Martin-Gropius-Bau

Tino Sehgal

Erstmals ist Tino Sehgals Arbeit umfassend in Berlin zu sehen. Er präsentiert seine Kunst in zwei Häusern: mit einer Werkschau im Martin-Gropius-Bau und einer Arbeit, die während des internationalen Performing Arts Festival Foreign Affairs im Haus der Berliner Festspiele gezeigt wird.

Wie kein anderer Künstler seiner Generation steht der Berliner Tino Sehgal für eine radikale Neubestimmung der Kunst und ihrer Erfahrung. Sehgal konstruiert Situationen anstatt materielle Objekte. Sein Medium sind die menschliche Stimme, körperliche Bewegungen und soziale Interaktion. Interpreten treten über Gespräche, Gesang und Choreographie in Kontakt mit Besuchern und Zuschauern, die auf diese Weise in die Arbeiten einbezogen werden. Obgleich sie sich nie in einem Objekt materialisieren, entsprechen Sehgals Arbeiten allen Konventionen von Ausstellungskunst: Sie sind während der gesamten Öffnungszeiten der Institution präsent; sie werden ge- und verkauft wie konventionelle materielle Kunstobjekte, und sie gehen in museale und private Sammlungen ein. In dieser Praxis realisiert sich ein grundlegend neues Verständnis des Kunstwerks, das dauerhaft besteht obgleich es sich nur in Körpern materialisiert; das seiner Umgebung kein Objekt hinzufügt und dennoch intensiv und nachhaltig auf sie einwirkt.

Nachdem Sehgals Arbeiten in den letzten 10 Jahren weltweit in den unterschiedlichsten Museen und Ausstellungshäusern gezeigt wurden (darunter die bereits legendäre Bespielung des Guggenheim Museum New York und der Turbine Hall der Tate Modern, London), wird im Sommer diesen Jahres seine erste große Einzelausstellung in Berlin, im Martin-Gropius-Bau stattfinden. Sehgals Arbeitsweise entwickelte sich in den 1990er und frühen 2000er Jahren wesentlich unter dem Einfluss von interdisziplinären Praktiken der Berliner Tanz-, Theater- und Kunstszene, die an Orten wie etwa dem Podewil, der Staatsbank oder auch in den Inszenierungen Einar Schleefs am Berliner Ensemble eine besonders ausgeprägte Verbindung von Aufführungsgeschehen und Kunstanspruch herausgebildet hatte.

Im Martin-Gropius-Bau wird Tino Sehgal das Erdgeschoss des Ausstellungshauses mit einer Inszenierung bestehend aus fünf Werken vom 28.6. – 8.8.2015 bespielen.

Darüber hinaus ist im Haus der Berliner Festspiele im Rahmen des internationalen Theater-und Tanzfestivals Foreign Affairs das Werk „This Progress“ vom 25.6. – 5.7.2015 (außer 29.6.) in der Zeit von 17-21 Uhr zu sehen.

Tino Sehgal wurde 1976 in London geboren, studierte Volkswirtschaftslehre und Tanz in Berlin und Essen. Sein Werk wurde vielfach in Europa, Nord- und Südamerika sowie in Asien ausgestellt. An der Biennale von Venedig nahm er 2003 und 2005 teil (als jüngster Teilnehmer gestaltete er den deutschen Pavillon zusammen mit Thomas Scheibitz). Er nahm 2006 an der Berlin Biennale teil, 2008 an der Yokohama-Triennale und 2010 an der Gwangju Biennale. 2012 wurde seine Arbeit auf der documenta in Kassel gezeigt. 2013 wurde er auf der 55. Biennale von Venedig mit dem Goldenen Löwen als bester Künstler ausgezeichnet.

Einzelausstellungen in Museen fanden statt im Van Abbemuseum in 2004, Fundacao Serralves, Porto, 2005, Kunsthaus Bregenz, 2006, MMK in Frankfurt in 2007; im ICA London in den Jahren 2005, 2006, 2007; Walker Art Center, Minneapolis, 2007, Villa Reale/ Fondazione Trussardi 2008, im Kunsthaus Zürich 2009; im Guggenheim Museum New York 2010; im Kunsternes Hus in Oslo 2011; in der Tate Modern 2012, Ullens Center, Beijing, 2013 und CCBB, Rio de Janeiro sowie Pinacoteca, Sao Paulo in 2014. Momentan findet eine ein Jahr lang andauernde Überblicksausstellung mit monatlich wechselnden Werken im Stedelijk Museum, Amsterdam statt.

Veranstalter Berliner Festspiele / Martin-Gropius-Bau. Ermöglicht durch den Hauptstadtkulturfonds.
Partner Wall
Medienpartner Tagesspiegel, Weltkunst, Die Zeit, Monopol, Exberliner, zitty

Boris Pofalla in Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

28.06.2015

„Eine Kunst aus Fortschritt“

Was man in seiner Werkschau im Gropiusbau erlebt, ist großartig, es fühlt sich aber nicht richtig an, es hier zu beschreiben. Sehgal entkleidet den Ausstellungsraum scheinbar vom Materiellen, nur um zu zeigen, dass mit den von ihm engagierten Menschen bereits alles Material vorhanden ist: die Stimme, das Erzählen, Gesang, Bewegung, Dialog, Berührung.

Till Briegleb in Süddeutsche Zeitung

30.06.2015

„Der Fluch der Überforderung“

Gerade im Gropiusbau, wo alle Akteure regelmäßig zu einer gemeinsamen Performance im Lichthof zusammenströmen, wird diszipliniertes Woodstock lebendig. Durch den enormen Hall des Saals ins Erhabene vergrößert, klingen die popmelodiösen Fetzen, die der bewusst banal gekleidete Sehgalisten-Chor sehr sinnlich vorträgt, wie ein Choral auf die Geschichte des Aussteigertums.

Tilman Krause in Die Welt

01.07.2015

„Und die Kunst ist Fleisch geworden“

Wer jetzt langsam um den Lichthof herum von Raum zu Raum wandelt, in den bisweilen verdunkelten Gemächern dem Raunen und Zischen, dem Singen und Summen von Darbietern lauscht, […]aber eben auch variieren, neu formatieren, bis sie schließlich wieder versinken und versickern, den beschleicht durchaus das Gefühl, einer heiligen Handlung beizuwohnen, zumindest einem vielleicht exotischen, aber eben auch auratischen ungeheuer aufgeladenen, geheimnisvollen Ritual.

Christian Herchenröder in Handelsblatt

10.07.2015

„Die Kunst der spontanen Begegnung“

Die Architektur fördert die Körperlichkeit des Klangs, der die durch den Raum schreitenden Besucher wie ein Gleitstrom umspült. Die minimalistischen Klänge werden durch hinzutretende Sänger mit aggressiven Tonskalen, Schreitönen und Glissandi überlagert […]. Das Ganze ist eine perfekt koordinierte Mischung aus komponierten und spontanen Elementen.