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Workshop 1 – Theater, Text, Diskurs
René Pollesch als René Pollesch
geleitet von René Pollesch

Polleschs Stücke erzählen von Menschen, die sich – gewollt oder ungewollt – in den modernen Lebensverhältnissen wiederfinden. Sie kämpfen und lieben und suchen in all ihren Auseinandersetzungen den Sinn ihres Tuns. Pollesch verbindet seine in der ganzen Welt gesammelten Geschichten mit theoretischen Texten, philosophischen oder sozialwissenschaftlichen, reichert sie mitunter mit Anleihen aus bekannten Filmen an und gibt sie – als Theaterabende getarnt – einem großstädtischen Publikum zurück. Ein Markenzeichen Polleschs sind die von Schauspielerinnen herausgeschleuderten und geschrieenen Tiraden im Stil von wissenschaftlichen Fachtexten. Fast jegliche Form einer Psychologisierung der Figuren wird umgangen und lustvoll die Differenz zwischen Sprechenden und Besprochenen unterstrichen. Die Darstellerinnen, deren Namen häufig identisch sind mit denen ihrer Figuren, mutieren zu leidenschaftlichen Diskursträgerinnen der Pollesch-Theater-Maschine, die ausgeklügelte Zitatcollagen produziert.

In den jüngsten Arbeiten wie „Diktatorengattinnen I“ sieht der Zuschauer neuerdings ein traditionelles Rollenspiel mit Figuren wie in nacherzählbaren Handlungen, was bislang in Polleschs Arbeiten nicht möglich schien. Der Autor Pollesch fungiert weiter als Durchlauferhitzer für die Themen, die ihn umtreiben: das Ausgeliefertsein des Einzelnen in einer vorgenormten Welt, Sexismus, Rassismus, Kapitalismus, Ausbeutung und Ungerechtigkeit. Das Personal seiner Stücke umfasst die Bandbreite vom Filmhelden und Politikschurken bis zum vom urbanen Leben gestressten und ausgebeuteten Angestellten oder Sexsklaven. Alle diese Figuren sind entwurzelt, paranoid, hysterisch und immer auf der Suche nach der sinnstiftenden Reflexion des Ganzen, schon die Liste der Stücktitel kann hiervon einen ersten Eindruck geben:

Java in a box 1-10. Heidi Hoh arbeitet hier nicht mehr. JavaTM zeigt Gefühle. www-slums 1-7. Frau unter Einfluss. Heidi Hoh 3 – Die Interessen der Firma können nicht die Interessen sein, die Heidi Hoh hat. Stadt als Beute. Insourcing des Zuhause. Menschen in Scheisshotels. smarthouse. 24 Stunden sind kein Tag. freedom, beauty, truth & love – Das revolutionäre Unternehmen. Människor på skithotell (Stockholm). Sex (Sao Paulo). Svetlana in a Favela. Pablo in der Plusfiliale. Hallo Hotel…! Prater-Saga. Stadt ohne Eigenschaften. Der okkulte Charme der Bourgeoisie bei der Erzeugung von Reichtum. Häuser gegen Etuis. Cappuccetto Rosso. Schändet eure neoliberalen Biographien! Notti senza cuore – Life is the new hard! Soylent green is money (Tokyo). Wann kann ich endlich in einen Supermarkt gehn und kaufen was ich brauche allein mit meinem guten Aussehen? L’affaire Martin! Das purpurne Muttermal. Tod eines Praktikanten. Solidarität ist Selbstmord. Ragazzo dell’Europa (Warszawa). RRS (Sofia). Liebe ist kälter als das Kapital. Diktatorengattinnen I.

René Pollesch betreibt zusammen mit den Schauspielern, Ausstattern, Dramaturgen und allen übrigen ein Theaterkombinat, das durch die zahlreichen gemeinsam erarbeiteten Produktionen über reiche Erfahrungen verfügt, die mit dem Autor Pollesch gemeinsam entwickelten Texte umzusetzen.

Zu seinem Workshop notiert René Pollesch:
„Mich interessiert Theater, das spontan auf das reagiert, was um uns herum passiert, sei es hier in der Stadt oder sonst irgendwo. Mich interessieren die Leute um mich herum, was sie denken, machen oder fühlen. Mich interessiert, wie beides zusammengehen kann: die Menschen und die Gegenwart. Und dann fragen wir uns, wie wir daraus Theater machen können, ein Theater, das mit uns, mit dem Hier und Jetzt zu tun hat. Wie dieses Theater aussehen kann. Wenn wir im Mai 2008 in Berlin zusammenkommen, werden wir sehen, was uns interessiert und was wir miteinander anfangen wollen.“
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