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MaerzMusik

MaerzMusik – Festival für aktuelle Musik 2012

Musikalische Pole: John Cage 100 – Wolfgang Rihm 60

Sirrende Kakteenstacheln, knackende Schoten und glucksende Muscheln: Mit der Aufführung von John Cages Werk „Branches“ für Pflanzenklänge im Kakteenhaus des Botanischen Gartens und mit einem anschließenden 6-stündigen Konzertmarathon im Haus der Berliner Festspiele fand MaerzMusik 2012 einen wunderbaren Abschluss. Das Festival für aktuelle Musik der Berliner Festspiele hatte mit 41 Veranstaltungen an 11 Tagen weit über 10.000 Besucher angelockt, die die polare Versuchsanordnung des Programms mit Spannung und Begeisterung verfolgten. Mit den beiden Jubilaren John Cage und Wolfgang Rihm standen sich zwei künstlerische Haltungen gegenüber, die in ihrer jeweiligen Radikalität kaum gegensätzlicher gedacht werden können.

Unter dem Stichwort „John Cage und die Folgen / Cage & Consequences“ bot MaerzMusik 2012 eine Fülle von Konzerten und Performances, in denen exemplarische Werke von Cage, Arbeiten aus seiner engeren musikalischen Umgebung und Kompositionen jüngerer Künstler, die das Cagesche Denken reflektieren, vorgestellt wurden. Es war ein glücklicher, durchaus historisch zu nennender Umstand, dass es gelang, in einer wohl unwiederholbaren Vollständigkeit künstlerische Wegbegleiter, Zeitgenossen und wahlverwandte Künstler von Cage zu versammeln. Christian Wolff war präsent als letzter noch lebender Vertreter der sogenannten „New York School. Nach über zehn Jahren der Einstellung jeglicher Reisetätigkeit war der Konzertzyklus von La Monte Young und Marian Zazeela mit ihrem The Just Alap Raga Ensemble im „Dream House“ ein nachgerade sensationelles Ereignis. Robert Ashley, David Behrman, Alvin Lucier und Gordon Mumma, die von 1966 bis 1976 die legendäre Sonic Arts Union gebildet hatten, waren in einem Programm erstmalig wieder vereint. Mit Joan La Barbara, aber auch mit Chris Mann waren Künstler beteiligt, die in engem Austausch mit Cage standen; mit Dieter Schnebel, Alvin Curran, Phil Corner, Akio Suzuki und mit Jüngeren wie Walter Zimmermann, Nicolas Collins, Marc Sabat, Elliott Sharp, Annie Gosfield, William Engelen und Tomomi Adachi waren Künstler vertreten, in deren Werk sich eine intensive Auseinandersetzung mit den Impulsen spiegelt, die von John Cage ausgehen.

Mit Wolfgang Rihm wurde anlässlich seines 60. Geburtstags eine überragende Künstlerpersönlichkeit gewürdigt, in dessen musikalischer Sprache sich die Suche nach höchster Expressivität und subjektiver gestalterischer Freiheit in einer verschwenderischen Fülle klanglicher Einfälle artikuliert. Ein großes Symphoniekonzert in der Philharmonie und ein Chorkonzert mit exemplarischen Werken aus Rihms früher und jüngster Schaffenszeit wurden mit Ovationen gefeiert. Ebenso begeistert aufgenommen wurden die abendfüllenden Werke von Sergej Newski und Mark Andre, der erstmalig mit der Choreographin Sasha Waltz zusammengearbeitet hatte.

MaerzMusik hatte 12 Ensembles eingeladen, darunter das Arditti Quartett, das SWR Symphonieorchester Baden-Baden und Freiburg, das Konzerthausorchester Berlin, das Remix Ensemble Porto, den RIAS-Kammerchor, das Ensemble zeitkratzer und das Sonar Streichquartett. Insgesamt waren rund 300 Künstler an den Aufführungen, darunter zahlreiche Uraufführungen, europäische und deutsche Erstaufführungen, beteiligt. Eine Premiere für MaerzMusik war die Durchführung eines großen internationalen Symposiums. Die Beiträge der über 20 Künstler und Wissenschaftler zum Thema „Cage & Consequences“ können in dem im Wolke Verlag erschienenen Dokumentationsband nachgelesen werden.