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Theatertreffen

Das Festival 2015

Das 52. Berliner Theatertreffen war vielseitig, politisch und wurde oft kontrovers diskutiert. Die Eröffnung mit Nicolas Stemanns Inszenierung von Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“ und der Thementag zu Flucht, Asyl und Einwanderungspolitik setzten gleich zu Beginn das zentrale Thema für das gesamte Festival. Die Auseinandersetzung mit Krieg und Flucht, Fremdsein und Fremdwerden sowie Problemen und Verantwortlichkeiten in einer globalisierten Welt begleiteten uns durch zahlreiche der 10 bemerkenswertesten Inszenierungen: Dušan David Pařízek Uraufführung von Wolfram Lotz‘ „Die lächerliche Finsternis“, Frank Castorfs zum letzten Mal gezeigter „Baal“, Yael Ronens Stückentwicklung „Common Ground“ und „die unverheiratete“ von Ewald Palmetshofer in einer Inszenierung von Robert Borgmann sind nur die prägnantesten Beispiele hierfür.

Neben diesem starken politischen Fokus war das Theatertreffen in diesem Jahr das Festival der Uraufführungen und Debütanten. Christopher Rüpings Filmadaption von „Das Fest“ und der musikalisch-installative „Atlas der abgelegenen Inseln“ von Thom Luz überraschten mit neuen und jungen Herangehensweisen an große Stoffe, Ivan Panteleevs Inszenierung von „Warten auf Godot“ knüpfte noch einmal an den Focus Gotscheff des letzten Jahres an. Insgesamt fünf der zehn eingeladenen Inszenierungen waren Uraufführungen.

Weitere Uraufführungen und ein vielfältiges Spektrum von Formen zeitgenössischer Autorschaft waren beim Stückemarkt in Szenischen Lesungen, Perfomances und Gastspielen zu erleben. Alexandra Badeas „Zersplittert“ und Stefan Wipplingers „Hose Fahrrad Frau“ verhandelten Fragen der Ökonomie des Tauschens und der Globalisierung in sehr eigenen Sprachen, Alexander Manuiloffs Performance „Der Staat“ forderte die Zuschauer und sorgte für lange Gespräche. „Another great year for fishing“ von Tom Struyf nahm das Publikum mit auf eine sinnliche und berührende Reise und Daniel Cremer / TALKING STRAIGHT verwandelten unser Festspielhaus für einen Tag lang in einen Ort, an dem man die Theaterkunst Mitteleuropas als faszinierende exotische Neuentdeckung erleben konnte.

Sie alle haben gemeinsam mit den Stipendiat*innen des Internationalen Forums, den Kritiker*innen des Theatertreffen-Blogs, den Juror*innen der Theatertreffen-Jury und mehr als 50 Expert*innen im Camp diskutiert und ausprobiert und dabei Fragen aufgeworfen, Antworten gesucht, Gemeinsamkeiten gefunden und auch Konflikte ausgehalten.

Darüber hinaus hat das Theatertreffen die 2014 begonnene Focus-Reihe fortgesetzt und ist dem Regisseur, Theatermacher und Autor Rainer Werner Fassbinder in aktuellen Inszenierungen, Filmscreenings und Diskussionen als Zeitgenossen auf den Grund gegangen. Susanne Kennedys „Warum läuft Herr R. Amok?“, eingeladen als eine der zehn Inszenierungen des Theatertreffens, war ebenso Teil dieses Focus‘ wie die Ausstellung „Fassbinder – JETZT“ im Martin-Gropius-Bau der Berliner Festspiele. Hanna Schygulla und Patrick Wengenroth präsentierten zwei Uraufführungen und die diesjährige Theatertreffen-Auszeichnung, die an die Regisseure der zehn eingeladenen Inszenierungen verliehen wird, wurde vom Künstler Olaf Metzel mit Fassbinder-Material gestaltet.

Neben dieser Auszeichnung wurde beim Theatertreffen traditionell auch der Theaterpreis der Stiftung Preußische Seehandlung verliehen – in diesem Jahr an Corinna Harfouch. Der 3sat-Preis an Lina Beckmann und der Alfred-Kerr-Darstellerpreis an Gala Winter zeichneten gleich zwei herausragende schauspielerische Leistungen aus Karin Henkels Inszenierung „John Gabriel Borkman“ aus. Das diesjährige Theatertreffen hat – auch und wieder als ein Fest der Schauspieler – gezeigt, dass auf der Bühne große Themen verhandelt werden können und müssen: „Wir können euch nicht helfen, wir müssen euch ja spielen.“ Dieser vielzitierte Satz aus „Die Schutzbefohlenen“ kondensiert Fragen, Zweifel und Skrupel, aber auch die Hoffnung, dass zu spielen sich lohnt und es Formen der Darstellung gibt, die über die Tagespresse hinausgehen und uns gerade deshalb etwas sehen lassen können.

Ich hoffe, dass Sie beim Theatertreffen viel gesehen und erlebt haben, Neues und Unerwartetes, Überraschendes und Aufregendes. Und ich freue mich, Sie im Mai 2016 beim 53. Theatertreffen wiederzusehen!

Yvonne Büdenhölzer
Leiterin des Theatertreffens