Archiv
Jazzfest Berlin

Jazzfest Berlin 2016

Das Jazzfest Berlin konnte im auch im Jahr 2016 seinen Radius erweitern: Mehr als 6.000 Gäste besuchten 15 Veranstaltungen an sechs Spielorten, von denen zwei ganz neu für das Festival erschlossen. An sechs Tagen waren 138 Musiker*innen zu erleben; sämtliche Konzerte wurden über die 11 Radiosender der ARD ausgestrahlt.

Zahlreichen Zuhörern fiel vor allem eines auf: Das Jazzfest Berlin 2016 hatte sich vorgenommen, genauso viele weibliche wie männliche Bandleader zu präsentieren – allerdings, ohne dies besonders anzukündigen. Es war nicht die Absicht, ein „Frauen im Jazz“-Festival zu veranstalten (das haben andere vor uns bereits getan), sondern vielmehr ohne Aufhebens oder Hype die Verteilung der Geschlechter so im Programm abzubilden, wie sie in unserer Welt ohnehin besteht.

Dieser Prozess hatte schon begonnen, ganz unbewusst, bevor die Idee überhaupt entstand. Die reine Anzahl hervorragender Komponistinnen und weiblicher Bandleader, die derzeit weltweit aktiv sind, machte die Aufgabe leicht. Die Liste potentieller Musiker*innen für 2016 wurde von der Saxophonistin, Komponistin und Klangkünstlerin Matana Roberts aus Chicago angeführt. Wir luden sie ein, das Festival im Martin-Gropius-Bau, einem der für das Jazzfest neuen Spielorte, mit „For Pina“ zu eröffnen, einem wunderbar fantasiereichen und tiefempfundenen, einstündigen Stück, der verstorbenen Choreographin Pina Bausch gewidmet. Deren Wuppertaler Proberaum, die berühmte „Lichtburg“, war im Innenraum der Ausstellungshalle nachgebaut worden.

Matana Roberts war der erste Name auf unserer Liste – viele weitere folgten bald. Darunter waren die junge norwegische Saxophonistin und Komponistin Mette Henriette, die unter Begleitung von zehn Musiker*innen und einem Licht-Designer in einem hochdramatischen Set zu hören war, die britisch-bahrainische Trompeterin Yazz Ahmed mit ihrer Band Family Hafla, die Hamburger Saxophonistin Anna-Lena Schnabel, die auf Einladung Julia Hülsmanns deren Quartett zu einem Quintett erweiterte, und die in der Schweiz geborene, in Berlin ansässige Sängerin Lucia Cadotsch, die mit ihrem hochoriginellen Trio Speak Low spät in der Nacht einen Triumph auf der Seitenbühne feierte.

Im intimen Rahmen des Clubs A-Trane spielten vier Frauen – die amerikanische Gitarristin Mary Halvorson, die japanische Pianistin Aki Takase und die deutschen Saxophonistinnen Ingrid Laubrock und Charlotte Greve – als Duos an mehreren Abenden unter der Überschrift „Brooklyn-Berlin Dialogues“. Auf der Großen Bühne kamen die polnisch-stämmige Saxophonistin Angelika Niescier und der deutsche Pianist Florian Weber mit ihrem Quintett ausgesprochen gut beim Publikum an. Auch Myra Melford brachte ein Quintett mit, das unter dem Namen Snowy Egret ihre Suite „Language of Dreams“ aufführte. Zu diesem Konzert reiste der brillante Schlagzeuger Tyshawn Sorey eigens aus New York an. Die originelle kalifornische Singer-Songwriterin Julia Holter entfachte mit ihrem Auftritt im Publikum spannende Debatten darüber, was Jazz ist und was nicht.

Das Festival definiert Jazz als die „Kunst der Konversation“ und dieses Verständnis des Genres wurde von Joshua Redman und Brad Mehldau durch eine in höchstem Maße harmonische und eindringliche Serie von Duetten versinnbildlicht. Jack DeJohnette brachte zwei jüngere Musiker mit, die er schon kannte, als sie noch Kinder waren: Ravi Coltrane und Matthew Garrison. Ihr gemeinsamer Auftritt wurde im Laufe des Abends immer bedeutungs- und wirkungsvoller. Das Steve Lehman Octet fand umwerfende neue Methoden dafür, komponierte Musik durch Improvisation zu inspirieren, und der große Trompeter Wadada Leo Smith trat gleich zweimal auf: zuerst mit seinem eigenen Great Lakes Quartet, einem ausgesprochenen Publikumsliebling, und dann im Duo mit Alexander Hawkins, der die Orgel der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche als perfekten Partner für Wadadas hochemotionalen Sound erklingen ließ.

Alexander von Schlippenbach und das 18-köpfige Globe Unity Orchestra feierten das 50. Jubiläum ihres Debüts beim Jazzfest und demonstrierten dabei die anhaltende Kraft und Relevanz ihrer Musik. Der schweizerische Pianist und Komponist Nik Bärtsch erweiterte seine „Ritual Groove Music“ durch das Zusammenspiel seines Quartetts Ronin mit der geballten Bläserkraft der Frankfurter hr-Bigband – mit einem faszinierenden Ergebnis. Das finnische Quintett Oddarrang malte mithilfe von Elektronik auf der verdunkelten Seitenbühne strahlende Klangbilder.

Im Institut Français spielten Michael Schiefel und das Wood & Steel Trio wunderschön gearbeitete Arrangements von Stücken aus Hanns Eislers „Hollywood Songbook“. Der Pianist Achim Kaufmann stellte für ein Konzert seines Werks „SKEIN Extended“ ein Oktett unter Mitwirkung der Lyrikerin Gabriele Guenther zusammen, das kleine Wunder spontanen Zusammenspiels vollbrachte.

Zum Abschluss des Festivals luden die französische Komponistin und Pianistin Eve Risser und ihr elfköpfiges White Desert Orchestra zu einer Reise durch Klanglandschaften ein, die zwischen Strenge und unverhohlener Schönheit pendelten und mit Ovationen gefeiert wurden. In nur einer Stunde gelang es ihnen, einen Großteil der Absichten und Werte zusammenzufassen, die das Fundament des diesjährigen Festivals bildeten.

Richard Williams
Künstlerischer Leiter Jazzfest Berlin