Circus

Die Originale –
Jean-Michel Guy

„Treffen“

Workshopbeschreibung
Forschungsschwerpunkt: Dramaturgie als die Kunst, sich der Auswirkungen auf das Publikum bewusst zu sein.
Hauptthema: Bedeutungen und Auswirkungen des Wortes „treffen“. Die Teilnehmer*innen sollen neue Sichtweisen auf die Vorschläge der jeweils anderen ausprobieren, um neue „Begegnungspunkte“ (oder besser „Treffpunkte“) zu finden.

Jean-Michel Guy
© Milan Szypura

Jean-Michel Guy

Jean-Michel arbeitet als Forscher und Soziologe im französischen Kulturministerium. Bis 2013 war er Regisseur der Circus-Compagnie La Scabreuse. Seitdem kreiert und tourt er mit „Les circonférences“– das heißt mit performativen Vorträgen über verschiedene Circus-Disziplinen. Er lehrt kritische Analyse an Circus-Schulen und ist Autor vieler Artikel und Bücher über Circus.

Weitere Informationen zum Workshop

Forschungsschwerpunkte
Meine Forschungsschwerpunkte im Circus sind zurzeit Dramaturgie und Zukunft. Dramaturgie im Sinne von „das Publikum berücksichtigen oder nicht“ oder besser im Sinne einer Kunst des Umgangs mit Effekten. Was die Zukunft des Circus betrifft, stellen sich Fragen wie: Wie wird er im Jahr 2050 sein? Was soll Circus dann für uns sein und was nicht?

Um zu verdeutlichen, was meine Ziele nicht sind: Ich kümmere mich nicht um Gewicht, Hängen, Schwerkraft, Präzision, Punk, afghanische Circus-Kunst, Circus pur oder nicht, das Zelt, das Trapez oder neue Wege des Jonglierens, die Sprache auf der Bühne, das Frau-Sein ... Das heißt: Eigentlich interessiert mich alles!!!!

Meine Forschung aber dreht sich hauptsächlich um Dramaturgie. Und Zukunft. Und die Teilnehmer*innen eines Research-Labs unter meiner Leitung sollten das zumindest wissen. Es geht darum, sich der Wirkung bewusst zu sein, die man auf der Bühne erzeugt. Und die Zukunft. Nein, ich mache Witze. Ich weiß absolut nicht, was passieren und geschehen wird. Also: Diese beiden Schlüsselwörter – Dramaturgie und Zukunft – wirken als Hintergrund-Perspektiven. Abschließend möchte ich einige Elemente noch näher bestimmen:

Methode

  1. Jeder der 5-6 Teilnehmer*innen übt eine Solodisziplin aus (kein Doppeltrapez, kein Hand zu Hand)
  2. Alle der 5-6 Disziplinen sind unterschiedlich.
  3. Die Teilnehmer*innen kennen sich (wenn möglich) nicht oder haben noch nie zusammengearbeitet.
  4. Das gemeinsame Hauptthema während der drei ersten Tage des Labs: treffen – sich treffen, Begegnung, Zusammenkunft zwischen Personen (Schauspieler*innen), die sich (nicht) kennen und kennenlernen.
  5. Eine Methode: Jede*r der Teilnehmer*innen spielt während der Improvisationen das „Outside Eye“ (Dramaturgie/Regie ... ) für den Rest der Gruppe. Ich werde den Rahmen solcher Improvisationen vorgeben wie z.B. begrenzte Dauer, Anwesenheit oder Abwesenheit eines Objekts, Apparate. Wir werden dann lange Nachbesprechungen darüber führen, ob und wie es funktionierte, für die Teilnehmer*innen „auf der Bühne“ wie für das „Outside Eye“.
  6. Der vierte Tag: Ein neues gemeinsames, präziseres Thema der Arbeit wird sich herausbilden. Ich will es nicht vorher festlegen, es könnte alles sein, wie der Zustand des Körpers (schwer, rund usw.), ein Thema (Angst, Flüchtlinge, Italien usw.), ein Raum …
    Die Gruppe wird diesen „Treffpunkt“ während der ersten drei Tage bestimmt haben. Das Lab ist also wirklich offen. Es geht um zwei Dinge: "treffen" (was es bedeutet, macht, produziert etc.) und „Dramaturgie“ (durch die Innen-/Außenposition). Wir werden viel sprechen (Englisch, Deutsch, Französisch, Italienisch … mit Händen und Augen ...). Konzepte wie „neu“, „alt“ „gemeinsam“, „elitär“ werden konkretisiert. Aber es geht zuerst um „treffen“.
    Das deutsche Konzept von „treffen“ ist einzigartig und unübersetzbar. Auf Französisch übersetzen wir sowohl „sich begegnen“ als auch „treffen“ mit ein und demselben Verb, mit „rencontrer“, im Deutschen sind die beiden Begriffe jedoch sehr unterschiedlich. „Treffen“ bedeutet etwas sehr „Genaues“, so etwas wie ein Ziel. Es handelt sich um eine Art Pleonasmus: Man kann nur einen Punkt in einer anderen Person „treffen“. Das Bild hinter „treffen“ ist das eines Pfeils. In „Begegnung“, „Rencontre“ und „begegnen“ ist die gemeinsame Wurzel „gegen“. Also, es geht um „treffen“, das heißt „im anderen einen Partner, den Zuschauer, den Punkt, die Freundschaft finden.“

    Und um es – wie im Zirkus – noch schwerer zu machen, wünsche ich mir, dass die Teilnehmer*innen verschiedene Disziplinen praktizieren als Ausdruck ihrer unabänderlichen Unterschiede und ihres Anderssein. Ich will nicht sagen: Wir werden versuchen, Cyr Wheel mit Rope zu kombinieren, weil es vielleicht unmöglich ist, sie zu kombinieren, oder auch weil es nicht so interessant ist. Ich sage: Wir sind ganz anders als das, was unsere Circus-Spezialitäten offenbar sagen, also: Wo sollen wir uns „treffen“?

Bewerbungsmodalitäten

Gewünschte Teilnehmer*innen
Anzahl der Personen: 5-7

  • alle Circus-Disziplinen

Fragen an die Bewerber*innen

  • Was ist der Circus der Zukunft?

Der Bewerbung ist bitte beizufügen

  • Eine einseitige Biografie, persönlich und/oder beruflich, die die Dinge enthält, die Ihrer Meinung nach am wichtigsten sind (Das Lächeln des eigenen 4-jährigen Kindes, die Leidenschaft des Skilaufens, das Üben am Vertikalseil, Sasha Waltz etc.) – allerdings keinen Lebenslauf.
  • Ein kurzes Video oder eine Tonaufnahme einer eigenen szenischen oder kreativen Arbeit.