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Theatertreffen

Das Festival 2016

Das vergangene Theatertreffen zeigte eindrücklich die künstlerische Vielfalt der deutschsprachigen Theater, in der Diversität der Stoffe, der Inszenierungsansätze und der ästhetischen Formen von zeitgenössischen Regieteams. Auffällig viele Festivalnewcomer*innen präsentierten sich in diesem Jahr beim Theatertreffen. Die Bezugssysteme ihrer Interpretationen und Kreationen reichten von dadaistischen Texten über Roman- und Filmadaptionen, Stückentwicklungen, dokumentarische Zeugnisse bis hin zu zeitgenössischen Überschreibungen von Klassikern. Bei aller Unterschiedlichkeit der Ansätze verband die meisten Inszenierungen thematisch die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Umbrüchen und deren Folgen für das Individuum in einer Welt, in der eingespielte soziale Systeme nicht mehr greifen. Das Tableau der Inszenierungen spiegelte aus den Fugen geratene Gesellschaften und Familien, das Eindringen des „Fremden“ in hermetisch abgeschlossene Gemeinschaften und kritische Selbstbefragungen von Identität. Dies vollzog sich mal unmittelbar der gegenwärtigen Realität verhaftet, mal in Übersetzung und Verfremdung durch ästhetisches Zeichenvokabular.

Eröffnet wurde das 53. Theatertreffen mit der Bühnenadaption „Schiff der Träume“ nach dem gleichnamigen Film von Federico Fellini aus dem Hamburger Schauspielhaus. In Karin Beiers Deutung wurde daraus ein Sinnbild für ein selbstbezogenes Europa vor dem Untergang, müde sich den gegenwärtigen Entwicklungen zu stellen, zugleich ein Sinnbild für die Versuche der Theater, auf die globalen Herausforderungen mit den Mitteln der Kunst zu reagieren. Auch Yael Ronens Stückentwicklung zum Nahen Osten „The Situation“ mit dem kraftvollen Ensemble des Maxim Gorki Theaters erwies sich als Auseinandersetzung mit den globalen Konflikten aus der Perspektive Berlin-Neuköllns, das in den letzten Jahren zum Fluchtpunkt für viele Palästinenser und Israelis geworden ist. Die formstarke performative Installation „Tyrannis“ von Ersan Mondtag beschrieb metaphorisch die Störanfälligkeit von gesellschaftlichen Ritualen durch fremde Einflüsse. In der Verzahnung mit Brahms’ „Ein Deutsches Requiem“ brachte Anna-Sophie Mahler in „Mittelreich“ Josef Bierbichlers Auseinandersetzung mit Identität, Herkunft und deutscher Geschichte als Zwitter zwischen Schauspiel und Musiktheater auf die Bühne. Als zeitlose Versuchsanordnung lotete Daniela Löffner mit ihrem starken Ensemble des Deutschen Theaters in Iwan Turgenjews „Väter und Söhne“ behutsam die Orientierungslosigkeit der Menschen in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche aus. Mit den Mitteln des dokumentarischen Theaters setzten sich Hans-Werner Kroesinger und seine Dramaturgin Regine Dura in „Stolpersteine Staatstheater“ mit einem dunklen Kapitel der Geschichte des Badischen Staatstheaters Karlsruhe auseinander, indem sie die Diskriminierung von jüdischen Theatermitarbeiter*innen während des nationalsozialistischen Regimes vielschichtig aufarbeiteten. Auch der Klassiker des Theatertreffens und Experte für gesellschaftliche Störfälle, Henrik Ibsen, war in diesem Jahr wieder vertreten, mit zwei Stücktiteln. Sowohl „John Gabriel Borkman“ in der Regie von Simon Stone wie auch „Ein Volksfeind“ in der Regie von Stefan Pucher kennzeichnete ein starker Gegenwartsbezug. Simon Stones Inszenierung in der Schneelandschaft Katrin Bracks hat mit seinen fulminanten Schauspieler*innen Birgit Minichmayr, Martin Wuttke und Caroline Peters Ibsens Originaltext partiell weitergeschrieben und in die Welt des Social Media verortet, während die radikale Überschreibung von „Ein Volksfeind“ durch den Journalisten Dietmar Dath den Newspeak der urbanistischen Mediendemokratie anschlug.

Ein wahres Fest der Schauspielkunst boten die Nostalgie-Radio-Show „Effi Briest – allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie“, deren fantastische Schauspieler*innen mit schmissigen Pop-Hits voll unerfüllter Sehnsucht von verpassten Befreiungen in der Jugend erzählten, und Herbert Fritschs anarcho-poetische Konrad Bayer-Revue „der die mann“, einer virtuos-akrobatischen Textpartitur in knalligem Bühnen-Rot-Blau-Gelb.

Der Stückemarkt machte sich europaweit auf die Suche nach politischen Dimensionen von Narrativen und richtete sein Augenmerk darauf, wie die veränderte politische Realität der europäischen Gesellschaften in Zeiten globaler Umbrüche ihren Niederschlag erfährt. Augenfällig war die Bandbreite zeitgenössischer Autor*innenschaft, die von partizipativen, choreografischen und installativen Projekten bis hin zu dokumentarischen und literarischen Theaterarbeiten reichte. Ein neuer globaler Realismus zeichnete sich in der Auswahl ab, die sich überwiegend auf Basis dokumentarischen Materials mit Themen wie Völkermord, der Aufarbeitung der eigenen Geschichte, Kriegsszenarien, Gewaltherrschaft und Kulturverlust beschäftigte. Der von der Bundeszentrale für politische Bildung neu ausgelobte Werkauftrag ging an Bara Kolenc und Atej Tutta aus Slowenien.

Das Internationale Forum setzte die Reflexion über das Spannungsfeld von Kunst und Politik in Workshops mit erfahrenen Künstler*innen fort und öffnete einen globalen Workspace zur Diskussion und Vertiefung gesellschaftlicher Fragestellungen.

Auch in diesem Jahr lud das Theatertreffen-Camp, in dem sich die thematischen und ästhetischen Diskursfäden des Festivals verdichten, zu 17 Tagen Diskurs, Partizipation und Kontroverse ein. Das Eröffnungswochenende stand durch die veränderten politischen Realitäten und die humanitäre Katastrophe der globalen Migration ganz im Zeichen des Focus „Arrival Cities – Willkommensland Deutschland?“. In unterschiedlich akzentuierten Gesprächen wurde gemeinsam mit Zuschauer*innen, Theater- und Kulturschaffenden, Politiker*innen und Expert*innen über Zukunftsstrategien für eine offene Gesellschaft von morgen nachgedacht. Am mittleren Wochenende wurden im Rahmen eines Künstler*innengipfels, an dem sich eine junge Generation von Theatermacher*innen aus der ganzen Welt beteiligte, in Workshops erarbeitet, wie künstlerische Praktiken konkret helfen können, neue Sozialformen von „Citizenship“ zu entwickeln. Am letzten Wochenende erforschte das Theatertreffen in einem Focus „Skulptur/Performance/Schauspiel“ an der Schnittstelle zur Bildenden Kunst und Performance Art die gewandelte Rolle von Schauspieler*innen in Zeiten interdisziplinärer Konzepte. Damit wurde zugleich der künstlerische Ideenaustausch mit dem Martin-Gropius-Bau der Berliner Festspiele fortgesetzt, wo man zeitgleich zum Theatertreffen die Ausstellung „Mach dich hübsch!“ von Isa Genzken sehen konnte. Im Rahmen dieses Focus waren die installative Ur-Lesung des Drehbuchs von Isa Genzken „Skizzen für einen Spielfilm“ zu erleben und Susanne Kennedys frühe Theaterinstallation „Hideous (Wo)men“.

Bereichert wurde das Theatertreffen auch in diesem Jahr durch unser Education-Programm, das es Studierenden von zehn internationalen Kunsthochschulen und Universitäten ermöglichte, am Open Campus Programm des Theatertreffens teilzunehmen.

Der Theaterpreis der Stiftung Preußische Seehandlung ging in diesem Jahr an Shermin Langhoff und Jens Hillje vom Maxim Gorki Theater für ihre außerordentlichen Leistungen für das deutsche Theater. Dem Regisseur Herbert Fritsch wurde der 3sat-Preis für richtungsweisende, künstlerisch-innovative Impulse vergeben und der Alfred-Kerr-Darstellerpreis wurde von der Jurorin Maren Eggert für herausragende schauspielerische Leistungen an Marcel Kohler verliehen. Im Rahmen des Programms „Be my Guest“ hat der Künstlerische Leiter Itzik Giuli vom Israel Festival in Jerusalem die Inszenierung „der die mann“ zu seinem Festival eingeladen. Der 2015 etablierte Theateraustausch mit China wird auch 2016 drei ausgewählte Inszenierungen nach China bringen.

Zu guter Letzt war das Theatertreffen wieder ein Fest der Schauspieler*innen. Bei keinem anderen Festival kann man innerhalb von 17 Tagen so viele herausragende Schauspieler*innen erleben wie Michael Wittenborn, Charly Hübner, Lina Beckmann, Robert Hunger-Bühler, Caroline Peters, Birgit Minichmayr, Martin Wuttke, Oliver Stokowski oder wie gewohnt Lars Eidinger am Plattenteller der großen Theatertreffen Bergfest-Party und Josef Bierbichler, der als Autor sein Debüt gab.

Für uns gilt: Nach dem Festival ist vor dem Festival. Die Vorbereitungen für das Theatertreffen 2017 sind bereits angelaufen und wieder fiebern wir der nächsten Edition des Theatertreffens entgegen, die Altbewährtes, Neues, Kontroverses mit sich bringen wird. Wir hoffen auf Ihre ungebrochene Neugierde und würden uns sehr freuen, Sie auch im nächsten Jahr wieder als unsere Gäste begrüßen zu dürfen.

Yvonne Büdenhölzer
Leiterin des Theatertreffens

Das Theatertreffen wird gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes. Medienpartner ist 3sat.

Wir danken unseren Partner*innen für die Unterstützung.