Martin-Gropius-Bau

MemoryLab: Die Wiederkehr des Sentimentalen

Fotografie konfrontiert Geschichte

Zentrale Ausstellung des 6. Europäischen Monats der Fotografie Berlin

Wie werden geschichtliche Ereignisse, wie werden kulturelle Besonderheiten und deren Veränderungen oder soziale Verhältnisse heute von Fotografen und Künstlern, welche sich der Mittel von Fotografie und Video bedienen, dargestellt? Wie wird die Distanz zwischen damals und heute, zwischen aktuellen Lebensverhältnissen und dem Gegenstand des Interesses, fotografisch konstruiert und welche „Wirklichkeit“ entsteht dabei? Wie wird Erinnerung formuliert und dem Vergessen entgegengewirkt?

In den letzten beiden Jahrzehnten hat sich eine Art der Fotografie etabliert, die sich explizit von den lange Zeit geltenden Prinzipien der dokumentarischen Fotografie, des Fotojournalismus, wie auch der Straight Photography oder der Street Photography, abwendet. Die Fotografen setzen den auf Objektivität und objektiver Vergegenwärtigung basierenden Strategien einen emotional aufgeladenen Blick entgegen. Es handelt sich um einen professionellen, absichtsvollen Blick, der gleichzeitig von Faszination zeugt und investigativ ist. Er ist oft spielerisch und setzt alle Mittel ein, um emotional zu beindrucken. Er will berühren und ergreifend sein. Die Künstlerinnen und Künstler erzählen häufig in Fotoserien und arbeiten essayistisch. Dennoch ist die Haltung sehr kalkuliert. Im Film und im Fernsehen haben sich in der gleichen Zeit mit dem Doku-Drama, Reality-Show und Doku-Soap – nicht immer glücklich – Formen des Umgangs mit Geschichte und Gegenwart etabliert, die der Anschaulichkeit wegen und zur Vermittlung von Atmosphäre, Spielszenen in ihren historischen Stoff integrieren und gezielt spezifischem Dokumentarmaterial entgegenstellen. Die Künstlerinnen und Künstler, die die Partnerstädte für das Ausstellungsprojekt ausgewählt haben, gehen mit fotografischen und filmischen Mitteln ähnlich vor. Sie inszenieren, spitzen zu, nutzen theatralische Effekte. Der Gegenstand ihres Interesses und die Erzählung, die sich damit verbindet, werden so präsentiert, dass sie bei den Betrachtern eine starke Reaktion hervorrufen – eine Reaktion, die auch auf dem Engagement der Künstler beruht. Man könnte mit dem aus der Musik entlehnten Begriff des „Attack“ ar-gumentieren. Allen ausgewählten Positionen ist eine konzentrierte Beschäftigung mit Existenz und existenziellen Fragen eigen.

Andreas Mühe beschäftigt sich beispielsweise in seiner komplexen Fotoserie Obersalzberg (2011–2013) mit dem fotografischen Werk von Walter Frentz, dem Kameramann von Leni Riefenstahl, der zum engsten Kreis Adolf Hitlers zählte. Durch Nachinszenierungen dieser Aufnahmen dekonstruiert er das propagandistische Moment, versucht jedoch auch die Faszination zu erkunden, die diese Bilder – damals wie heute – haben.

Die kanadische Künstlerin Vera Frenkel verarbeitet in The Blue Train (2012), einer komplexen Foto- und Videoinstallation aus Großbildschirmen und iPads, die Geschichte einer jungen Frau (ihrer Mutter), die 1939 aus der ehemals Tschechischen Republik über viele Grenzen – da für sie als Jüdin deutsches Territorium zu durchqueren zu gefährlich war – nach London flüchten musste. Da ist einmal eine großformatige Simultan-Videopräsentation, in der Reisebewegungen durch das Vor- und Nachkriegseuropa und die daran geknüpften Erinnerungsbilder parallelisiert und enggeführt werden und sich exemplarische Motive in- und übereinander schieben, sich wiederholen, verschwinden und wiederauftauchen. Zum anderen macht Vera Frenkel intime Gedankengänge, alltägliche Beobachtungen und typisierte Alltagsbegebenheiten, die in den universellen Rahmen der Zugreise eingebettet sind, in Form von „Portable narratives“ über eine größere Zahl von Mobilgeräten individuell verfügbar. Als Material verwendet sie Fotografien aus dem Archiv der Black Star Collection und suggestive Videoaufnahmen von Modelleisenbahnen.

Pablo Zuleta-Zahr begleitet in Puppies in Torture Chambers (2010) eine Schulklasse in ein ehemaliges geheimes Untersuchungsgefängnis der chilenischen Junta und fotografiert in der Manier der Schnappschussfotografie mit langen Belichtungszeiten das Desinteresse, die Neugier, die Aufregung, und den Schock der Kinder in verwischten, schwarzweißen Bildern.

Die Ausstellung wird sich mit Kultur, Erinnerung und Geschichte auseinandersetzen und wie persönliches Anliegen einerseits und Faktizität von Geschichte und Realem andererseits über das „Sentiment“ (Emotion und Empathie), den „Touch“, eine veränderte Wirkung entfalten. Für die Mode, wie die Werbefotografie wurde der Begriff der „Mood-Fotografie“ eingeführt. Ähnliches geschieht hier in der Beschäftigung mit der gesellschaftlichen Problematik. Dabei gilt immer das ernsthafte Interesse, den Betrachter zu bewegen, aufzurütteln. Ein wichtiges Moment, das bei allen versammelten Positionen feststellbar ist, ist die ernsthafte Arbeitsweise und ihr existenzieller Charakter.

Beteiligte Künstlerinnen und Künstler
(Stand 31.7.2014)
Andreas Mühe (Deutschland, Karl-Marx-Stadt, lebt in Berlin),
Vera Frenkel (Slowakei, Bratislava, lebt in Kanada, Toronto),
Pablo Zuleta-Zahr (Chile, Vina del Mar, lebt in Berlin),
Erwin Olaf (Niederlande, Hilversum, lebt in Amsterdam),
Aura Rosenberg (USA, New York, lebt in New York und Berlin),
Nan Goldin (USA, Washington D.C., lebt in Paris und Berlin),
Broomberg & Chanarin (Südafrika, Johannesburg/GB, London, leben in London),
Nasan Tur (Deutschland, Offenbach, lebt in Berlin und Rom),
Stephanie Kloss (Deutschland, Karlsruhe, lebt in Berlin),
Antoine d’Agata (Frankreich, Marseille),
Klaus Mettig (Deutschland, Brandenburg, lebt in Düsseldorf),
Anna Charlotte Schmid (Deutschland, Essen, lebt in Berlin),
Marko Lipuš (Österreich, Eisenkappel, lebt in Wien),
Attila Floszmann (Ungarn, Budapest),
Tomáš Šoltýs (Slowakei, Prešov, lebt in Österreich, Wien)
Trevor Paglen (USA, Maryland, lebt in New York)

Veranstalter Kulturprojekte Berlin / Europäischer Monat der Fotografie Berlin

Tickets & Termine

17. Oktober bis 15. Dezember 2014

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