MaerzMusik

Das Festival 2016

MaerzMusik – Festival für Zeitfragen hat sich zum Ziel gesetzt, dem Phänomen Zeit in seinen gesellschaftspolitischen, philosophischen und künstlerischen Dimensionen kontinuierlich nachzuspüren. Der Festival-Logik des Events zum Trotz wollen wir über die Jahreszeiträume hinweg Erfahrungen vertiefen, Fragen erneut stellen, Gedanken weiterentwickeln und Wiederbegegnungen ermöglichen.

Die zweite Ausgabe des neu konzipierten Festivals imaginiert das Digitale Universum als Geburtsort neuer Zeitformen – digitaler Zeitformen, die unsere Lebenswelt zunehmend prägen und deren Vor- und Nachteile wir täglich zu spüren bekommen. Die globale Echtzeit digitaler Technologien lässt räumliche Distanzen kollabieren; sie schafft neue Maßstäbe der Geschwindigkeit, schafft Fakten innerhalb von Zeitspannen, die weit unterhalb der menschlichen Wahrnehmungsschwelle liegen; sie eröffnet ungeahnte Freiräume und Freizeiten, die freilich umgehend wieder geschlossen werden von den zahllosen Optionen, Wahlmöglichkeiten und Versprechungen, die die Welt des digitalen Kapitalismus ständig hervorbringt. „Was geschieht mit unserer Zeit?“ – diese häufig gestellte Frage erhält im Licht digitaler Zeitlichkeit eine neue Färbung.

„Time and the Digital Universe“ lautet der Titel der Eröffnungskonferenz von „Thinking Together“, ein einwöchiges Diskurs-Format, das der gemeinsamen Erforschung solcher Zeitfragen gewidmet ist. An die Konferenz anschließend, beschäftigt sich ein Abend mit algorithmischer Komposition und neuen Horizonten in der künstlerischen Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine.

Eine Reihe von Projekten schafft Raum für die Eigenzeiten der Musik, die sich der Beschleunigung, Standardisierung und Effizienzsteigerung entziehen: Vom Eröffnungsprojekt „time to gather“ mit Marino Formenti, über das vierstündige Konzertexperiment „alif“ und die Klanginstallation von Mazen Kerbaj bis hin zum großen Abschlussprojekt „The Long Now“ entwickelt und präsentiert MaerzMusik Formate, in denen sich Zeit selbst – und mit ihr andere Formen der Wahrnehmung und der Begegnung – entfalten kann.

In eine gänzlich analoge Schicht der Zeit- und Selbstbetrachtung führt eine Projektgruppe rund um Franz Schuberts Liederzyklus „Die Winterreise“, bestehend aus Elfriede Jelineks schonungsloser Gegenwartsanalyse „Winterreise. Ein Theaterstück“, Bernhard Langs Meta-Komposition „The Cold Trip“, dem Musiktheater „LIEBE“ von Daniel Kötter und Hannes Seidl und Ian Bostridges erschütternder Schubert-Interpretation.

Und schließlich steht MaerzMusik 2016 im Zeichen aktueller kompositorischer Positionen. In zwei Konzertprojekten mit dem Plus-Minus Ensemble und dem Ensemblekollektiv Berlin werden neue Arbeiten u.a. von Joanna Bailie, Matthew Shlomowitz, Alexander Schubert, Eduardo Moguillansky und Timothy McCormack vorgestellt.

Berno Odo Polzer
Künstlerischer Leiter MaerzMusik – Festival für Zeitfragen

Thomas Oberender
Intendant Berliner Festspiele

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