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Theatertreffen

Internationales Forum 2014

Mit Unsicherheiten dealen

Die 50. Ausgabe des Internationalen Forums des Theatertreffens brachte 35 Theatermacher aus 19 Ländern zusammen. Sie arbeiteten für zwei Wochen an Themen, Ideen und Fragen, die jeder und jede von ihnen mit aus ihrer Heimat nach Berlin brachte. Von Beginn an wurde deutlich, wie die verschiedenen Lebenswirklichkeiten in Kabul, Zürich, Berlin oder Lima zu sehr unterschiedlichen ästhetischen Zugriffe führen. „Unsicherheit“, „Risiko“ oder „Krise“ waren Begriffe, die immer wieder in den Diskussionen auftauchten. Sehr eindrücklich schilderten die Theatermacher in ihren Lectures, wie aktuelle Konflikte ihr Selbstverständnis als Theatermacher prägen und wie sie sich in neuen ästhetische Formen niederschlagen: Tagebuch-Dok-Theater über den Majdan in Kiew, Straßenperformances über die gesellschaftliche Kluft vor dem Hintergrund der Fußballweltmeisterschaft in São Paulo, Theaterfestivals gegen die zunehmende internationale Isolierung in Ägypten oder Theaterprojekte im Umland von Kabul. Theatermachen heißt hier im Extremfall, die eigene Existenz bewusst aufs Spiel zu setzen. So berichtete zum Beispiel Nasir Formuli von der Gefahr als Theatermacher, der in den Schulen der afghanischen Provinz für Schüler mit Puppen Geschichten erzählt, von Islamisten angegriffen zu werden.

In Workshops praktisch erprobt wurden auch die künstlerischen Strategien mit denen Regisseure, Autoren oder Spieler des Theatertreffens und des Forums in ihrem jeweiligen Theater die komplexer werdenden Welten verhandeln. Daniel Wetzel und Helgard Haug von Rimini Protokoll experimentierten szenisch zusammen mit den Stipendiaten zu ihren verschiedenen Perspektiven auf das Konstrukt „Europa“. Und auch in dem Workshop von Susanne Kennedy tauchte die Frage auf, wie man sich mit dem Theater ins Verhältnis zu den (realpolitischen) gesellschaftlichen Situationen setzt. Das gilt auch für sicherere Gefilde wie der Schweiz oder Frankfurt. Wie positioniert sich ein Stadttheater, wenn auf dem Platz davor Occupy-Aktivisten von der Polizei eingekesselt werden? Wie durchbricht man als junges Ensemblemitglied die jahrzehntealten Verkrustungen im Stadttheater jenseits der Metropolen? Weitere Themen waren die Vereinbarkeit von Theater und Familie oder die schwindende Integrität von Intendanten und Kulturpolitikern.

Das Forum war eine Plattform des Austauschs nicht nur für die Stipendiaten, sondern geöffnet für Studierende, Künstler aus anderen Disziplinen und Stipendiaten aus den vergangenen Jahren. Unter dem neuen Format Camp war die Kassenhalle Diskursraum im Haus der Berliner Festspiele. Die künstlerische Praxis in den Uferstudios im Berliner Wedding lief teilweise bis tief in die Nacht. Einen Einblick geben die über vierzig Videoclips zu den unterschiedlichsten Themen und Perspektiven, zu den Theatertreffenaufführungen oder zu den Theaterwelten der Stipendiaten (www.theatertreffen-blog.de/tt14).

Da das Forum in diesem Jahr seine 50. Ausgabe feierte, stiften ehemalige Stipendiaten ihrerseits Foren. Über 150 Theatermacher trafen sich zu einer Versammlung für die Zukunft im Festspielhaus: Laila Soliman, Regisseurin aus Kairo, fragte beispielsweise nach den Konsequenzen der großen gesellschaftlichen und politischen Veränderungen außerhalb Europas für die hiesige Theaterarbeit. „Zwölf Thesen von zwei weißen männlichen Dramaturgen-Heten auf der Suche nach der utopischen Gemeinschaft“ übertitelten Aljoscha Begrich und Tarun Kade heiter ihren Beitrag zur notwendigen Veränderung des Stadttheaters. Und Barrie Kosky, der als junger Regisseur aus Australien beim Forum war, schilderte, wie hilfreich noch heute sein Blick von außen auf die deutsche Kulturlandschaft ist für seine Arbeit als Intendant der Komischen Oper.

Das Internationale Forum ist seit 50 Jahren eine Plattform für professionelle Theatermacher. Ziel ist es, dass sich Künstler gegenseitig anstiften, austauschen und inspirieren können durch künstlerische Praxis und im Diskurs. 2.162 Stipendiaten waren seit 1964 beim Forum des Theatertreffens. Viele davon berichten, wie positiv und folgenreich ihre Teilnahme für die künstlerische Laufbahn war. Dennoch ist die Teilnahme viel mehr als eine Auszeichnung für den Lebenslauf. Die tiefere Bedeutung des Forums vollzieht sich weniger öffentlichkeitswirksam als vielmehr individuell. Das Forum setzt weder auf Repräsentation noch ist es Laufsteg für die Teilnehmer. Im Mittelpunkt steht die künstlerische Haltung der Stipendiaten und allen übrigen beteiligten Künstlern des Theatertreffens im (internationalen) Austausch und Vergleich. Diese Form der Förderung wird nur durch die enge Zusammenarbeit mit den Partnern möglich. Großen Dank an dieser Stelle den Goethe-Instituten, Pro Helvetia, den deutschen Kulturministerien sowie dem Deutschen Bühnenverein. Sie und sehr viele weitere unterstützten die Idee des Forums seit Jahrzehnten: Theatermachern eine Gelegenheit zu geben, sich außerhalb der Produktionen künstlerisch zu verständigen, über die Sprachen, die Sparten und die Ländergrenzen hinweg und in einer an Unsicherheiten reicher werdenden Welt. Das Internationale Forum hat sich über die fünf Jahrzehnte hinweg stetig verändert, so auch mit der Jubiläumsausgabe, mit der ich mich nach neun Jahren von dieser vitalen Theater-Weltinspirationsmaschine im Rahmen des Berliner Theatertreffens verabschiede.

Uwe Gössel
Leiter des Internationalen Forums