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Pressestimmen zu LA RÉVOLTE DES MANNEQUINS
Zu sehen vom 3. bis 10. November (nonstop)

spiegel.de, Tobias Becker, 1. November 2008

Ins Kaufhaus, Puppe!
Mitten in der Finanzkrise bekommt Berlin ein neues Theater: das Kaufhaus des Westens. In zehn Schaufenstern laufen zehn spannende Mini-Dramen. Die Darsteller? Ausbeutbar wie sonst kein Arbeitnehmer. Sie sind nämlich aus Plastik.

Das ist ja etwas aus der Mode gekommen: sich die Nase platt zu drücken an Schaufenstern von Karstadt, Kaufhof und Co. Weil das Prinzip Warenhaus aus der Mode gekommen ist, klar, und vielleicht auch, weil das Prinzip Lustkauf irgendwie nicht mehr auf der Höhe der Zeit zu sein scheint, in der Konsum- und Wirtschaftskrise.
Gegen dieses Dilemma hat die französische Compagnie „Royale de Luxe“ leider kein Rezept anzubieten, aber dafür hat sie Ideen zur Überwindung der Schaufenster-Krise. Das ist doch immerhin ein Anfang. Das Konzept ist so bescheiden wie charmant: Schaufenster, in denen es wieder etwas zu schauen gibt. Macht die Warenhäuser zu Theatern!
Wer die Geschichte in Berliner KaDeWe komplett sehen will, muss jeden Tag wiederkommen. Oder am besten gleich bleiben. Ein Traum für jedes Kaufhaus. […]

Die Welt, Alexandra Maschewski, 4. November 2008

Liebe und Gewalt im Schaufenster
KaDeWe will Passanten durch Kunstinstallation provozieren

[…] Die Passanten reagieren unterschiedlich. Etliche, vor allem ältere, verharren kurz, werfen einen kurzen Blick auf die Szenen, gehen dann aber weiter. […] Die Reaktion der jungen Betrachter ist dagegen durchweg positiv. Petra Bratova (23) aus Berlin: „Ich habe so etwas schon in London gesehen. Das ist ein guter PR-Gag, der die Leute animiert, wiederzukommen.“ Ähnlich eine junge Wilmersdorferin: „Ich finde das gut. Es ist mal was anderes und bildet einen schönen Kontrast gerade zum KaDeWe.“
Dessen Chef, Patrice Wagner, sagte gestern: „Wir freuen uns, im Rahmen der Berliner Festspiele Royal de Luxe bei uns begrüßen zu dürfen. Eine Theatergruppe, die mit ihrer Kreativität und mit ihrem Charme und Witz die Fenster des KaDeWe einmal ganz anders aussehen lässt. Auch wenn wir unsere Fenster nicht wie Royal de Luxe jeden Tag neu dekorieren, ist es auch unser Anspruch, die Menschen zu unterhalten und zu begeistern.“

Berliner Zeitung, Dirk Pilz, 5. November 2008

Unverkäufliches Angebot
Im KaDeWe üben Schaufensterpuppen theatralische Konsumkritik

[…] Der Zusammenhang zwischen den einzelnen Schaufenster-Geschichten ist lose, der Gestus bleibt sich aber immer gleich: Was hier angeboten wird, ist unverkäuflich und von unnennbarem Wert. Dass sich derlei laut augenzwinkernde Kritik am Warenfetischismus das KaDeWe gefallen lässt, sagt genügend über sein Kaufhausselbstbewusstsein – Konsumkritik hat den Kapitalismus noch nie sonderlich gejuckt. Dass der „Aufstand“ dennoch ausgerechnet hier geprobt wird, ist ein ironischer Kommentar des Theaters auf das Theater und seine Revolutionsutopien – in der Fantasie kann jeder Aufstand glücken. Davon abgesehen ist diese Schaufensterbespielung eine hübsche Zusatzattraktion, am KaDeWe vorbeizuflanieren statt hineinzugehen.

Der Tagesspiegel, Heidemarie Mazuhn, 7. November 2008

Boulevard der Puppen
Eine französische Straßentheatergruppe inszeniert bis Montag den Aufstand der Schaufensterfiguren

„Jetzt hat er es geschafft“, sagt die junge Frau. Sie steht vor dem KaDeWe und guckt gebannt in eines der Schaufenster. In dem liegt ein Mann zu Füßen seiner glückselig blickenden Angebeteten – auf den Trümmern eines ehemals festlich eingedeckten Tisches. Die Liebe muss sehr groß sein – mit der Spitzhacke hat er sich Zutritt zu ihr verschafft. „Am Mittwoch waren die beiden noch durch die Wand getrennt“, lässt die Zuschauerin die Umstehenden wissen. „Er war zu allem entschlossen, sie wartete schon mit Champagner und Kerzenschein. Ich bin gespannt, wie es morgen weitergeht mit den beiden.“
Diese sich dramatisch entwickelnde Geschichte der Verliebten ist nicht die einzige, die täglich den in elf Schaufenstern des Kaufhauses weitergesponnen wird – mit lebensgroßen Puppen der französischen Straßentheatergruppe „Royal de Luxe“. […]
Was diese sich für ihre Aufständischen ausgedacht haben, zieht am Wittenbergplatz eine täglich wachsende Schar von „Stammzuschauern“ an. Alle getrieben von der Neugier, wie es denn hinter Glas weitergeht: mit dem Hund, der einem Jäger täglich mehr außer Kontrolle gerät; mit der Geburtstagsfeier des Vampirs oder dem Unglückseligen, der immer mehr in seinem Pfützen-Alptraum versinkt. Ein wahrer Alptraum spielt sich auch im großen Eckfenster ab – aus dem scheinen die Bewohner zu flüchten, nachdem ein Schuss durch die Scheibe schon ein Puppenopfer fand. […]

taz – Die Tageszeitung, 10.11.2008

„Natürlich ist es auch eine Sozialkritik“
Jean Luc Courcoult, Gründer der französischen Straßentheatertruppe Compagnie Royal de Luxe, über die Kulturgeschichte der Schaufensterpuppe. Interview von Marlene Giese

taz: Herr Courcoult, seit einer Woche werden die Passanten, die am KaDeWe in Berlin-Wilmersdorf vorbeikommen, von Schaufensterpuppen der ganz anderen Art überrascht. Erzählen Sie doch mal, wie es dazu kam, dass Sie und Ihre Straßentheatertruppe Compagnie Royal de Luxe plötzlich Schaufenster bespielen.
Jean Luc: Courcoult: Ich wollte schon als Jugendlicher unbedingt Theater machen. Mir ist klar geworden, dass es nicht viele Leute gibt, die regelmäßig ins Theater gehen. Aber auf der Straße sind so viel mehr Menschen, man muss etwas mit ihnen machen. Über die Schaufenster als Bühnen kann man ein größtmögliches Publikum erreichen und ein Maximum an unterschiedlichen Menschen. Das ist ganz simpel. Das ist Theater der Straße.
[…]
Gibt es eine bestimmte Philosophie dahinter?
Nein, es gibt keine Philosophie, nur die Liebe zu den Menschen. Die Liebe zum Publikum.
Deshalb bringen Sie Liebe und Poesie in die Schaufenster?
Träume und Albträume von Menschen, die nicht existieren. Es sind ja immer noch Schaufensterpuppen. Die Aufgabe von Schaufensterpuppen ist es, uns ähnlich zu sehen. Und ich finde, dass sie mir überhaupt nicht ähnlich sehen.
Ihnen wird ja auch eine große Liebe zu Berlin nachgesagt. Wird es weitere Projekte in der deutschen Hauptstadt geben?
Die Revolte der Schaufensterpuppen war eine sehr gelungene Zusammenarbeit mit den Berliner Festspielen. Nächstes Jahr wird es noch besser. Es wird um das 20jährige Jubiläum des Mauerfalls gehen, aber mehr verrate ich noch nicht. Ich spreche niemals von einem Drehbuch, bevor es nicht realisiert ist. Das ist wie bei einem Krimi. Wenn man das Ende schon kennt, liest man auch das Buch nicht mehr. Auf jeden Fall wird es Riesen in der Stadt geben. Wesen, die fast lebendig sind. Die Kinder werden sie ansehen, als seien sie lebendig. Das Projekt heißt bei mir „Die Saga der Riesen“ und taucht alle paar Jahre auf.

RBB Kulturradio, Silke Merten, 4. November 2008

Der Aufstand der Schaufensterpuppen

[…] Das Experiment gelingt auch in Berlin. Wer am KaDeWe vorbeischlendert, nimmt sich ein paar Minuten Zeit für die Schaufenster. Manche fotografieren, viele schütteln den Kopf und alle rätseln sie über die seltsamen Gestalten hinter der Scheibe.
O-Ton: „Bisschen makaber (Lachen). – Ich war erschrocken, als ich hier langging. Und dann denk ick det is ja Horror. Is ja Halloween wahrscheinlich. Denn wird man das wahrscheinlich deswegen machen, denn die sind ja sonst sehr elegant. – Man bleibt hängen, weil ich hab jetzt überlegt: Kann ich die jetzt wirklich kaufen? Also, es regt zum Nachdenken an. Man verweilt länger als man an nem normalen Fenster verweilen würde.“
Tatsächlich bleibt die Grenze zwischen Inszenierung und reiner Dekoration fließend. Preisschilder täuschen vor, die Dinge um und an den Schaufensterpuppen seien käuflich –zum Beispiel eine komplette Ausrüstung für die Hetzjagd, Kostenpunkt 264 Euro. […]
Erst morgen werden wir wissen, wie die Geschichten weitergehen. Dann werden sich die Bilder wie in einem Fotoroman verändert haben und die Geschichte ein Stück weiterspinnen. Wir werden erfahren, wie das Baby der jungen Frau sich weiter den Weg in die Welt strampelt, ob der Biertrinker sich immer mehr verflüssigen wird und ob die zwergischen Diebe das Schaufenster von Sängerin und Geiger leerräumen wie einen Banktresor. Am Ende erwartet uns „La Revolte des Mannequins“, der Aufstand der Schaufensterpuppen. Irgendwann, so kündigt Jean-Luc Courcoult an, werden sie die unsichtbare Wand der Scheibe durchbrechen, ohne sie zu zerstören und über die Fassade verschwinden. Also nehmen Sie sich die Zeit und schauen in den nächsten Tagen beim KaDeWe vorbei. Wer weiß, wie lange es die Puppen in ihren Schaufenstern noch aushalten.

WDR3, Oliver Kranz, 4. November 2008

Kunst im Schaufenster

[…] Poesie ist das, worum es Jean Luc Courcoult in erster Linie geht. Seine Puppen sind nicht mit den ausdruckslosen Figuren vergleichbar, die normalerweise die Schaufenster bevölkern. Ihre Gesichter zeigen Gefühle – Verliebtheit, Melancholie oder blankes Entsetzen. Ein Mann der ein Schild mit der Aufschrift „Ich liebe dich“ trägt, reißt seine Augen so weit auf, als hätte er gerade einen Geist gesehen. Eine Opernsängerin scheint beim Singen an akuter Atemnot zu leiden. Die dargestellten Szenen sind so ausdrucksstark, dass man sie sofort weiterdenkt.
Und auch Jean Luc Courcoult denkt in Geschichten. Jeden Abend, wenn das Warenhaus schließt, wird er von seinem Team die Schaufenster umbauen lassen – so kann er in jedem der Fenster über acht Tage ein kleines Drama erzählen. Man kann jetzt schon verraten, dass es dabei recht surreal zugehen wird. Am Ende werden die Puppen die Schaufenster verlassen.
Jean Luc Courcoult: „Das ist eine Hoffnung. Ich zeige, wie die Puppen aus allen Zwängen ausbrechen. Und das wünschen wir Menschen uns doch auch. Es gibt so viele Situationen, in denen wir uns eingeengt fühlen. Das Entkommen ist eine unglaubliche Vision.“
Doch noch sind die Puppen im Schaufenster. Die Kunst hat einen Raum erobert, der normalerweise dem Kommerz vorbehalten ist. Und das finden alle gut – auch die, die mit einzelnen dargestellten Szenen durchaus Schwierigkeiten haben.
O-Ton: „Ich bin sogar begeistert darüber. Denn das gibt mal wieder einen Anlass etwas zu betrachten, anders zu betrachten.“ – „Die Kunst müsste viel mehr im Alltag rumwandern. Ich denke sie hat heute auch mehr Freiheiten das zu tun. Und da hat sie mehr zu tun als im Museum.“ – „Es gibt ja heutzutage schon zu viel Werbung. Das finde ich gut, dass Kunst auch im Schaufenster ist.“

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