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Bundeswettbewerbe

Auswahl 2017

Die Auswahl steht!

Für das 32. Treffen junger Autoren wurden von der Jury zwanzig junge Autor*innen aus 632 ausgewählt. Der Preis ist die Teilnahme am Treffen junger Autoren mit Lesungen, Workshop, Textwerkstätten und einer öffentlichen Lesung am 17. November. Herzlichen Glückwunsch!

Veronika Artibilova
15 Jahre
Leipzig (Sachsen)
ausgewählt mit den Texten
„Die Treppe rauf“, „Die Treppe runter“, „Verben“

„Er wurde erwachsen, fand Dinge und verlor sein Fahrrad, eigentlich wurde es geklaut, aber er wurde kein Schuhputzer, obwohl er längst einer war. Irgendwann Weihnachten, Kinder, ihr erster Hund, sie nannten ihn Sophokles, er gewöhnte sich an, seine Hemden immer mit der linken Hand zu bügeln und die Socken mit der rechten. Seine Krawatten bügelte er nie. Seinen Kaffee mochte er noch immer nicht, seine Frau war den Umständen entsprechend schön, bevor sie zur Arbeit gingen, gaben sie sich immer einen Kuss.“

Jung, brutal, großartig aussehend, radikal, 15 Jahre alt, stolz auf meine Familie, der Regen ist mein Begleiter, aufgewachsen im Schatten, schreibe Gedichte und Romane.

Rosa Engelhardt
16 Jahre
Berlin
ausgewählt mit den Texten
„Nichts.“, „tatsache.“, „Gegenüber“, „Farbspiel“

Gegenüber

Ich beobachte die gezähmten Raubtiere
Die schwer gelähmt den schlurfenden
Massen folgen mit ihren
Beutehaschenden Augen
Hinter zerfetzt stinkenden Vorhängen auf den Korbsessel-
Resten. Auf den Straßen in einer anderen Zeit
Gefangen
Holt Frauchen einen streng verlangten Lebensvorrat
An geschredderten blechverschlossenen
Schlachtindustrieendprodukten.
Seh’ die Tiere schnurren hinter
Gedämpften Scheiben. Ich wende mich ab und sie fletschen
Die gestumpften Reißzähne
Und grinsen breit meinen Rücken
an in ihrem
Katzenguantanamo.

Eine Reihe von Dingen, die man über sie eigentlich nicht wissen muss – Orte, die sie inspirieren, besucht sie leider viel zu selten. Schon immer lebt sie in Berlin, 16 Jahre unter dem Fernsehturm. Atmen, essen, lesen und schreiben kann sie, letzteres tut sie eigentlich zu wenig. Wenn doch, dann ist sie niemals inspiriert, wenn sie es sein sollte oder gerne wäre. Blicke aus Fenstern regen sie zum Schreiben an, ebenso wie Tatortumrisse und Morgen und Abend – leere Seiten schüchtern sie ein, deshalb schreibt sie halb gequetscht auf Zetteln oder Teilen dieser. Am liebsten hört sie Bruce Springsteen und Worten zu. Reisen würde sie am liebsten immer. Später dann wird sie vermutlich eine kreative Wissenschaft betreiben oder wissenschaftlich kreativ werden – tja, aber die Farbe Rosa mag sie nicht.

Josefin Fischer
19 Jahre
Berlin
ausgewählt mit dem Text
„Weil du nicht mit in den Urlaub fährst“

„Ich habe einmal eine Vermutung darüber angestellt, was mit dem Greis passiert ist. Es gibt einen Baum in einer Wüste, der ist im Umkreis von 400 Kilometern der einzige Baum. Ringsum ist nur die Wüste.
Weißt du, was das ist, eine Wüste?
Eine Wüste ist ein Ort, an dem sich Leute das erste Mal nie wieder sehen.
Bestimmt gibt es eine Wüste in deinem Buch. Und wenn nicht, dann nimmst du die erste Seite, die ganz weiß ist.
Und dann sagst du, das ist eine Wüste.“

Ich war in 5 verschiedenen Kindergärten. Ich habe mit 6 angefangen, Theater zu spielen. Ich habe 25 Cousins und Cousinen und 4 Halbgeschwister. Ich weiß, dass 4 Halbgeschwister nicht gleich 2 Ganze sind. Mir sind 4 Halbe viel lieber als 2 Ganze. Wie viele Äpfel bleiben übrig?
1. Langwieriger Kampf in meinem Kopf: Ich bin (leider) pessimistisch und (leider) romantisch. Abwechselnd ergibt das: Eine Armee von Kastanientieren. Die ziehen los. Gegen wen und wofür denn? Und wenn die mit ihren leichtentzündlichen Beinen über die raue Seite der Streichholzschachtel laufen? Was passiert dann?
2. Ausschnitt aus dem gereimten Brief an meine verstorbenen Großeltern: Ich bin noch fast so, wie ihr mich kennt. Nur mit mattem Haar. Wenn ihr mir die Dinge nennt, ist alles so einfach und klar. (Wenn sie den Brief lesen, sitzen sie in meiner Vorstellung gemeinsam auf einer Holzbank vor einer Berghütte und nehmen ein Fußbad.) Das ist, denke ich, das Wichtigste im Überblick.

Stefan Gruber
21 Jahre
Wien (Österreich)
ausgewählt mit den Texten
„Rote Arbeit“, „Ameisenstraße“

„Es braucht schon ein Hindernis, um den Fluss einer Ameisenstraße zu stören. Wie eine Brücke stand das grüne Kunststoffplättchen, eine Mäusefalle ist kaum größer, über der Spur, der die Ameisen folgten. Der Vergleich liegt nahe, sieht man es vor sich, doch besteht ein wesentlicher Unterschied: es verband nicht, wie Brücken es tun, sondern das Plättchen trennte. Versehen mit einem Kontaktgift, dessen Wirkstoff auf einem Insektizid namens Permethrin basiert, trennte es die ungefährlichen Ameisen von denen, die einen ganzen Ameisenstaat liquidierten.“

Geneigt, übersehen zu werden.

Lynn Sophie Guldin
16 Jahre
Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen)
ausgewählt mit dem Text
„Dunkle Haare, keine Augen“

„Er geht auf die Stehplätze zu. Hier und da quetscht er sich vorbei und hält immer die Augen offen nach einer dunkelblauen Jacke oder einer grauen mit Fell an der Kapuze. Über seinem Kopf hängen Weihnachtslichter, manche bunt, helle Lichterketten, dazwischen Sterne. Und es wabert Maronengeruch durch die Luft. Da steht jemand mit einer grauen Jacke mit Fell an der Kapuze! Und die Haare sind auch blond und auch lang. Ist sie das? Spion spielen – das kann er unheimlich gut.“

Mein Oberstübchen ist ein ausgeprägtes Sammelsurium für herrliche Einfälle und Gespräche mit mir selbst und sämtlichen fiktiven Persönlichkeiten. Des Weiteren beherberge ich in meinem Kopf meine wunderbare Liebe zu Harry Potter und meine stolz verfochtene Linkshändigkeit, mein Dasein als dauermüde Nachteule und meine Verachtung für dröge Schulaufsätze. Meine Liste möglicher erfundener Personen ist dort verwahrt neben der Freude beim Klavier- und Theaterspielen, Zeichnen und Filmemachen. Meine Gedanken springen zwischen Deutsch und Englisch hin und her; meine Augen bemerken und finden Komik in und an allem: Büchern, Zeitungen, Zügen, Ladengeschäften, Socken und Brötchenkäufern. (Wenn es bereits jemanden gäbe, der schon im Supermarkt innerlich bei der Kundenbeobachtung lacht, wäre ich das.) Und wenn man vor lauter Spaß am Beobachten und Im-Kopf-Kommentieren nicht mehr weiter weiß, dann beginnt man zu schreiben.

Fanny Haimerl
15 Jahre
München (Bayern)
ausgewählt mit den Texten
„Hier ist sogar der Staub schön“,
„Niemand kann Vergebung mit Sicherheit erreichen“,
„John im Glück – wie ihm doch alles nach seinem Wunsche ginge“

„Sara ist ein Wunder. Sie hat für alles genug Zeit. Sie ist Klassenbeste. Beim Wort Genie fühlt sie sich angesprochen. Sie ist stolz auf sich und erfüllt jede Anforderung mit strengem Ernst. Sie schreibt tolle Noten, sie schwimmt jeden Tag, an den Wochenenden gewinnt sie Wettkämpfe. Sie backt bunte Marmorkuchen, die sie im Klassenzimmer an die verteilt, die sie mag. Ich bekomme keinen Kuchen. Sie verschenkt Geburtstagskindern Senfgläser mit Erdnüssen, die sie mit Window- Colours nach Schablonen bemalt hat. Sie zockt nicht Minecraft, sondern lässt sich vom Computer Lateinvokabeln fragen, auch wenn ihre Freunde zu Besuch sind.“

Meistens bin ich zornig. Viele Menschen machen mich zornig: Menschen, die jammern, die warten, die sich aufgeben, um dazuzugehören und die sich anpassen, ohne es zu merken. Ich spüre Zorn tagtäglich, stets, immer, beim Aufstehen, beim Einschlafen, in der Schule, im Netz, in meinen Texten und auf der Straße. Am liebsten jedoch gehe ich auf Konzerte. Jeder kommt, wie er ist. Alle Eigenheiten sind spürbar, aber sie trennen nicht. So könnte das Paradies sein, Utopia, der Himmel, das Nirwana. Literatur muss wie ein guter Songtext sein, sie muss klingen und sie muss eine Parallelwelt öffnen, sie muss böse sein und frei machen. Meistens bin ich zornig. Menschen machen mich zornig. Menschen, die jammern, die warten, dass es ihnen besser geht, die sich aufgeben, um dazuzugehören. Ich spüre meinen Zorn.

Rebecca Heims
21 Jahre
Bochum (Nordrhein-Westfalen)
ausgewählt mit den Texten
„Grau“, „StubenkaterIch“, „Salzburg“, „Pommespoesie“, „ohne Titel“

„Ein Pochen. Ein Wummern. Ein staubiger Boden
Fingerspitzen   zucken   im   Takt   der   Biene,
die   gegen   dein   Fenster   fliegt
Und es ist kein Krieg, der hier seine Grenzen zieht.
Grauer Gestank ein bisschen Reis ein bisschen Kaffee
Ein leeres Deo, aber 34 Grad hier am Rande der Absicht
Es fallen Türen. Es gehen Schritte. Es brüllen Kinder. Es streifen Winde.
Du hörst Eiskugeln aus Waffeln fallen, siehst Hunde ihren Stock verlieren und Briefmarken ihren Halt …“

Hat Mainz erst für Salzburg und jetzt für Bochum verlassen. Da ist ein Studium, das Alltag bringt in ein Leben geschmückt mit Bühnen und Worten und Menschen. Da ist der Drang nach mehr. Da ist die Ungewissheit, wie lange Alltag noch Alltag ist. Und da ist klein der Wunsch, alles in meine Schreibtischschublade zu schieben, um die Schönheit der aktuellen Dinglage zu erhalten. Da ist Spoken-Word als ein schöner Wegbegleiter auf Zugfahrten durch den deutschsprachigen Raum. Da bin ich. Beim Textblätter glatt streichen, beim Menschen umlaufen, um sie genauer zu fassen und beim irgendwie gerade ganz gut finden, was das Leben gerade mit mir macht. Da ist irgendwas. Und irgendwas wird gut.

Laura Herman
18 Jahre
Freiburg (Baden-Württemberg)
ausgewählt mit dem Text
„Zugfliegen“

„Sie schlief schön, wattefarben im Mondlicht, über ihr dunkle Flecken an der Scheibe. Eines Nachts wachte ich auf, weil es plötzlich still war. Gretas Bettdecke war ein schattiges Gebirge aus Stoff und ich blieb wach, bis ich das Knarzen der Treppenstufen hörte. Greta schlich sich an mein Bett und sah, dass ich wach war. „Wo warst du?“, fragte ich und Greta setzte sich auf den Bettrand und sah knapp über meinen Blick hinweg. „Nirgends“, antwortete sie und legte sich zu mir, schob ihre nackten Füße an meine warmen Waden und trotz des Sommers waren sie kalt.“

Ich mag am liebsten die siebener Reihe und die Zahl 21. Ich bin meistens fünf Minuten nach der Zeit und den ersten Zuspruch für einen meiner Texte habe ich 2015 am Waschbecken auf der Toilette des alten Wiehrebahnhofs in Freiburg bekommen (jetzt bin ich 18). Das Sammeln von Dingen erschwert es mir, Ordnung zu halten, deshalb habe ich das Chaos akzeptiert. Ich mag Musik sehr gerne und Kürbissuppe und Ziellossein. Ich konnte mal alle Harry-Potter-Zaubersprüche aufsagen. Der Sommer ist mir lieber, aber der Winter ist auch sehr schön, vor allem im Herbst mit den Blättern und trotzdem bin ich einfach ein Frühlingskind.

Sandro Huber
20 Jahre
Wien (Österreich)
ausgewählt mit den Texten
„ohne Titel“, „ohne Titel“, „ohne Titel“, „ohne Titel“, „ohne Titel“

„Sie bestellte noch ein letztes Glas
zwischen die Gold- und Porzellanfische,
die Fächer und Bambustöpfe. Kurz vor Schluss
Kontraste gedimmt aufs Minimum
Zeit die Rechnung zu verlangen, Putzfetzen
ihren Platz zu lassen, nicht länger
den Fischen Gesellschaft abzuleisten.

Das Glas wird hingestellt. Wie sich
Neon, Seidenwiderschein und Kitsch
brechen ins Getränk, so wartet ihr Bett,
ihr Zimmer, ihr Ablauf.

Es ist das letzte Glas, das sie kippt
und sie verinnerlicht es ganz. Irrtum oder Berechnung,
Verhältnis Putzmittel zu Wasser reicht
nicht zur Vergiftung, nur zu Verätzung
von Rachenraum, Kehle.

Nie wieder trinkt sie aus, lässt immer
stehn den letzten Schluck, um
davon zu trinken.“

Erst Salzburg (*1997), dann Spanien, dann wieder Salzburg, dann Wien. 2015 Preisträger bei der Österreichischen Philosophieolympiade und der International Philosophy Olympiade in Tartu, Estland. Macht Sachen mit Performance, unter anderem Philosophy Unbound. Studiert Philosophie und seit dem Wintersemester 2017 Sprachkunst.

Jelin Katz
21 Jahre
Frankfurt am Main (Hessen)
ausgewählt mit dem Text
„Im Juli“

„Baris denkt: Sie ist so unscheinbar. Fast hätte er sie übersehen. Er weiß nicht so genau, wie er sie begrüßen soll, schließlich gibt er ihr einfach die Hand. Sie zieht ein wenig die Mundwinkel hoch, ein schüchternes Lächeln. Lange, schwarze Locken fallen ihr ins Gesicht. Sie fragt ihn, ob er eine gute Fahrt hatte, er nickt.
Lächelt.
Sie hat ein Café ausgesucht, das ganz in der Nähe ist. Sie will es schnell über die Bühne bringen, denkt er. Und verhindern, dass sie mit ihm gesehen wird.“

Geboren 1996 in Dresden. 2015 Abitur, seitdem Studentin der Ethnologie und Islamischen Studien in Frankfurt am Main. Stipendiatin des Literatur Labor Wolfenbüttel 2017, Teilnehmerin an der Textwerkstatt Darmstadt 2017 und erste Preisträgerin des Jungen Literaturforum Hessen-Thüringen.

Miedya Mahmod
21 Jahre
Hagen (Nordrhein-Westfalen)
ausgewählt mit den Texten
„Die Chance ist hoch, dass sich nichts verändert hat“,
„Die Diagnose / oder auch: Krankheitsbilder als Kunst“,
„Das Rauschen im Kopf, während wir ein letztes Mal gemeinsam Curry kochen I“,
„Diabetes Melitta Typ 2“

Die Diagnose // oder auch: Krankheitsbilder als Kunst

Manchmal wär ich gerne eine Raupe.
Dann könnte ich aus mir ausbrechen und
der schöne Schmetterling sein,
der ich eigentlich sein soll, ganz sicher, das sagen sie.

Also von weit weg, weil
von Nahem sehen Schmetterlinge ja
auch echt eklig aus.
Wie anorektische


Käfer, die sich die alten Batikshirts
der großen Schwester um
die Arme geknotet haben.
Vielleicht versuche ich mal diese Authentizität.

P. S.: meine Biographie kennt keine Schwester.

Dortmunder Nordstadt, Hagen, Essen, wieder Hagen, bald Bochum. Ruhrgebietlerin und Bachelor of Hömma Samma Kumma. Meine Luft sind Gewässer, alle. Kein Kontakt mehr zu jenem, was vor meinem 19. Lebensjahr an Menschmasse da war. Eltern und Kleinbruderherz exklusive. Zweite Generation der kurdischen Diaspora, unangenehm wichtiger Job der Brückenbauerin. Stets bemüht gewesen, grandios gescheitert, aufgestanden, gescheitert, aufgestanden, du liest, du verstehst. Putze gerade etwas den Dreck weg, der bei so was entsteht. Der Mittelweg ist zerbombt worden und hässliche Nachkriegsarchitektur pflastert nun seine Ränder, ich stehe sowieso oft am Rand, Extreme fallen mir leichter. Ehemalig Allesmacherkönnerschafferin, freiwillig, ordentlich, engagiert, immer faul, aber meist noch fein. Heute hat ein Raum mich betreten, unsaniert. Da ist ein Mehrparteienhaus und auf den Klingelschildern steht Chaos, Resignation, Pech, Naivität, Idealismus.

Ansgar Riedißer
19 Jahre
Leipzig (Sachsen)
ausgewählt mit den Texten
„Piktogramme“, „gerade noch standen die Fähren“, „Raubritter“

gerade noch standen die Fähren
jetzt haben sie bebend den Grund verlassen
kantige Gewitterwolken
sehen mich am Boden bleiben draußen werden
sie auf Körper treffen
für Sätze zu beweglich was ich sage
friert von innen nach außen ein noch während
ich spreche

Weiten von meinem Fleisch und Blut in solcher
Diesigkeit
dass meine Haut ins Graublau nahtlos passt

draußen kollidieren die Fähren, Hände, Indikative.

*1998, war leider nie Bezirksmeister im Rückwärtspaddeln.

Farukh Sauerwein
21 Jahre
Hildesheim (Niedersachsen)
ausgewählt mit dem Text
„Besieben“

„Ein Krähenschwarm schneidet durch den Nebel und zieht krakeelend Kreise über der Lichtung. Ich will ihm nachschauen, ihn als eigenständiges Wesen begreifen, doch er zerfällt in Einzeltiere und regnet auf den leeren Parkplatz. Wie sie so verstummt über die kalte Erde schreiten, könnte man meinen, sie folgen einem höheren Plan. Tun so, als würden sie nach Würmern suchen. Hat man sie jemals fressen sehen? Wenn sie beobachtet werden, starren sie mit dem ganzen Körper zurück und verrichten unbeeindruckt ihr Werk. Zerwühlen das durchfrostete Erdreich und ziehen auf ein lautloses Kommando hin weiter über Wald und Felder. Unverrichtet, rastlos und getrieben. So scheint es.“

Ich bin machtlos mit Bock auf nichts, will immer artig sein, doch was ich will, das krieg ich nicht, und die kleinen Finger ziehen durch die Welt, Einkaufsbummel im Erdnussland, die Coca-Cola-Sonne scheint, doch es liegt ein Grauschleier über der Stadt, ich ziehe an die Innenstadtfront, gemarschmusiziert, mit Sturm im Gepäck, linke Ecke, rechte Ecke, was mir deine Schleuder ist dir meine Waschmaschine, Geschichten aus dem täglichen Sterben, ein Töten und Fressen, Systeme rasten ein, ich raste aus, wir gehen übern Fluss, spiel mit, mach mit, bleib fett, wir brechen das Glas und fangen an zu tanzen, tanz den Mussolini, und dann den Jesus Christus, glauben und glauben und aber und aber glauben, die zweite Hälfte des Himmels könnt ihr haben, das Hier und Jetzt behalte ich.

Moritz Schlenstedt
21 Jahre
Dresden (Sachsen)
ausgewählt mit den Texten
„Hitzefrei“, „Gemälde“, „Le Grau Du Roi“, „Aus Zeit“, „Ramadan“, „Erntezeit“, „Polarlichter“

Polarlichter

Menschen rauchen zu zweit auf Schollen dem Himmel entgegen
Hunderte Schlote auf Eis
Von der Droge Norden gezittert
Suchen Löcher zwischen Sternen,
der Bewegtheit fallender Fixpunkte ausgesetzt.
Sähen sie ihrer Sonne beim Sterben zu, würden sie nicht so
verträumt lächeln,
doch heute starben Fremder Schatten.
Haben schon keine Wünsche mehr übrig
Der Globus leuchtet nur müde und qualmend zurück
Im Norden schnuppen Stummel

Kam behütet am Dresdner Stadtrand zur Welt, zog mit neun Jahren ins Alumnat und sang ab dann in einem Knabenchor. Bestes Ausgangsmaterial für PEGIDA, aber irgendwie kam dann das Schreiben (deshalb spielt er auch nur sehr schlecht Klavier) und er wurde links. Nach dem Abitur arbeitete er ein Jahr auf einem kleinen Hippie-Bauernhof in Südfrankreich und verabschiedete sich in seinem Wohnwagen vom elitären Geplänkel seiner Schule. Weil ihm die Arbeit draußen guttat, lernte er zwei Jahre lang das Winzern auf Schloss Westerhaus. Dort schrieb er viel, fing wieder an, Musik zu machen und fand ein Thema, das ihn nicht mehr losließ. Weil dieses im Selbststudium zu groß und sperrig wurde, studiert er seit diesem Sommer Arabistik und Islamwissenschaft in Leipzig, trinkt mittlerweile auch Bier und würde gerne eines Tages wieder weltweit Mais durch Hirse ersetzen.

Amelie Schmid
18 Jahre
Regensburg (Bayern)
ausgewählt mit dem Text
„Das Festmahl“

„Sie wird fettarm gebraten und braucht nicht viel gewürzt zu werden, da sie im Gegensatz zu ihm einen salzigen Eigengeschmack hat, der eine Weile an der Zunge kleben bleibt. Sie ist tiefgefroren von kalten Blicken und eisiger Gleichgültigkeit und muss zuerst aufgetaut werden, verliert dabei allerdings ihre Nahrhaftigkeit. Sie enthält zudem ziemlich viele Konservierungsstoffe, hauptsächlich Trennungs- angst, die sie lange frisch gehalten hat.“

Ich bin Amelie Schmid, 18 Jahre alt, komme aus Regensburg und schreibe schon viel zu lange an diesem kurzen Text. Aber ich muss ihn jetzt langsam mal abschicken, deswegen fange ich noch mal von vorne an.
Ich mag: die Farbe Gelb, Musicals, Japan, Vögel, den Sommer, Cartoons, Kakao und Menschen.
Ich mag nicht: Telefone, Zimt, Vorstellungsrunden, Feuerwerke, YouTube-Kommentare und Menschen.
Ich freue mich: dass ich hier sein darf.
Das war doch gar nicht so schwer.

Paloma Solazzo
16 Jahre
Schweinfurt (Bayern)
ausgewählt mit den Texten
„Das kleine dumme Etwas“, „Es war einmal“

„Jetzt ist Verlieben sinnlos – so biologisch evolutionär. Verlieben passt in mein Lebenskonzept. Um der Sinnlosigkeit den Kirschkern aufzusetzen, verliebte ich mich in irgendetwas anderes. Irgendetwas anderes ist tot und dann besteht nicht die Möglichkeit, dass wir verlieben spielen können und am Ende ein Kind adoptieren. Irgendetwas anderes ist nicht wirklich tot. Es ist auf Entzug. Dort stirbt die von uns gehasste Persönlichkeit und eine von uns geliebte Persönlichkeit können wir nicht dulden – also tot.“

2001 geboren in Schweinfurt. Auf das geboren worden sein bin ich stolz, auf den Ort weniger und das Jahr ist mir gleichgültig. Wenn es nicht 2001 geworden wäre, dann 2002 oder 2003, da hätte ich mir keinen Stress gemacht, gibt ja jedes Jahr ein neues. Ich bin einiges und werde voraussichtlich noch mehr und hätte sicher die Grundvoraussetzungen, um vieles zu sein – irgendwann –, bevor ich einiges verlerne, noch mehr vergesse und viel nicht formulieren kann, weil die Zahnfee Überstunden macht und mein Kissen besonders mag, meine Tür steht offen, das Fenster ist gekippt. Ich bin in gesprochener Sprache tollpatschig (verbaler Tollpatsch) und meine Hände fühlen sich als Füße eines Marathonläufers. Ich mache aus Fliegen Elefanten, weil die viel schöner aussehen und sich nicht auf deine Nase setzen. Auf einer Skala von 1 – 10 habe ich 8,5 Dioptrien. Glück gehabt, laut den Menschen, die sich nicht in dem beschriebenen Zahlenbereich aufhalten, Nullen klingen und lesen sich nicht hübsch – könnte falsch verstanden werden –, habe ich ein Brillengesicht, was auch immer das sein soll.

Kerstin Uebele
20 Jahre
Hannover (Niedersachsen)
ausgewählt mit dem Text
„Schneckenhäuser“

„Ich glaube, ich verliere meinen Verstand. Es hat schon begonnen, als wir aufgebrochen sind. Die weißgefleckten Baumstämme stehen dicht an dicht und ziehen Fäden bis hoch in den Himmel. Der Wald dahinter schweigt, als hätte er so viel zu sagen, aber er weiß nicht wie. Unsere Lederschuhe, die über den Boden stampfen und die Erde in all den feinen Rillen mitnehmen, sind zu groß und zu schwerfällig für die Welt, ich fühle mich, als würde ich hier eine Ordnung stören, in der wir nicht vorgesehen sind.“

1997 geboren. seit 2015 studiere ich public relations an der hochschule hannover. ursprünglich komme ich aus einer kleinstadt in hessen und war beim ovag-jugendliteraturpreis von 2013 bis 2017 unter den preisträger*innen, sowie 2016 und 2017 beim jungen literaturforum hessen-thüringen. ich gebe zu viel geld für konzertkarten aus,
ich würde gerne in schweden leben.
ich mag gelbe regenschirme.

Pauline van Gemmern
18 Jahre
Leipzig (Sachsen)
ausgewählt mit den Texten
„Als ich mich einmal für erwachsen hielt“, „Zeitzyklus“,
„Moralverwirrung“, „Skizzen in Aschenbechern“,
„Risse in Fasertapete“, „1:43“,
„Das Viertel hinter der Fabrik“, „Nachtflut“, „Korsika“

:zeitzyklus

man sollte festhalten
das gute entweicht
durch die pfützen
unter den bürgersteigen
wächst gras über die dinge
man muss auch mal
einen punkt setzen
verlangen die atemlos
verharrenden
an dieser stelle ein
schweigepunkt für sie
     [     .     ]

Pauline, 18 Jahre alt, großer Kopf, dünne Haut. Bin in einer Kleinstadt bei Düsseldorf geboren, bin in einer Kleinstadt bei Düsseldorf gewachsen, habe in einer Kleinstadt bei Düsseldorf Bücher gelesen, Menschen geküsst, Mathe geschwänzt, Feuer am Fluss gemacht, geflucht, die Schule beendet. Dann habe ich mich in einen Bus gesetzt und von da an lebte ich einen Sommer lang (Jahreszeiten als Frage der Mentalität) mit zwei gruseligen Katzen und viel, viel Eis im Magen (das Eis, nicht die Katzen) in Hamburg. Ich mag’s da. Aber dann war da ein Umschlag in meinem Briefkasten und jetzt: Leipzig, wo ich demnächst am Deutschen Literaturinstitut studiere. Hier ist es auch nicht verkehrt. Ansonsten? Ich habe eine Schwäche für Menschen mit Leidenschaft. Wer mich sucht, sollte oft zwischen Decken und Kerzen und Buchseiten suchen. Oder im Wald. Aber dabei kann man sich leicht selbst verlaufen und muss wiederum gesucht werden, deswegen rate ich davon ab.

Lea Wahode
19 Jahre
Münster (Nordrhein-Westfalen)
ausgewählt mit dem Text
„Die Anfangsfrage oder Cul de sac“

„Sie wacht auf, als die ersten Pendler zu wartenden Zügen schlafwandeln und die erkältete Metallstimme Verspätungen aufsagt. Wie Aquariumsfische bei der Fütterung strömen immer mehr Menschen zur Anzeigetafel in der Eingangshalle.
Aber nicht nur die Einsamkeit ist drängelnden Schritten gewichen, von der Kuppel multipliziert und an den Wänden widergeworfen. Durch die schmutzigen Scheiben fällt hell Sonnenlicht und lässt sie die Kälte der Nacht vergessen.“

Ich – (Ist jetzt immer noch heute?)
Ungeduld, Kopf-in-der-Zukunft.

Was bleibt: Sprachen und Zu-schnell-Reden,
Fernweh, Flucht nach Anders.
Musik, Menschen.
Panther in Zebrastreifen sehen, kopfüber
in Telefonzellen tauchen. Schreiben.

Demnächst: Auf Arabisch durch südosteuropäisches
Chile interrailen. À voir.

Außerdem: Vor zwanzig Jahren in Regensburg
geboren, Lyon und Reims zum Zuhause
gemacht. Seit Kurzem in Münster, um
Psychologie zu studieren.

Marlena Wessollek
16 Jahre
Eberswalde (Brandenburg)
ausgewählt mit dem Text
„Flut“

„Vor mir liegen vier von fünf Snickerspapierchen. Ich beginne die Snickerspapierchen zu filmen, danach schwenke ich die Kamera auf Fliege 4. Sie sieht tot aus, irgendwie verwest und auch sie liegt auf dem Rücken. Ich glaube nicht, dass Fliege 4 es jemals zu etwas gebracht hat. Fliege 4 ist ein bisschen wie ich. Draußen stapft eine alte Frau durch den Schnee in Richtung Kirche. Die Kirche ist schmutzig weiß, aber sie liegt in der Sonne. Fliege 5 wird nie wieder das Tageslicht sehen.“

Sportunterricht. Ich stehe auf der roten Tartanbahn im Schatten des Schulgebäudes. In der Mitte von uns der saftig grüne Kunstrasen aus Plastik. Der Lehrer verlangt, dass wir sprinten. Wir stehen in Reihen, jeder hinter der Bahn, auf der er laufen wird. Weiße Linien, durch die die Bahnen getrennt werden, bezeichnen unser Gebiet. Solange die ersten laufen, stehe ich ruhig zwischen den anderen. Meine Mitschüler*innen zappeln, in der Mitte die Clique der braven Mädchen. Aus der Box des Lehrers schallt Musik aus den Charts und zu einer säuselnden Frauenstimme singen die Mädchen: „Bitch I Don't Need Introduction“.
Das ist, wo ich bin.
Am Ende der Bahn leuchten die Farben, alles strahlt, die Sonne knallt auf das Rot und das Grün. Die Musik ist bis dorthin verebbt, das Ende der Tartanbahn bietet Platz für die eigenen Ohrwürmer. Für eigene Musik und eigene Worte, für Zeit, die gestoppt wird, und für Freiheit. Dann leuchtet alles.
Das ist, wo ich hin will.
Mit Literatur.
Vielleicht.

Die Jury vergab als Förderpreis einen Buchscheck an 21 junge Autor*innen:

Cara Biester, 14 Jahre, Berlin
Jan-Lennart Birkmann, 16 Jahre, Geilenkirchen (Nordrhein-Westfalen)
Jule d’Idler, 13 Jahre, Rimbach (Hessen)
Julia Meret Feaux de Lacroix, 14 Jahre, Köln (Nordrhein-Westfalen)
Lucie Frahm, 15 Jahre, Berlin
Janna-Marie Gross, 11 Jahre, Neustadt (Rheinland-Pfalz)
Carlo Hoffmann, 18 Jahre, Darmstadt (Hessen)
Maria Jahn, 16 Jahre, Zehmigkau (Sachsen-Anhalt)
Martha Kieburg, 9 Jahre, Berlin
Ada Charlotte Kilfitt, 17 Jahre, Bochum (Nordrhein-Westfalen)
Maximilian Köhler, 15 Jahre, Altdorf (Baden-Württemberg)
Gerret Marx, 11 Jahre, Werder (Brandenburg)
Jara Neef, 14 Jahre, Göttingen (Niedersachsen)
Leyla Charlotte Saffarian, 16 Jahre, Remagen (Rheinland-Pfalz)
Alina Schepers, 16 Jahre, Dorsten (Nordrhein-Westfalen)
Susanne Sophie Schmalwieser, 16 Jahre, Münchendorf (Österreich)
Hannah Schönberg, 16 Jahre, Lauchringen (Baden-Württemberg)
Anna Lena Sternhagen, 13 Jahre, Minden (Nordrhein-Westfalen)
Annabel Thelen, 11 Jahre, Hamburg
Helen Würflein, 16 Jahre, Demitz (Sachsen)
Katharina Zielinska, 16 Jahre, München (Bayern)