Pressestimmen zu
DAS PULVERFASS Premiere bei spielzeit’europa: 23. Oktober 2008
Vorstellungen: 23. bis 25. sowie 29. bis 31. Oktober 2008
Weitere Vorstellungen 4. bis 6. Februar 2009.
Süddeutsche Zeitung, Christopher Schmidt, 25. Oktober 2008
Totentanz mit Blasmusik
Mit Dejan Dukovskis Balkandrama „Das Pulverfass“ sorgt Dimiter Gotscheff für Bombenstimmung beim Festival Spielzeit Europa in Berlin
[…] Dimiter Gotscheff inszeniert Dejan Dukovskis Balkandrama „Das Pulverfass“, und am Ende des zweieinhalbstündigen Abends steht fest: Hier hat ein Thema sich nicht nur einen Autor gesucht, sondern auch einen Regisseur und ein Ensemble, so lichterloh brennen Gotscheff und seine Spieler für ihre Sache und so zündend haben sie das Publikum im Haus der Berliner Festspiele mit ihrer Begeisterung angesteckt. […]
Als gebürtige Bulgaren sind Gotscheff und sein Spielmacher Samuel Finzi, die für dieses Remake das Stück neu übersetzt haben, naturgemäß entflammbarer für die Balkanfrage als das deutsche Publikum. Dass die Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens aus der Aufmerksamkeit gerutscht sind, sei für sie der Grund gewesen, Gotscheff auf das Thema anzusetzen, sagt Brigitte Fürle, die Leiterin von Spielzeit Europa, zur Eröffnung des Festivals. Und Justizministerin Brigitte Zypries beklagte das verständnislose Desinteresse für den Völkermord, der uns doch aus der deutschen Geschichte bekannt vorkommen müsste. […] Gotscheff macht aus dem kleinen Stück, das in der Vergangenheit gerne auf dem Betroffenheitsfriedhof der Nischenspielstätten verscharrt wurde, die ganz große Show. Es geht um die Sache. Dafür wurde die Gotscheff-Familie mobilisiert und eine Birgit Minichmayr aus Wien dazugeholt, obwohl sie in diesem Macker-Massaker nur die Rotz- und Wasserträgerin ist für miese Kerle und ihre räudige Stecher-Ehre.
Sieben Schauspieler schlüpfen in mehr als zwanzig Rollen, aber nur so, wie man etwas überstreift, was man genauso leicht wieder ablegen kann. Indem er sein Ensemble teilweise chorisch arrangiert, setzt sich Gotscheff genauso über die Stationendramaturgie hinweg wie dort, wo er auf die hier ohnehin nur stilisierte Gewalt ganz verzichtet, die er an anderer Stelle wiederum zuspitzt. […]
Es ist tolles Telephathietheater; eine verschworene Gemeinschaft weitet den schmalen Raum zwischen den Zeilen zum Seelenabgrund. Und findet auf jede Szene die bessere Antwort, immer gleich nah an Komik und Entsetzen. Manches ist platt und reine Verfremdungseffekthascherei, aber nicht nur Samuel Finzi, der die Posen des Jugo-Prolls im Dutzend listiger auf Lager hat, unterläuft die Klischees. Was zunächst aussieht nach Migrantenstadl mit soziologischer Folklore und herbeigrimmasierter Street-credibility, zeigt bald sein wahres Gesicht: nicht Bomberjacke und Blaskapelle machen den Balkan, sonder das heiße Herz.
Berliner Zeitung, Ulrich Seidler, 25./26. Oktober 2008
Er nagelt sie alle
Gotscheff und seine Truppe eröffnen mit der Balkan-Groteske „Das Pulverfass“ die Spielzeiteuropa
[…] Dejan Dukovski bringt in seiner Balkan-Groteske „Das Pulverfass“ (Uraufführung 1996) elf dreckige Witze in den lockeren Zusammenhang eines Reigens. Ein übler Rutsch von Vergewaltigungen, Morden, Totschlägen, Unfällen, verübt und erlitten von sexistischen, rassistischen und sonst wie moralisch degenerierten Gestalten. Mit Hingabe und meisterlicher ästhetischer Sicherheit hat der Regisseur Dimiter Gotscheff dieses Zoten-Kompendium auf die leere, schwarze, abschüssige Bühne im Haus der Berliner Festspiele gebracht, zur Eröffnung der diesjährigen Spielzeiteuropa. […]
Der Abend beginnt furios mit einer Ladung Äpfel, die donnernd aus dem Schnürboden fällt, den langen Weg über die Bühne rollt und mit kusszartem Spritzen in das Wasser klatscht, das im Orchestergraben steht. Ruhe, Ruhe, noch ein bisschen Ruhe. Und dann scheppert die Balkan-Kapelle (Musik: Sandy Lopicic) los, schüttelt das Ensemble durch und bringt es auf Spielhitze. […]
Dass diese Explosionen überhaupt zünden, hat mit der Kraft, der ungeheuren Konzentration und Sicherheit der Schauspieler zu tun. Samuel Finzi als Testosteron-Zwerg absolviert das Fiese wie ein Fitnessprogramm. Wolfram Koch verkörpert das schiefe, debile Grinsen des Stärkeren mit einer Intensität, die ihm fast den Schädel sprengt. Magne-Havard Brekke, der wie kein anderer Schauspieler auf seinen zwei Beinen zu hängen vermag, würgt die Worte hervor, als hätte er ein Schlachtfeld in Aspik verschluckt und müsste nun die Leichenteile wieder von sich geben. Sebastian Blomberg, ein Virtuose des Psychopathischen, krampft sich die seltsamsten Widerlichkeiten aus dem Unterleib herauf. Der schwarz- und braväugige Alexander Khuon übernimmt die bubihaften, gescheitelten Varianten der Gemeinheit. Birgit Minichmayr, die als Frau bei den Schwanzfechtereien vornehmlich die Opferrolle übernimmt, lässt die Sauereien mit weise-schmollender Genervtheit über sich ergehen – ab und an darf sie aber auch Kreischen, bis die Stimme reißt.
Die Spiellust dieses Ensembles hat fast etwas Verbrecherisches, ist zumindest verdächtig. Doch sie alle bleiben Clowns, Artisten des verpatzten Daseins, Genießer des Spiels. Das Schmutzigste, was Menschen sich einander antun können, wird theatralisch übersetzt, aber mit umso größerem, heißerem Genuss vollzogen. […] Dukovski und Gotscheff zeigen aber auch die unterdrückte Sehnsucht, die in diesem Blick liegt, die Sehnsucht nach intensiven Erfahrungen und rücksichtslosen Kontakten, wie sie der Frieden nicht bietet. Höchstens im Theater.
tip Berlin, Peter Laudenbach, 30. Oktober 2008
Macker-Theater
Dimiter Gotscheff eröffnet die spielzeit’europa mit dem Balkan-Blues Das Pulverfass
[…] Der Milieuteppich, den die fröhlich-sentimental scheppernde Balkanmucke eines veritablen Orchesterchens zum Mitschunkeln über die Szenen legt, ist schon so unerträglich genug.
Was den Abend rettet, sind die tollen Schauspieler. Samuel Finzi und Wolfram Koch geben die Balkan-Machos als hochkomische Überlebensclowns, wunderbar schmierig und aberwitzig sentimental oder mit tougher Kleinkriminellenbrutalität, wobei zwischen den Stimmungslagen leicht, mühelos und sekundenschnell gewechselt wird. Birgit Minichmayr macht mit Freude am Spiel mit dem Ordinären die prollige, dick mit Lippenstift bemalte, nölige Schlampe. Sebastian Blomberg schaut gekonnt düster-depressiv-gewaltbereit, und Ulrich Khuon ist ein ziemlich überzeugender Vorstadtschläger mit zurückgegeltem Haar und spöttischem Blick. So lustig wie in dieser Inszenierung sahen kriegstraumatisierte Balkanbewohner und fröhlich zuschlagende Kleinkriminelle noch nie aus, und das ist doch in diesen harten Zeiten doch auch schon mal was wert.
Die Welt, Matthias Heine, 25. Oktober 2008
[…] Und trotzdem sitzt man spätestens nach einer von zweieinhalb Stunden (gefühlt dauert die Aufführung länger als der ganze Krieg) nur noch da und denkt: Wie viele schöne Panzer hätte man von all dem Steuergeld kaufen können! Wie viele kleine Banken hätte man davon retten können! […]
Der Standard, Ronald Pohl, 4. November 2008
Der zärtlich aufgekochte Balkan-Blues
Er war gekommen, um über Gescheiterte zu erzählen: Starregisseur Dimiter Gotscheff inszenierte Dejan Dukovskis „Das Pulverfass“ bei den Berliner Festspielen
Dejan Dukovskis Pulverfass-Bewohner sind freigiebige Menschen: Sie heißen Dimitrije, Sveto, Blagoje oder Djore. Sie wohnen in einem mutmaßlich serbischen Landstrich, in dem Biertrinker mit 27 gebrochenen Knochen im Leibe sich zugute halten, immer noch „ficken“ zu können wie „Hengste“. Der Pferdestall im Berliner Festspielhaus ist in Dimiter Gotscheffs bereits zweiter Inszenierung von „Das Pulverfass“ eine Bühnenschräge. Sie wird von einem Wassergraben umschwappt, dessen Wellengang ein zähes Geflunker auf das Mattholz des Portalbogens wirft.
Dukovskis Stück, ursprünglich 1994 geschrieben, weiß vorgeblich nichts über Srebrenica, über die anhängige Belagerung von Sarajewo, über die EU-Maßnahmen gegen Slobodan Miloševics Regime. Es hält ein Brennglas auf sieben bürgerkriegsversehrte Männer und Frauen, und diese tun einander schlimmste Dinge an. Der Autor folgt kommentarlos einer Ästhetik fallender Steine: Der Täter der einen Szene stirbt in der nächstfolgenden prompt einen lapidar aus dem Off verkündeten Bühnentod.
Der bulgarische Meisterregisseur Gotscheff schert sich einen sogenannten Dreck um das Spiel wechselnder Bäumchen. Er hetzt seine Schauspielertruppe aus Täter-Opfern atemlos die Schräge hinunter. Mit jedem „Blackout“, das auf eine bloß angedeutete Vergewaltigung oder einen Totschlag folgt, pumpt die Sandy Lopicic Band einen ohrenbetäubenden Schwall aus Balkan-Beats auf die – in den ersten Reihen – mit Klarsichtfolie vor drohender Durchnässung geschützte Festspielgesellschaft.
Die Aufnahme von Gotscheffs zweitem Versuch am nämlichen Stück, das von ihm 2000 in Graz beim steirischen herbst vorgestellt worden war, fiel lokal verheerend aus. Bereitwillig legt die Österreicherin Brigitte Fürle, die das Theaterprogramm von spielzeit’europa zum zweiten Mal verantwortet, einschlägige Pressereaktionen vor. Der Generalvorwurf lautet: So brav sich die Schauspieler – darunter Samuel Finzi und Birgit Minichmayr – auch ins Zeug gelegt hätten, das Stück sei politisch unbedarft.
Zum Thema Serbien hätten Zugereiste gefälligst zu schweigen. Die Festplatte der Festivalmacherin droht bereits zu überhitzen: Empörte E-Mail-Schreiber machen der Künstlerischen Leiterin, die im Programmheft einen linken Dagegen-Denker wie Jürgen Elsässer zu Wort kommen lässt, „fehlende Objektivität“ zum Vorwurf. Es ist, mit Blick auf die heikle Intervention der rot-grünen Bundesregierung von 1999, zum Aus-dem-Handke-Fahren.
Aus der Zeit gefallener Stoff?
Dabei ist Gotscheffs Wiederinstrumentierung eines scheinbar aus der Zeit gefallenen Stoffes nichts Geringeres als ein Kleinod. Mit vor Bluthochdruck rotgeschwollenen Köpfen feixen und fletschen einander die Schauspieler an: Sie könnten sich in ihren Penny-Marktklamotten in Aserbeidschan an die Gurgel fahren, oder in einem brennenden Vorort von Paris. Sie stemmen förmlich die Tonnenlasten, die auf sie wirken und sie tollwütig machen. Sie tauschen in fliegendem Wechsel die Herr-und-Knecht-Rollen.
Zärtlichkeit fließt in ihre Gewaltentladungen ein. Und eine stumme Alte (Margit Bendokat) liest im Wassergraben grüne Äpfel in ihre Kittelschürze, die wie in Hagelgewittern aus dem Schnürboden herunterprasseln, um nach gemächlicher Talfahrt in den Graben zu fallen. Mit jedem Vornüberneigen plumpst das Obst zurück ins Nass. Die Menschen in den von aller Zuwendung, von aller Kaufkraft entblößten Weltgegenden entspringen dem unseligen Geschlecht des Sisyphos.
Gotscheff (65), der als Sohn eines Tierarztes seine Adoleszenz in der DDR verbrachte, das Theaterhandwerk bei Benno Besson und Fritz Marquardt erlernte und schließlich dem Geschichtspessimismus Heiner Müllers unrettbar verfiel, stapft am letzten Tag der Berliner Spielserie mürrisch ins Festspielhaus. Sein Haupthaar fällt ihm wie ein Wasserfall vor die Brust, auf der eine Brille baumelt. Gotscheff, der in den letzten Jahren ein Meisterwerk nach dem anderen inszeniert hat, in Bochum, Hamburg und Wien, zuletzt vor allem am Berliner Deutschen Theater, wo er die Kunst der körperlichen Entfesselung zu beklemmender Perfektion entwickelt hat – Gotscheff ist unglücklich.
„Ich habe mich nicht wiederholt, indem ich ‚Das Pulverfass’ noch einmal inszeniert habe“, brummt er. „Es hat mich einfach das Thema getrieben.“ Gotscheffs Augen suchen verzweifelt nach einer Gelegenheit zum Rauchen. Keine Chance in einem deutschen Kulturhaus.
„In den letzten Tagen hat ein jugoslawischer Kollege zu mir gesagt: Die Mauer, die im Westen umfiel, ist auf uns gekippt! Dukovski, den ich mit Finzi neu übersetzt habe, zeigt doch nur eine Gesellschaft ohne Zukunft – es liegen nichts als Bruchstücke herum.“ Gotscheff hat einen Ausgang in der Glaswand erspäht. „Ich ziehe mich erst einmal zurück aus Deutschland. Gehe nach Moskau, Athen, nach Brasilien. Kein Abschied. Aber ich habe es erst einmal satt!“