Immersion

Über Immersion

„Go in instead of look at“ – dieser Gedanke von Allan Kaprow ist Leitmotiv unserer auf mehrere Jahre angelegten Programmreihe Immersion. Seit 2016 präsentieren wir darin wegweisende künstlerische Positionen, die das klassisch gewordene Schema der Gegenüberstellung von Werk und Besucher*in, Bühne und Saal, Objekt und Betrachter*in auflösen. Was passiert, wenn ästhetische Phänomene inmitten einer Situation entstehen, die uns umgibt, die das rahmende Portal auflöst und eine Welt ohne außen erzeugt? In ihr verschwindet der vertraute Dualismus von Subjekt und Objekt, von Produktion und Konsum und an seine Stelle treten neue Rituale der Beteiligung und Organisation von Stoffen und Erlebnissen. Dieser Spur folgend erforscht und definiert die Programmreihe Immersion daher viele Formate, Erzählweisen und Alltagspraktiken neu, die unser Verhältnis zur Kunst, zur Welt und zur Gesellschaft heute offensichtlich anders prägen als in der vordigitalen Zeit. Diesen Wandel haben wir in neuen Formaten reflektiert, die unsere Vorstellung von dem, was heute eine Aufführung, Ausstellung oder ein Symposium ist, hinterfragen und als veränderbar zeigen.

Im Zentrum der ersten Programmphase stand 2016/17 die Verräumlichung der zeitbasierten Kunst des Theaters. So schuf die Szenografin Mona el Gammal mit „RHIZOMAT“ einen großen „narrative space“, der in einem ehemaligen DDR-Fernmeldeamt die Geschichte eines kommenden Aufstands in einer zukünftigen Welt erzählte – ohne Schauspieler*innen, dafür mit Tausenden von Dingen, die von der Künstlerin in einer riesigen Installation inszeniert und zum Sprechen gebracht wurden. Ein ähnliches Worldbuilding, wobei man in eine eigene Realität eintritt und mit ihr interagiert, prägt die Arbeiten von Vegard Vinge und Ida Müller, die mit ihrem Nationaltheater Reinickendorf eine imposante Raumbühne geschaffen haben. In einer ehemaligen Munitionsfabrik am Stadtrand von Berlin gestalteten sie ein architektonisches Gesamtkunstwerk, das einen großen Theaterbau mit einer Kathedrale, einem U-Boot und einer Bar verbunden hat. Dieses „Nationaltheater Reinickendorf“ war in gleichem Maße ein monumentales Environment aus bildnerischen Arbeiten wie auch eine ungewöhnliche, in Echtzeit gesteuerte Aufführungsmaschine mit diversen Bühnen, auf denen sich die 12 Stunden dauernde Aufführung aus über 120 Stunden vorbereitetem Material immer wieder neu zusammengesetzt hat. Im Oktober 2017 hatte bereits Jonathan Meese mit der Wagner-Überschreibung „MONDPARSIFAL BETA 9–23“ eine Oper auf die Bühne des Festspielhauses gebracht, deren assoziativen Weiterungen und Wucherungen des Stoffs in diversen Installationen im gesamten Festspielhaus in seiner ausgedehnten Installation „ERZGRÜNER TOTALSTHÜGEL DE LARGE (EVOLUTIONSPARSIFAL’S MONDRAUM)“ zu sehen war.

Der zweite Schwerpunkt des Programms widmete sich der Verzeitlichung des Ausstellungsformats, das in seiner klassischen Form darauf beruht, stillgestellte Objekte aus ihren ursprünglichen Bedeutungs- und Gebrauchszusammenhängen herausgelöst zu präsentieren. Doch was passiert, wenn diese festgelegten Ordnungen selber in Bewegung geraten und die Besucher*innen eine Ausstellung als Prozess erleben – also eher wie eine Aufführung, in der sich die „Dinge“ ständig ändern? In einer Reihe von Ausstellungen entstanden im Gropius Bau daher Situationen, denen die Besucher*innen nicht mehr gegenüberstanden, sondern deren ergänzendes, manchmal sogar aktives Element sie wurden. So zeigte Omer Fast seine Kunstfilme in der Ausstellung „Reden ist nicht immer die Lösung“ in Räumen, die filmsetartige Reproduktionen profaner Warteräume in Arztpraxen, Ämtern oder Flughäfen zeigten. Hier liefen seine Filme auf den dort üblichen Anzeigescreens und inmitten der Besucher*innen erschienen unangekündigt von ihnen kaum zu unterscheidende Performer*innen, die literarische Texte vortrugen.

Auf eine ganz andere Weise präsentierte das Künstler*innenduo Lundahl & Seitl eine Ausstellung, die eine Reise des Publikums durch verschiedene Räume des Gebäudes war, deren Architektur sich mit einer ganz anderen Geschichte verbunden hat. Mit ihrer „Symphony of a Missing Room“ schufen sie eine ungewöhnliche Museumsführung durch reale und imaginäre Räume und Zeitschichten, die im Museum plötzlich zwischenmenschliche Vorgänge ausstellte anstatt Dinge. Eine Fortsetzung dieser Arbeit entwickelten Lundahl & Seitl mit der Uraufführung ihres Projekts „The Unknown Cloud on Its Way to Berlin“, das den Mythos eines Naturphänomens zum Anlass nahm, um eine Gruppe von Menschen via Smartphone nicht nur untereinander, sondern auch mit anderen Menschen zeitgleich an einem anderen Ort in der Welt in Berührung zu bringen. Die seltsame Unmittelbarkeit der technologisch herbeigeführten Gemeinschaftssituation auf dem Tempelhofer Feld in Berlin schuf so für kurze Zeit eine utopische Gemeinschaft – nichts an diesem Werk war materiell, außer die Gestalt des sozialen Verhaltens, zu der es einlud.

Im Juli 2017 entstand im Gropius Bau unter dem Titel „Limits of Knowing“ ein Ausstellungsmodell, dessen Thema Grenzerfahrungen waren – nicht nur hinsichtlich neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse wie der Entdeckung der Gravitationswellen, sondern auch der Auseinandersetzung mit dem Thema Tod und Selbstauflösung. So entstand ein Cluster aus drei Ausstellungsmodulen, die in ihren Räumen unterschiedliche Formen eines affektiven Verstehens ermöglicht haben: Für die szenische Installation „Nachlass – Pièces sans personnes“ erarbeiteten Rimini Protokoll gemeinsam mit sterbenskranken oder todesmutigen Menschen acht Räume, die nach ihrem Tod an sie erinnern sollen. Sie schufen eine szenische Situation, in der sie weiterhin anwesend blieben und ihre Besucher*innen begrüßten, auch wenn sie selbst inzwischen aufgehört hatten zu leben. Die Grenzen des eigenen Körpers und der Wahrnehmung standen auch im Zentrum der multisensorischen Rauminstallation „Haptic Field (v2.0)“ von Chris Salter + TeZ, in der die Besucher*innen durch Ganzkörperanzüge und gescriptete Räume voller musikalischer, olfaktorischer und farblicher Reize geleitet wurden, die die Grenze zwischen innen und außen tendenziell auflösen wollten. Das von Isabel de Sena kuratierte Ausstellungsmodul „Arrival of Time“ erkundete schließlich in Zusammenarbeit mit Künstler*innen und Wissenschaftler*innen des LIGO California Institute of Technology ein neues Verständnis von Zeit, wie es durch die erstmalige Messung von Gravitationswellen im Herbst 2015 entsteht. Kurz vor der Verleihung des Nobelpreises an diese Forscher konnten die Besucher*innen miterleben, wie diese an der „Übersetzung“ von Wissensmodellen arbeiteten, die nicht mehr intuitiv verständlich sind, und daher gemeinsam mit Künstler*innen nach neuen Wegen der Vermittlung von wissenschaftlichen Erkenntnissen suchen.

Als ein „Kammerspiel“ bezeichnete Ed Atkins seine für den Gropius Bau entwickelte Ausstellung „Old Food“. In ihr standen seine computergenerierten Arbeiten auf großen Monitorwänden 6000 Kostümen aus dem Fundus der Deutschen Oper Berlin gegenüber, die als Objet Trouvé so ausgestellt wurden, wie sie dort eingelagert sind. Als die physische Hülle literarischer Phantasien kontrastierten sie die Frage nach dem Realitätsstatus von Atkins CGI-Figuren, deren Aktionen über die fünf Räume hinweg synchronisiert und musikalisch verbunden waren, sodass eine Komposition aus physischen Objekten, filmischen Phantasien und intellektuellen Kommentaren auf den hölzernen Wandtafeln entstanden.

Diese Experimente mit dem verzeitlichten Format der Ausstellung haben wir im Sommer 2018 mit zwei großen Ausstellungen fortgesetzt. Seine erste große institutionelle Einzelausstellung in Deutschland gestaltete der französische Künstler Philippe Parreno als einen lebendigen Organismus, der durch Licht, Klänge und Bilder in Bewegung versetzt wurde. Hierbei ging es weniger um das einzelne Objekt, als um das choreografierte Zusammenspiel der verschiedenen Komponenten. Die Anwendung von Zufallsmethoden erlaubte der Ausstellung, sich über einen bestimmten Zeitraum zu entwickeln und zu verändern, sodass das Werk zu eigenem Leben erwachte. Ein neues Format zwischen Gruppenausstellung und Aufführungskunst entwickelten die Kuratoren Thomas Oberender und Tino Sehgal für „Welt ohne Außen. Immersive Räume seit den 60er Jahren“. Ausgehend vom Light and Space Movement der späten 60er-Jahre über Arbeiten zeitgenössischer Künstler*innen wie Dominique Gonzalez-Foerster und Cyprien Gaillard bis hin zu Performances und Workshop-Angeboten spannte die Ausstellung ein Panorama unterschiedlichster immersiver Praktiken, durch die Kategorien wie Betrachter*innen und Werk verschwammen und Subjekt und Objekt an Distanz verloren.

Einen ganz anderen Weg gehen wir in der Reihe „The New Infinity“, in der wir Planetarien als neue Orte der zeitgenössischen Kunst verstehen. Planetarien, die vor knapp 100 Jahren in den deutschen Großstädten gebaut wurden, als der natürliche Sternenhimmel über den Städten, wie Hans Blumenberg bemerkte, durch die Lichtverschmutzung, aber auch den Rauch über den Häusern nicht mehr zu sehen war. Die von der Firma Zeiss entwickelten Planetarien ermöglichten erstmals eine Fulldome-Projektion, die jene halbrunde Architektur aus Beton in dem Moment zum Verschwinden brachte, da die künstlichen Sterne zu leuchten begannen. Bis heute bieten Planetarien eine der wenigen Möglichkeiten, immersive Erfahrungen im Sinne eines „Rundum-Geschehens“ gemeinsam mit anderen Menschen zu erleben. Zudem waren Planetarien die Orte, an denen bereits um die Jahrtausendwende digitale Projektionsverfahren und Raumklangsituationen geschaffen wurden, in denen jene filmischen Verfahren getestet und neue Standards entwickelt wurden, die später für VR-Filme so bedeutsam wurden.

Mit der Reihe „The New Infinity“ wollen die Festspiele in ihrer Reihe Immersion daher diese exzellente Hardware von Planetarien und das dort vorhandene technische Wissen dezidiert Künstler*innen zur Verfügung stellen, um neue Arbeiten von Filmemacher*innen, Gamedesigner*innen und Klangkünstler*innen zu fördern, die dieses immersive Genre der Fulldome-Projektionen ausprobieren wollen. In Koproduktion mit dem Planetarium Hamburg produzieren wir von 2018 bis 2020 neue Arbeiten für die digitalen Fulldome-Systeme von Planetarien. Fulldome beschreibt den technisch maximalen Bildeindruck unserer Zeit, der als Gruppe erleb- und teilbar ist. Die weltweit verbreite Hardware der Planetarien wird somit erstmals als Raum für die Künste erschlossen.

In einem Mobile Dome auf dem Mariannenplatz eröffnete im Herbst 2018 die neue Programmreihe mit Arbeiten von David OReilly, Holly Herndon & Mathew Dryhurst und Fatima Al Qadiri & Transforma sowie einem Abschlusskonzert mit William Basinski, Evelina Domnitch & Dmitry Gelfand. Sämtliche bisher produzierten Arbeiten werden auf Festivals rund um die Welt gezeigt, wobei eine Amerikatournee im Rahmen des Deutschlandjahres 2018/19 in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut und dem Auswärtigen Amt den Auftakt bildet, wo auch eine neue Arbeit von Agnieszka Polska in vier Planetarien in den USA präsentiert wird.

Neben diesen Fulldome-Produktionen, die ihre Premiere bewusst im öffentlichen Raum haben sollen, produzieren die Festspiele seit 2016 zudem Filme für VR-Brillen, um auch in diesem Medium künstlerische Arbeiten zu entwickeln, die Positionen zeitgenössischer Künstler*innen erlebbar machen. Im Rahmen einer Kooperation mit ARTE entstanden bisher zwei in der kostenlos erhältlichen ARTE360 VR-App und auf der ARTE-Website verfügbare 360°-Filme, die analoge Kunsträume in virtuelle Welten verlängern. Der gemeinsam mit INVR.SPACE produzierte 360°-Film „RHIZOMAT VR“ von Mona el Gammal feierte im März 2017 beim SXSW (South by Southwest) Festival in Austin, Texas seine Weltpremiere und versteht sich gleichermaßen als Experiment mit den künstlerischen Möglichkeiten wie auch als Kritik am Medium Virtual Reality.

Im April 2018 führten wir die Kooperation mit ARTE mit „Mutter und Sohn = Realität trifft Kunst (Z.U.K.U.N.F.T. der Unendlichkeit)“, der ersten Virtual-Reality-Produktion von Jonathan Meese und seiner Mutter Brigitte Meese, fort. Im virtuellen Atelier des Künstlers erleben die Betrachter*innen die Entstehung eines 360°-Gesamtkunstwerks der Zukunft. Für die Erstpräsentation im April 2018 wurde der von Jonathan Meese während der Dreharbeiten gestaltete Raum im Gropius Bau wieder aufgebaut. Besucher*innen konnten dort die Entstehung eines Kunstwerks im Kunstwerk selbst erleben. Eine weitere VR-Produktion wird 2019 entstehen.

Das künstlerische Programm wird begleitet durch diskursiv-performative Formate, die den Gropius Bau auf ungewöhnliche Weise bespielen und unerwartete Perspektiven auf das Ausstellungshaus und seine Räume eröffnen. Die von Cornelius Puschke kuratierte „Schule der Distanz“ gestaltete im November 2016 den Konferenzraum, Vorplatz, die Treppenhäuser und Garderoben des Ausstellungshauses zu Kunstorten um, und im Januar 2018 verwandelte Eva Veronica Born für „INTO WORLDS. Das Handwerk der Entgrenzung“ den Lichthof in einen Konferenzort. An einem 110 Meter langen Tisch begaben sich Künstler*innen und Wissenschaftler*innen in einen Austausch mit dem Publikum, während in den umliegenden Ausstellungsräumen u. a. Videokunst aus der Julia Stoschek Collection, eine Virtual-Reality-Experience und eine Sound-Installation zu erleben waren. In Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung forschte die von dem Theater- und Medienwissenschaftler Andreas Wolfsteiner konzipierte internationale Konferenz und Ausstellung den Künsten der Immersion in drei Bereichen nach: in spektakulären Unterhaltungsformaten, spirituellen Praktiken und handwerklichen Körpertechniken.

Der Begriff Immersion ist für uns ein erkenntnisleitender Begriff, durch den sich viele künstlerische, gesellschaftliche und politische Entwicklungen unserer Zeit besser verstehen lassen und der auch viele Veränderungen in unseren klassischen Institutionen beschreibbar macht.

Das Programm „Immersion“ wird gefördert durch

Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien