Theatertreffen

Die Auswahl 2016

Am 3. Februar 2016 hat die Jury die Auswahl für das 53. Theatertreffen bekannt gegeben.

Es wurden 394 Inszenierungen in 59 deutschsprachigen Städten besucht. 741 Voten gingen bei uns ein und die einzelnen Juroren haben jeweils zwischen 78 und 131 Inszenierungen gesehen. Insgesamt wurden 38 Inszenierungen vorgeschlagen und diskutiert.

Das Theatertreffen-Team gratuliert den ausgewählten Regisseur*innen, Ensembles und Theatern!

der die mann

nach Texten von Konrad Bayer
Regie Herbert Fritsch
Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin
Uraufführung 18. Februar 2015
www.volksbuehne-berlin.de

Herbert Fritsch hat es wieder getan: Theater als Abstraktionskunst und Schauspieler *innenfest zusammengeführt. Mit einem Sprachkünstler, dessen Liebe zur rhythmisierten Sinnfreiheit der von Fritsch in nichts nachsteht: dem Wiener Wörterdadaisten Konrad Bayer, für den Sprache Klang war und Bedeutung nur Neben- und Nachhall. Die Sprache entzweit und stiftet Gemeinschaft. Fritschs wunderbare Performer-Brüder und -Schwestern im Geiste geben sich die Worte und nehmen sie sich: ein kollektives Murmelmurmel, das plötzlich einen zurücklässt, der arios und tieftraurig vom Alleinsein singt: „Niemand hilft mir.“ Doch das ist nicht das letzte Wort; denn jetzt kommt Karl! Erst einer, dann zwei, dann sieben Karls, „der ganze Karl hat sich da versammelt“. Und beim letzten „Kaaarl“ hat das „a“ einen langen Hall und geht gleich über ins sich rhythmisch verbrüdernde „a und o“ der kompletten Buchstabenabstraktion. Eine Stimme, ein Rhythmus, ein Körper – ein wonnevoller Moment der Utopie, zerbrechlich und stark.

Effi Briest – allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie

von Clemens Sienknecht und Barbara Bürk nach Theodor Fontane
Regie Clemens Sienknecht und Barbara Bürk
Deutsches Schauspielhaus, Hamburg
Premiere 19. September 2015
www.schauspielhaus.de

Die Idee tritt auf wie einer dieser typischen Spielplaneinfälle von ziemlich gewollter Originalität: der traurige Tugendtod der Effi Briest wird inszeniert als lustige Radio-Show. Umso größer die Überraschung, dass die Beziehung von musikalischer Blödelei und ernstem Erzählen zur Liebesheirat taugt. Clemens Sienknecht und Barbara Bürk führen im gemütlichen Samtsessel-Ambiente von „Radio Briest“ die entscheidenden Szenen aus Fontanes wilhelminischer Kränkungstragödie mit der lockeren Pseudo-Freiheit der Siebziger als schräges Musical zusammen. Und das gelingt, weil beide Epochen sich ständig in ihren Verlegenheiten spiegeln. Der Wunsch, ganz anders sein zu wollen, als der geltende Kodex es vorschreibt, führt in beiden Zeiten zu Unfällen der misslungenen Befreiung. Natürlich ist das Patchwork aus seriös kostümierten Schlüsselszenen und Pointen eines Provinzradios voll peinlicher Pullunder- und Paisleyhemdtypen mit dem Faden der Ironie vernäht. Aber wie daraus ein großes unterhaltendes Fest der traurigen Betrachtung wird, das ist ein echter Hit.

Ein Volksfeind

von Henrik Ibsen
In einer Bearbeitung von Dietmar Dath
Regie Stefan Pucher
Schauspielhaus Zürich
Premiere 10. September 2015
www.schauspielhaus.ch

Regisseur Stefan Pucher umgeht das Risiko einer halbherzigen Aktualisierung des Stoffes, indem er eine konsequente Aktualisierung vorzieht. Dietmar Daths Fassung ist dabei mehr als hilfreich, er trifft den Newspeak der Mediendemokratie zielgenau, ohne Ibsen oder die Story dafür zu verraten. Das Heim von Dr. Tomas Stockmann hat Dath in eine Kleinstadt „mit der fortschrittlichsten Kommunalverwaltung aller Zeiten“ verpflanzt. Anfangs verwechselt Markus Scheumanns Tomas die shiny happy people um sich herum mit aufrichtigen Stützen der Gesellschaft. Dass sein Bruder, der Bürgermeister, eine graue Eminenz ist, kriegt der Badearzt zwar mit, aber man darf ja wohl noch an das Gute im Menschen glauben. Genau das ist sein Kunstfehler. Robert Hunger-Bühler alias Peter Stockmann weiß derweil die Tricks von Open Government zu seinen Gunsten anzuwenden. Wem er welche Information via Smartphone einflüstert, und wann es angebracht ist, persönlich im Newsroom eines Schlüsselmediums zu intervenieren: Der Lokalpolitikprofi hat das Timing. Stockmann vs. Stockmann, darauf läuft der Konflikt hinaus. Inszeniert als intrigantes Talkshowspektakel, bei dem das Publikum die Wahl hat: Es kann im Foyer auf Billings Suggestivfragen einsteigen oder im Saal Tomas Stockmann die Treue halten – dem Unbeugsamen, dem der Shitstorm seiner Stadt noch bevorsteht.

John Gabriel Borkman

nach Henrik Ibsen von Simon Stone
Regie Simon Stone
Burgtheater im Akademietheater, Wien / Wiener Festwochen / Theater Basel
Premiere Wien 28. Mai 2015
Premiere Basel 30. Januar 2016
www.burgtheater.at | www.festwochen.at | www.theater-basel.ch

Die Methode des 31-jährigen Australiers Simon Stone ist einfach, doch frappierend: Von den Stücken, denen er sich widmet, bleibt nur wenig Original-Text erhalten. Er erzählt die Geschichte in eigenen, heutigen Worten neu. Auch bei Ibsens „John Gabriel Borkman“ befinden wir uns in der Gegenwart, in der man sich selbst googelt und einander auf Facebook folgt. Der Finanzskandal, der Borkman ins Gefängnis brachte, hat hartnäckige Spuren im Internet hinterlassen. Ähnlich wie die Figuren, die sich im Dauer-Schneefall von Bühnenbildnerin Katrin Brack erst allmählich aus den Schneeanwehungen wühlen, sind Schmach und Schande nur oberflächlich verdeckt. In der winterlichen Landschaft dieser immer wieder erstaunlich witzigen Aufführung geht eine Wolfsgesellschaft ans gegenseitige Zerfleischen. Martin Wuttke als langhaariger, heruntergekommener, in Kübel pissender Outcast Borkman, Birgit Minichmayr als seine schwer enttäuschte Frau, die alkoholabhängige Diva Gunhild, und Caroline Peters als ihre krebskranke, zum Sterben heimkehrende Schwester, schenken einander nichts. Die anderen nehmen da entweder Reißaus (Max Rothbart als Sohn Erhart) oder kommen unter die Räder (Roland Koch als versponnener Foldal). Hochdrucktheater, in dem keine Gefangenen gemacht werden und noch die Sterbenden mit dem „Victory“-Zeichen abtreten.

Mittelreich

Musiktheater nach dem Roman von Josef Bierbichler
Regie Anna-Sophie Mahler
Münchner Kammerspiele
Uraufführung 22. November 2015
www.muenchner-kammerspiele.de

Mittelreich zu sein macht mehr Beschwerden, als man sich gemeinhin ausmalt. Als Gefangener seines Traditionsbetriebs scheint dem Seewirt gar nichts anderes übrig zu bleiben, als die Fehler früherer Generation zu wiederholen. Ausbrechen kommt offenbar nicht infrage, dazu ist die Bodenhaftung zu heftig. Das ist der eine Strang der Handlung, den Anna-Sophie Mahler in Sepp Bierbichlers Buch freilegt. Der andere Strang erzählt von der Flüchtlingsflut, den Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg, die zwangseinquartiert wurden und schon daher auf Ressentiments stießen. Je unaufdringlicher ein Jochen Noch als Viktor sich räuspert und nur das Nötigste sagt, desto tiefer kriecht einem das unter die Haut, diese Erkenntnis, dass der Kampf ums Wohlstandsrevier ein ganz archaischer ist, eine Instinktsache. Es gibt in dieser Adaption eine ganze Reihe von feinen Figurenzeichnungen und herausragenden Chorarrangements. Aber die Gefahr, dass diese Arrangements ins Genießerische abdriften, bannt der zweite Teil mit seinen Härten. Extrem stark die Verwandlung Annette Paulmanns, die im Stuhlumdrehen von der resoluten Wirtsfrau zur dementen Alten verwelkt. Wunderbar dosiert Steven Scharfs Bekenntnisse vom Irrsinn im Buben-Internat, wo er unter die Pfaffen fällt und aus lauter Heimweh und Zärtlichkeitsbedürfnis viel zu viel mit sich anstellen lässt.

Schiff der Träume

Ein europäisches Requiem nach Federico Fellini
Regie Karin Beier
Deutsches Schauspielhaus, Hamburg
Premiere 5. Dezember 2015
www.schauspielhaus.de

Anderthalb Stunden lang zitiert Karin Beier auf dem Begräbnis-„Schiff der Träume“ (nach Fellinis Untergangsfilm) immer wieder zart ironisch Marthaler-Momente (mit den Marthaler-Schauspieler*innen Bettina Stucky, Rosemary Hardy, Sasha Rau und Joseph Ostendorf als Teil ihrer umwerfenden Crew), musikalisch, skurril, melancholisch. Wunderbares deutsches Stadttheater! Bis Komponist Wolfgang und seine Sinfonie „Human Rights No. 4“ von seinem maliziösen Orchester posthum endgültig erledigt sind und sich der Staub einer schönen Ironiekultur aus der Urne ergießt. Denn jetzt kommt der Cut: Schwarze Performer, die die Rolle der Geflüchteten einnehmen, entern das Theaterschiff, eine Fünfer-Gang (unter ihnen Gotta Depri und Michael Sengazi, gestählt in Gintersdorfer/Klaßens deutsch-ivorischen Performances). Kein delikates Licht mehr, keine zart tröpfelnde Musik. Sie sind dreist, laut, offensiv und wollen ans Oberdeck. Die nächsten anderthalb Stunden versetzt ihre selbstbewusste Performance das Bestattungsorchester ins Torkeln zwischen Menschenfreundlichkeit und Besitzstandswahrung, bis zum Kulturen übergreifenden Tanz. Die endgültige Selbstaufgabe der dekadenten Europäer*innen? Noch nicht! Man wird weiterarbeiten müssen in der profund verunsicherten Good-Will-Zone, in der die Rollenverteilungen möglicherweise neu zu verhandeln sind.

Stolpersteine Staatstheater

von Hans-Werner Kroesinger
Textfassung Regine Dura
Regie Hans-Werner Kroesinger
Badisches Staatstheater Karlsruhe
Premiere 21. Juni 2015
www.staatstheater.karlsruhe.de

Der Regisseur Hans-Werner Kroesinger und die Dramaturgin Regine Dura haben aus Personalakten des Staatstheaters Karlsruhe rekonstruiert, wie antisemitische Diskriminierung und die Entlassung linker und liberaler Theaterkünstler*innen nach 1933 im Detail funktioniert hat. Schauspieler*innen lesen an einem großen Arbeitstisch, an dem sie zusammen mit den Zuschauer*innen sitzen, Akten, Zeitungsberichte, Memoiren, Zeitzeugen-Interviews. Sie wechseln dabei immer wieder für kurze Passagen ins Spiel. Man erfährt wie in Karlsruhe jüdische Schauspieler*innen, eine jüdische Souffleuse und der Intendant entlassen, verhaftet, ins Exil oder den Suizid getrieben wurden. Die einzelnen Künstler*innen werden nicht auf ihren Opfer-Status reduziert, es entstehen knappe, dichte Porträts. Das bürokratische Prozedere, das den sozialen Ausschluss und die Vorbereitung des Völkermords juristisch im Detail regelt, die Legitimation durch Verfahren, die noch in den Hetzartikeln des lokalen NS-Blatts die Diskriminierung gerne durch Nennung der entsprechenden Paragrafen rechtsstaatlich kaschiert, die höflichen, formal stets korrekten Briefe eines Oberregierungsrats, die der jüdischen Souffleuse die Rechtmäßigkeit ihrer Entlassung bescheinigen, machen die Inszenierung zu einem Lehrstück über das wertfreie Funktionieren staatlicher Bürokratie.

The Situation

von Yael Ronen & Ensemble
Regie Yael Ronen
Maxim Gorki Theater, Berlin
Uraufführung 4. September 2015
www.gorki.de

Als „The Situation“ bezeichnen im Nahen Osten Palästinenser*innen wie Israel*innen ihre jahrzehntealte Unversöhnlichkeit. Jetzt treffen sie in Berlin aufeinander: der Palästinenser*innen mit israelischem Pass, die israelische Schauspielerin, der palästinensische Parkour-Springer, der syrische Filmemacher, die schwarze Palästinenserin. Im Deutschkurs fordert Stefan ihnen auf pädagogisch wertvolle Fragen („Wer bist Du?“) korrekte deutsche Antworten ab. Und bekommt sie natürlich nicht. Yael Ronens vitale Performer*innen mit ihren semi-biografischen Geschichten sind alles andere als mitleidheischende Projektionsflächen. Die vielsprachige Deutschstunde ist radikal komisches Polit-Kabarett der Selbstbehauptung. Yael Ronens Diversitätspatchwork bringt sämtliche fixen Bilder von Migration und Integration zum Zerbröseln. Lauter Einzelne beschwören am Ende die Hoffnung auf das Unmögliche, das manchmal doch geschieht: sich zu verständigen. Anzukommen.

Tyrannis

von Ersan Mondtag
Regie Ersan Mondtag
Staatstheater Kassel
Uraufführung 10. Dezember 2015
www.staatstheater-kassel.de

Im dunklen Wald ruft der Muezzin, der Vater kehrt mit der Axt nach Hause und geht in den Keller, ein sehr dickes Mädchen erschüttert das Haus mit trotzigem Aufstampfen. In „Tyrannis“ von Ersan Mondtag ist ständig Märchenstimmung, aber von der unheimlichen Art. Die rothaarige Familie mit ihren Avatar-Bewegungen, die man per Überwachungskameras in ihren Zimmern und live in einer sonderlichen Wohnküche beobachtet wie im Menschenzoo, spricht nicht, lebt nach festen Ritualen und verbirgt Geheimnisse. Sind schreckliche Dinge in der Vergangenheit geschehen, oder erwarten die zombiehaften Einfamilienhausseelen sie erst? Assoziationen an Horrorfilme und Computerspiele, David Lynch und Brüder Grimm, aber auch an Kleinbürgerenge à la Fassbinder und das verschämte Personal von Christoph Marthaler stellen sich bei der geduldigen Betrachtung von Mondtags Zimmerweltträumen ein. In der bildmächtigen Verdichtung, die der 28-jährige Performer und Regisseur aus diesen Einflüssen komponiert, entsteht ein intimer Grusel des Alltags in berückend eigensinniger Atmosphäre.

Väter und Söhne

von Brian Friel nach dem Roman von Iwan Turgenjew
Regie Daniela Löffner
Deutsches Theater, Berlin
Premiere am 12. Dezember 2015
www.deutschestheater.de

Daniela Löffner ist eine klar erzählte, bei aller spielerischen Leichtigkeit kluge und sensible Inszenierung gelungen. Ihre Bearbeitung von Turgenjews Roman „Väter und Söhne“ vertraut den Schauspieler*innen. Sie zeigt einfühlsam, genau und nicht ohne Komik in ihren Gefühlen verhedderte Menschen, denen man über die vier Stunden der Aufführung gebannt zusieht. Turgenjews Roman spielt einen Generationenkonflikt unter Privilegierten durch. Wie es sich die Studenten in der Pose der großen Verweigerung gemütlich machen und stolz ihren Nihilismus verkünden, während das Dienstmädchen ihnen den Tee serviert, sind sie von heutigen Hipstern kaum zu unterscheiden. Löffner ist als Regisseurin, genau wie Turgenjew als Autor, keine Ideologin, sondern eine hellsichtige, mit menschenfreundlichem Witz gesegnete Beobachterin. Also wertet sie nicht, sondern lässt die Konflikte im Vertrauen auf die konturscharf gezeichneten Charaktere mit schöner Beiläufigkeit abrollen. Ihrer Regie gelingt das Kunststück, Turgenjew als Vorläufer Tschechows zu zeigen und das Spiel in der Balance zwischen trockener Komik und unsentimentaler Melancholie zu halten.

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Alle Produktionen, über die die diesjährige Jury debattiert hat.

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