MaerzMusik

Das Festival 2017

Im März 2015, während der ersten Ausgabe dieses „Festival für Zeitfragen“, hätten nur wenige die grundsätzliche Stabilität westlicher Demokratien bezweifelt. Die Europäische Union schien „too big to fail“. „Flüchtlingskrise“ war kein vertrauter Begriff auf dem Kontinent und Terroranschläge waren eine Ausnahmeerscheinung, zumindest für eine Mehrheit der Europäer*innen, die in der Annahme schlummerte, dass ihre Festung der Privilegien sich selbst erhalten würde, uneinnehmbar und sicher sei.

In der zweiten Ausgabe im März 2016 standen „Faktentreue“ und „Politik“ in gewohntem Spannungsverhältnis zueinander. Der Begriff „postfaktische Politik“ – „post-truth politics“ –, der von Oxford Dictionaries zum Wort dieses Jahres gekrönt wurde, kam nur wenigen bekannt vor und ließ noch nicht die Alarmglocken schrillen, die dann der Brexit und dieUS-Präsidentenwahlen ausgelöst haben.

Zwei wahllose Jahre, die mit den ersten beiden Ausgaben von MaerzMusik – Festival für Zeitfragen zusammenfallen. Zwei Jahre, die lange genug waren, um eine merklich andere Welt hervorzubringen.

Einst, so sagt man, wurden Festivals gefeiert, um die Zeit zu markieren und ihr zu trotzen – Festivals waren Maßeinheiten für Veränderung, Gefäße des kollektiven Bewusstseins und Gedächtnisses, Gelegenheiten der Selbstvergewisserung einer Gemeinschaft. Heute ist es verlockend, diesen scheinbar weit hergeholten Ansatz wieder in Betracht zu ziehen. Denn eine Frage bleibt offen und erscheint wichtiger denn je: Was kann ein Festival – und ich würde hinzufügen: Was kann ein Festival, das inmitten Europas verortet ist, – heute sein? Wie kann es sich verhalten angesichts der Gewalt, Degradierung, Instabilität und Angst, die „uns“ umgibt? Wie kann es ein neues „Uns“ reflektieren, zur Sprache bringen und beheimaten, das im Zuge der rasanten Neuordnung lokaler und globaler Verhältnisse entsteht? Wie kann ein Festival der Tatsache gerecht werden, dass es ein öffentlicher, gemeinschaftlicher und dadurch politischer Raum ist?

MaerzMusik 2017 gibt keine Antwort, sondern ist eher der Versuch, solche Fragen zu stellen: mit den Mitteln eines Festivals, das im Hören verwurzelt ist, das Konzerten, Performances, Installationen, Filmpräsentationen, Diskurs und Ausstellungen Zeit und Raum gibt.

Die zehn komponierten Abende, aus denen MaerzMusik besteht, reflektieren Anliegen, die mit dem Leben der Gegenwart zu tun haben – künstlerische Anliegen insbesonders. In chronologischer Reihenfolge beschäftigen sie sich mit klanglicher Immersion, Marginalisierung, Rassismus, Homophobie, Kolonisierung, Psychogrammen westlicher Gesellschaften, der Normativität künstlerischer Praktiken, Gender, Umwelt- und Finanzkrisen, Ungleichheit, spekulativer Geschichtsschreibung, Gedächtniskulturen, Science Fiction, spekulativer Narration, „multispecies feminism” , Mystizismus, Kollektivität, Befreiung, Spiritualität und der Wahrnehmung von Zeit, um nur die wichtigsten zu nennen. Gleichzeitig bilden die im Festival präsentierten künstlerischen Arbeiten ihre jeweils eigene Welt. Unabhängig von ihrer kuratorischen Kontextualisierung stehen und sprechen sie für sich und sind offen für alle möglichen Wahrnehmungsweisen und Lesarten.

Wir freuen uns darauf, Sie bei MaerzMusik – Festival für Zeitfragen 2017 zu begrüßen.

Berno Odo Polzer
Künstlerischer Leiter MaerzMusik – Festival für Zeitfragen