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Workshop 3 – Körper, Kunst, Kontext
Verwandte Gesten. Sich neben Antigone bewegen
geleitet von deufert + plischke

Zwillinge setzen sich von Geburt an miteinander auseinander. Nähe, Distanz und die Grenzen des Individuellen müssen geklärt, erstritten und verteidigt werden. In ihrer Gemeinsamkeit sind Zwillinge mehr als zwei. Die beiden Konzeptkünstler und Choreografen Kattrin Deufert und Thomas Plischke haben ihrer Lebens- und Arbeitsgemeinschaft das besondere Verwandtschaftsverhältnis der Zwillinge zu Grunde gelegt und nutzen es für ihre künstlerische Symbiose als Metapher der engst möglichen Beziehung. Seit 2001 unterlaufen sie mit ihrem Modell die gängige Normierung heterosexueller Paare. Durch ihre besondere Form der Zusammenarbeit als „Zwilling“ entwickelten sie seither sowohl eine klare Bewegungssprache, als auch eine experimentelle choreografische Praxis, die ihnen Übersetzungen von inhaltlichen Themen und visuellen Medien in Bewegung ermöglicht. Ihre Performances integrieren Körper ebenso wie Klang, Raum, Kunstfilm und dokumentarisches Material und kreisen inhaltlich um biografische Prägungen wie besondere Erfahrungen, Verlust und Vergangenheit. Choreografie fängt für sie deshalb nicht erst im Probenraum an, sondern jedes ihrer Projekte ist geprägt durch einen ganz eigenen Forschungsprozess, dessen Gegenstand die Dauer der Auseinandersetzung formuliert. Er erfolgt in verschiedenen sozialen Räumen, und seine künstlerische Umsetzung findet in den unterschiedlichsten Medien seinen Niederschlag.

„Kattrin Deufert und Thomas Plischke gelten, nicht zuletzt aus einem politischen Blickwinkel, als die wichtigsten Tanzkünstler in Europa“ (Pieter T’Jonck im Jahrbuch balletanz 2006). Helmut Ploebst sieht im Künstlerzwilling deufert + plischke „heute eine der wichtigsten Positionen der deutschsprachigen Choreografie repräsentiert“ (Jahrbuch ballettanz 2007).

Neben ihren künstlerischen Projekten sind Workshops, Seminare und Training zentraler Bestandteil ihrer Arbeit. Im Mittelpunkt stehen dabei Techniken der Auf- und Weitergabe von Ideen und Interessen. Die Teilnehmer erfahren durch die Aufgabe ihrer alleinigen Autorenschaft – und damit die Zurücknahme der eigenen Person – zugunsten einer gemeinsam geteilten Projektskizze die Dynamik von kollektiven ästhetischen Prozessen. Kern ihrer Arbeit ist ein körperliches Training, das sie eigens für diese Auseinandersetzung entwickelt haben. Sie lenken darin die Aufmerksamkeit auf die körperlich nicht zu unterdrückende, spezifisch körpereigene Lust und Unlust. Alltägliche Situationen können so zur Grundlage der Frage nach dem Unterschied zwischen „etwas tun“ und dem „so tun, als ob“ werden.

Zu ihrem Workshop „Verwandte Gesten. Sich neben Antigone bewegen“ schreiben Kattrin Deufert und Thomas Plischke:
„Ausgangspunkt ist Antigone aus der Tragödie von Sophokles. Schon der Name Antigone steht für die Grenzen des Verstehbaren, das an den Grenzen der Verwandtschaft sichtbar wird: Antigone ist im Griechischen konstruiert als Anti-Generation / Anti-Geschlecht / Anti-Geschlechtlichkeit. Das ‚Antigoneische Subjekt‘ (Marcus Steinweg) ist ein Subjekt der Entscheidung, ein Subjekt der Kunst, ein Subjekt der Selbstbeschleunigung, ein Subjekt der Übertreibung und der Verwundbarkeit. Ihr ‚ich sage, ich habe es getan und leugne es nicht’ zeugt von einer möglichen Sprache der Kunst, die sich selbst an den Rändern eines Rückzugs von der Aktion formuliert und politisch bleibt, indem sie resistent ihr Todesbegehren lebt.

Die Lektüre der Antigone erlaubt es, sich ihr individuell anzunähern. Antigone spricht sowohl die Sprache der Verwandtschaft, die des Staates als auch die der Konfrontation mit Liebe und Moral. Hartnäckig verkörpert sie ein Selbstbewusstsein, das sich immer an der Grenze von Dualismen (Familie–Staat, Kultur–Religion, Mann–Frau, Leben–Tod, Frieden–Krieg) formuliert. Damit entblößt sie binäre Modelle selbst als Monster.

Um sich den verschiedenen Aspekten des Antigone-Stoffes zu nähern und dabei die unterschiedlichen Hintergründe der Teilnehmer mit einbeziehen zu können, arbeiten wir unter dem Motto ‚Formulierung/Reformulierung‘: Mit dieser Schreibmethode entstehen kurze Texte, die sich nach und nach zu einem gemeinsam erarbeiteten Schriftstück formen. Elementarer Bestandteil des Workshops ist ein körperliches Training. Wichtiger Aspekt unserer Bewegungsarbeit sind dabei die eigenen Bewegungsmöglichkeiten sowie die persönliche Präsenz jedes Einzelnen. Wir arbeiten mit der Unmöglichkeit, mit sich im eigenen Körper identisch zu sein – vor allem auf der Bühne. Dieses Paradox des Körpers nimmt heute eine zentrale Fragestellung ein. Erst im Verlauf wird sich die Frage nach dem künstlerischen Medium stellen, in das die Gedanken, Worte und Texte einfließen können. Wird das, was wir vielleicht als Textkorpus am Ende in Händen halten, ein Buch, ein Film, ein Bild, eine Musik oder eine Choreografie sein? Diese Methode bietet die Möglichkeit, die Suche nach künstlerischen Methoden, das Denken der anderen, den Aufbau des erstens Gedankens und seiner Kontextualisierung und Strukturierung kennen zu lernen. Jeder Teilnehmer stiftet mit seiner Art sich zu bewegen, mit seiner Sprechweise und seinem Vokabular einen Teil am gemeinsamen Textkörper, der wiederum als Material dient. Es entstehen so völlig eigenständige Gesten, die durch den gemeinsamen Prozess einander verwandt zu sein scheinen.

Für den Workshop sind alle möglichen Vorkenntnisse nützlich, aber keine werden zwingend vorausgesetzt. Im Gegenteil. Entscheidend ist das Interesse, sich auch jenseits der Grenze des reinen Sprechtheaters bewegen zu wollen. Eine kindliche Bewegungsneugierde und Lust am Schreiben sowie bequeme Kleidung sind erwünscht.“

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