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Jazzfest Berlin

Jazzfest Berlin 2015

Schwerpunkte des Jazzfests Berlin 2015 waren die Betrachtung von Gegenwart und Zukunft dieser Musikrichtung und die Bemühung, wieder eine Beziehung zwischen dem Festival und den ausgesprochen aktiven Musik-Communities der Stadt zu knüpfen. Das Publikum reagierte auf das Versprechen kreativer Risiken und Abenteuer, indem es an den vier Konzerttagen nur eine einzige Eintrittskarte unverkauft ließ – von insgesamt 5.893. An fünf Spielorten wurden 19 Ensembles präsentiert, von den drei Klaviertrios im intimen Rahmen des Clubs A-Trane bis zum 24-köpfigen Splitter Orchester, das im Haus der Berliner Festspiele das Festival mit der Uraufführung von „Creative Construction Set™“ eröffneten, einem Werk, das der amerikanische Komponist und Posaunist George Lewis eigens für das Orchester schrieb.

Die Musiker des Splitter Orchesters , das aus der Berliner Echtzeitmusik-Bewegung hervorging, gestaltete das Stück, indem sie Blätter hochhielten, auf denen sie sich gegenseitig Anweisungen gaben. Das Publikum reagierte mit Interesse und großem Beifall. Der Abend wurde vielleicht nicht ganz so ausgeklügelt, aber keinesfalls weniger begeisternd fortgesetzt: mit dem furchtlosen Auftritt der 25-jährigen Sängerin Cécile McLorin Salvant, einem der neuen Stars der US-Jazzszene, und der übersprudelnden Dynamik von Living Being, dem Quintett des französischen Akkordeonisten Vincent Peirani.

Keith Tippett reiste mit einer acht-köpfigen Band aus England an, um „The Nine Dances of Patrick O’Gonogon“ zu präsentieren; dieses Konzert bot einen kurzen, aber unvergesslichen Gastauftritt seiner Frau, Julie Tippetts. Der Duft Puerto Ricos schwang in der Musik des in New York lebenden Altsaxophonisten Miguel Zenón mit, der sein Quartett durch eine Suite mit dem Titel „Identitites are Changeable“ führte. Armenische Tonarten bildeten zusammen mit einer heftigen Rhythmus-Attacke das Herzstück der Musik des Tigran Hamasyan Trios. Der großartige Saxophonist Charles Lloyd feierte eine bejubelte Rückkehr zum Jazzfest und präsentierte sein „Wild Man Dance“-Projekt mit einem Sextett, in dem unter anderem Virtuosen aus Ungarn und Griechenland auf Cimbalom und Lyra zu erleben waren.

Im A-Trane eröffnete die in Berlin ansässige Pianistin Julia Kadel die Reihe der Trio-Konzerte mit ihrer fein ausgearbeiteten Musik. An den folgenden Abenden hinterließen der Lyrismus des Umbrers Giovanni Guidi und die intensiven rhythmischen Spiele von Plaistow aus Genf ebenso nachhaltigen Eindruck. Bei der Verleihung des Albert-Mangelsdorff-Preises durch die Union Deutscher Jazzmusiker (UDJ) an den Pianisten Achim Kaufmann spielte mit dem Trio des Preisträgers ein weiteres Ensemble in der klassischen Dreierbesetzung. Auf der Seitenbühne erlebte das Publikum zu später Stunde das norwegische Trio Lumen Drones mit dem Violinvirtuosen Nils Økland und das britische Quartett Dinosaur unter Leitung der Trompeterin Laura Jurd. Der norwegische Schlagzeuger und Komponist Paal Nilsson-Love bestritt mit seinem Ensemble Large Unit das erste von zwei Konzerten in der Akademie der Künste. Es wurde gefolgt vom Quintett des britischen Schlagzeugers Dylan Howe, dessen nachdenkliche Variationen von Instrumentalmusik, die David Bowie im Berlin der 1970er komponiert hatte, vor einem Hintergrund von bewegten Archivbildern der geteilten Stadt erklangen. In der Kaiser Wilhelm-Gedächtniskirche boten die drei australischen Musiker der Band The Necks ihrem Publikum eine fesselnde einstündige Improvisation.

Das Abschlusskonzert auf der Großen Bühne im Haus der Berliner Festspiele am Sonntagabend begann mit dem Diwan der Kontinente, einem 22-köpfigen Ensemble aus Musikern unterschiedlichster ethnischer Herkunft, die alle in Berlin leben. Ihrer Uraufführung von Kompositionen von Cymin Samawatie und Ketan Bhatti folgten die lebhafte Energie eines Quartetts unter Leitung des südafrikanischen Schlagzeugers Louis Moholo sowie ein Ensemble mit dem jungen amerikanischen Trompeter Ambrose Akinmusire und dem deutschstämmigen Sänger Theo Bleckmann. Nach dieser Fülle von Reisen ins Riskante und Unbekannte verabschiedete Akinmusires elegante Zugabe von „I’m Getting Sentimental Over You“ das Publikum mit einer Erinnerung an die reichhaltige Geschichte der Musik, die sich mit dem Nachdenken über ihr enormes Potential für die Zukunft aufs Schönste vereinte.

Richard Williams
Künstlerischer Leiter Jazzfest Berlin