Martin-Gropius-Bau
Ausstellungsplakat „Liu Xia – Eine Fotografin aus China“. Motiv: Liu Xia: Ohne Titel. Aus der „Ugly Babies“-Serie, 1996-1999. Foto © Liu Xia, courtesy of Guy Sorman
Ausstellungsplakat „Liu Xia – Eine Fotografin aus China“. Motiv: Liu Xia: Ohne Titel. Aus der „Ugly Babies“-Serie, 1996-1999

Liu Xia – Eine Fotografin aus China

Liu Xia, in Peking geboren, ist eine der bemerkenswertesten Künstlerinnen aus China. Sie ist Fotografin und Malerin, Lyrikerin und Romancier. Sie war in den relativ liberalen 1980er Jahren ein sehr aktives Mitglied in der sich der Welt öffnenden und experimentierfreudigen Künstlerszene Pekings. Im Martin-Gropius-Bau wird jetzt das fotografische Werk vorgestellt, mit etwa 50 Objekten, von denen viele in den 1990er Jahren entstanden. Auch ihren Gedichten wird in der Ausstellung Raum gewidmet.

Liu Xia fotografiert nur in schwarz-weiß. Ihre Bilder sind verrätselt. Wiewohl sie sich selbst als unpolitische Bürgerin Chinas sieht, sind ihre Werke voller Anspielungen auf die repressive Situation, in der sich die Menschen in China befinden. In einer ganzen Serie ihrer Bilder stehen Puppen im Vordergrund, die sie selbst „hässliche Babies“ nennt. Empörung und Entsetzen scheinen ihre weit aufgerissenen Münder zu spiegeln. Eines ihrer Gedichte, geschrieben im November 1998, lautet:

„Wir leben mit den Puppen zusammen
und sind von der Kraft der Stille umgeben
Mit der offenen Welt um uns herum
kommunizieren wir mit Gesten“

Eine der Puppen, unterdrückte Gefühlsregungen ausdrückend, sitzt vor Werken des Horrorklassikers Edgar Allan Poe (1809-1849) und vor Büchern des Henry David Thoreau (1817-1862), dessen Essay über den zivilen Ungehorsam aus dem Jahre 1849 ein Klassiker der Zivilgesellschaft ist. Die Puppe scheint sagen zu wollen, so habe es angefangen.

„Wenn ich allein bin
sehe ich oft
wie du mich an der Hand nimmst
wir durchschreiten ein Buch nach dem anderen
unsere Herzen sind voller Traurigkeit“

formulierte Liu Xia im Februar 1997 ihre Empfindungen jener Zeit. Eine andere Puppe sitzt vor kalligraphierten chinesischen Texten. Im Werk von Liu Xia sind Einflüsse aus dem Westen wie aus China feststellbar. So wie das Land hin und hergerissen ist zwischen den Ideologemen der Neuzeit, so zeigt Liu Xias Werk eben diesen Zwiespalt in einer ungewöhnlichen, fast verwunschen zu bezeichnenden Deutlichkeit.

Zum Verständnis des Werks von Liu Xia muß man auch die Umstände erörtern, unter denen sie gelebt hat und lebt. Liu Xiaobo, Friedensnobelpreisträger des Jahres 2010 und den viele mit Vaclav Havel vergleichen, war einer der Anführer der studentischen Bewegung des Jahres 1989, die mit dem Namen des Platzes Tiananmen für immer verbunden sein wird.

Die Regierung schlug damals nicht nur einen Studentenaufstand blutig bieder, vielmehr war es auch ein Aufstand auch von Arbeitern, welcher viele große Städte Chinas erfasst hatte. Für seine Beteiligung wurde Liu Xiaobo damals zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. Liu Xiaobo lebte dann in Peking, betätigte sich als Essayist. Lu Hsun zählte zu seinen Vorbildern. 1995 wurde er erneut inhaftiert und in eines jener Lager eingewiesen, die man als chinesisches GULAG bezeichnen muß. In solche Lager konnte man ohne jede richterliche Anordnung, allein aufgrund polizeilicher Befehle eingewiesen werden. 1996 heiratete Liu Xia in diesem Lager Liu Xiaobo, mit dem sie bereits seit den 1980er Jahren befreundet war. Sie schrieb aus diesem Anlaß ein ergreifendes Gedicht.

„Wir besaßen keine Heiratsurkunde
Keine rechtliche Garantie
Gott war nicht unser Zeuge
Wir pflanzten unseren Baum in den Sand
Unser Hochzeitszimmer in einer Zelle
Wir umarmten und küssten uns
Unter den Blicken der Gefängniswärter“

1999 wurde Liu Xiaobo aus der Haft entlassen, 2003 zum Präsidenten des unabhängigen chinesischen PEN gewählt. Im Jahre 2008 verfasste er die Charta 08, ein liberales Manifest nach dem Vorbild der Charta 77. Über dreihundert Gelehrte, Künstler und Politiker waren die Erstunterzeichner, unter ihnen auch Ai Weiwei. Über 5.000 Unterschriften fand die Charta im Netz, bevor die Regierung deren weitere Verbreitung verbat. Liu Xiaobo wurde wegen seiner Autorenschaft 2009 wegen angeblicher ‚Untergrabung der Staatsgewalt’ zu elf Jahren Haft verurteilt. Nachdem bekannt wurde, dass er den Friedensnobelpreis 2010 erhalten hat, stellte man seine Frau Liu Xia unter Hausarrest, ohne jede rechtliche Grundlage. Nur wenige Male im Jahr darf sie ihren Mann besuchen.

Im Werk von Liu Xia, die einen sehr experimentellen künstlerischen Weg gewählt hat, spiegelt sich auch die Wirklichkeit Chinas. In China aber ist ihr Werk verboten. Liu Xia durfte Liu Xiaobo Bücher ins Gefängnis mitbringen, Thomas Mann, Dostojewski, Kafka.

Kafkaesk bezeichnete Liu Xia einmal ihre Situation.

Besonders dankt der Martin-Gropius-Bau Guy Sorman (Paris), Jim Glanzer (New York), Tienchi Liao-Martin (Köln) und Herbert Wiesner (Berlin) für ihre Hilfe beim Zustandekommen dieser Ausstellung.

Veranstalter Berliner Festspiele / Martin-Gropius-Bau

Anita Wünschmann in neues deutschland

14.04.2015

„Das dissidentische Prinzip“

Es geht bei der Ausstellung offenbar um eine Botschaft für den zu elf Jahren Haft verurteilten Dissidenten und für seine Frau, die seit der Inhaftierung ihres Mannes unter Hausarrest in Peking lebt, es geht um ein Zeichen in Richtung China. […] Es gehe nicht um Politik als ersten Impuls, so der Direktor des Martin-Gropius-Baus auf die Frage nach der jüngeren Tendenz seines Programms – um nicht mehr und nicht weniger Politik als bei der gerade beendeten Berlinale, so Sievernich.

Brigitte Werneburg in TAZ

27.02.2015

„Hässliche Puppenspiele“

Die Schau ist so sehr politisch motiviert wie sie ästhetisch wohlbegründet ist.

Sigrid Hoff in Neue Presse

21.02.2015

„Henker und hässliche Babies“

Die Fotografin Liu Xia zählt zu den interessantesten Künstlerinnen des heutigen China. Erstmals würdigt sie der Berliner Gropius-Bau mit einer Schau, die 44 großformatige Schwarz-Weiß-Fotos zeigt – und die wie ein Kommentar auf die dortige Lage wirkt.

Sebastian Bauer in B.Z.

24.02.2015

„Diese Fotos sind verboten gut“

Liu Xia versteht sich zwar als unpolitisch, ihre rätselhaften, oft verstörenden Puppenbilder enthielten aber wohl zu viele Anspielungen auf die repressive Situation in China. Dafür sollte sie zum Schweigen gebracht werden. Der Gropius-Bau gibt Liu Xias Kunst nun wieder eine Stimme.

Marie Stumpf in Der Tagesspiegel

17.03.2015

„Liebe in Schwarz-Weiß“

In der schwarz-weiß Bilderserie „Ugly Babies“ verschlüsselt die chinesische Fotografin Liu Xia ihre privaten Gefühle und Gedanken, um sie ihrem Ehemann Liu Xiaobo zu schicken.[…] Die Fotos sind der Versuch, ein Stück Privatsphäre zu wahren, in einem Land, das von der Zensur beherrscht wird. Derzeit sind die Bilder im Martin-Gropius-Bau zu sehen, wohin sie nur durch die Hilfe von Freunden gelangen konnten.

Melanie Höhn in Märkische Allgemeine

23.02.2015

„Unsere Herzen sind voller Traurigkeit“

Der Literaturkritiker und Autor Herbert Wiesner sagt über die Chinesin: „Sie ist eine Leidende, der ein Schicksal aufgezwungen wurde. Jede Möglichkeit, sie an die Öffentlichkeit zu bringen, ist unbedingt nötig.“ […] Die Bilder, von denen viele in den 1990er-Jahren entstanden, sind eine Antwort auf die Politik: Die Verhältnisse in der Volksrepublik China seien so nicht hinzunehmen.

Besucherstimmen

Ergreifend – ein einziger Aufschrei! Danke für eine erschütternd tiefe Ausstellung.

Handwerklich exzellent, Motive mit starker Suggestion, einwandfreie Gedichte – eine sehr gelungene Ausstellung, trotz des kleinen Umfangs.

Beeindruckend und notwendig, diese politischen Fotos zu zeigen.

Ich finde es gut, dass der Martin-Gropius-Bau sich diesem Thema annimmt. Hoffentlich wird es etwas verändern.

Gut und beklemmend!

Tickets & Termine

21. Februar bis 19. April 2015

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