeichnet sich die Wirkung dieser Ausstellungen deutlich ab. Im Werk Willi Baumeisters gab es beispielsweise um 1929/30 einen Stilwechsel, in dem verschiedene von den Felsbildern bekannte Gestaltungselemente und Techniken zur Anwendung kamen. Bei anderen Künstlern ist die Beeinflussung subtiler. Sicher haben die Surrealisten in Europa maßgeblich vom Dialog mit der prähistorischen Kunst profitieren können, aber auch im Werk von Jackson Pollock gibt es entsprechende Hinweise.

Diese Ausstellung über die Urkunst als vitale Inspirationsquelle der Moderne und als Forschungsgegenstand diskutiert überraschend aktuelle Fragen.

Die Kulturstiftung der Länder, die Ernst von Siemens Kunststiftung und die Hahn-Hissinck’sche Frobenius-Stiftung haben zur Restaurierung der Werke großzügig beigetragen.

Veranstalter Berliner Festspiele / Martin-Gropius-Bau
Eine Ausstellung des Frobenius-Instituts an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. In Zusammenarbeit mit dem Martin-Gropius-Bau
Kurator Dr. Richard Kuba, unter Mitarbeit von Dr. Hélène Ivanoff
Partner Wall, ALEXA, Visit Berlin, Dussmann
Medienpartner Tagesspiegel, G/Geschichte, Antike Welt, National Geographic, kunst:art, Exberliner, kulturradio, Weltkunst

Stephan Speicher in Süddeutsche Zeitung

12.02.2016

„Überwältigend modern“

Nun feiern rund hundert von [den Felsbildkopien] eine Art Auferstehung im Berliner Martin-Gropius-Bau. Sie geben einen geradezu ungeheuerlichen Eindruck künstlerischer Kraft. Es ist ein Triumph ohne Prominenz, etwas, worauf das Publikum nicht vorbereitet ist.

Julia Voss in Frankfurter Allgemeine Zeitung

21.01.2016

„Mit Pauspapier in die Steinzeithöhle“

Zu dieser Berliner Schau muss vorausgeschickt werden, was sich nur über die besten Ausstellungen sagen lässt: dass es sich um drei, fünf, vielleicht sogar zehn Ausstellungen handelt, die Eingang in die Räume des obersten Stockwerks im Martin-Gropius-Bau gefunden haben und dass jede davon einen eigenen Titel verdient hätte. „Kunst der Vorzeit. Felsbilder aus der Sammlung Frobenius“ haben die Kuratoren sie genannt.

Martina Kaden in B.Z.

15.02.2016

„Kunst ist ein Ur-Bedürfnis“

Figuren von Stieren und Menschen – es sind faszinierende Bilder, die uns jetzt im Gropiusbau auf eine Zeitreise in die Steinzeit schicken. Kein Wunder, dass sich die Modernen von der Kunst aus Urzeiten inspirieren ließen. Diese Bilder sind zeitlos […].

Sigrid Hoff in Volksstimme

23.01.2016

„Höhlenkunst als Inspiration für die Moderne“

Die Felsbildkopien sind eine Quelle sowohl für die Ethnologie wie für die Kunstgeschichte. Im Gropius-Bau sind sie erstmals seit vielen Jahren wieder öffentlich zu sehen. […] [Die] Wechselwirkung zwischen Kunst und Wissenschaft macht die Ausstellung in Berlin eindrucksvoll deutlich.

Besucherstimmen

Abwechslungsreich, beeindruckend, inspirierend und ausgezeichnet präsentiert. Großes Kompliment an die Macher*innen.

Eine Offenbarung! Wie immer man ,Kunst‘ definieren mag – dies ist Kunst vom Allerfeinsten!

Ich war schon immer von der Felskunst fasziniert, von ihrer angenehmen Archaik. Nach dieser Ausstellung bin ich es mehr als je zuvor.

Vielen Dank für diese Ausstellung! Sie hat mir die Schönheit, Kraft, Kreativität und Würde unserer aller Vorfahren deutlich gemacht. Danke auch dafür, endlich die Indigenen, soweit es möglich ist, einzubeziehen.

Ich war sehr angetan von den sehr sichtbaren kulturellen Unterschieden.

Eine Ausstellung mit Tiefe und Sinnlichkeit.