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MaerzMusik

MaerzMusik – Festival für aktuelle Musik 2014

Nach Berlin! Nach Berlin!
Berlin – Magnet musikalischer Immigration

MaerzMusik – das Festival für aktuelle Musik der Berliner Festspiele – wandte sich in seiner 13. Ausgabe 2014 − letztmalig unter der künstlerischen Leitung von Matthias Osterwold − der heimischen Musiklandschaft zu. Zum ersten Mal stand Berlin thematisch im Mittelpunkt des Festivals – als globalisierter Ort innovativer Musikausübung. Berlin hat – besonders nach dem Mauerfall – eine starke Anziehungskraft auf Künstler aller Genres und Richtungen ausgeübt, die temporär oder langfristig nach Berlin gezogen sind, um hier ihren Lebens- und Arbeitsmittelpunkt zu finden. Durch diese künstlerische „Immigration“ – die nationale Grenzen überschreitende ebenso wie die innerdeutsche – ist Berlin zu einer kosmopoliten Kunst- und Musikstadt geworden. Gerade auch das Feld neuer, zeitgenössischer Musik hat in den letzten 20 Jahren einen Boom erlebt und wurde durch den Zustrom musikalischer Begabungen aller Art energetisch aufgeladen und erfrischt.

MaerzMusik 2014 präsentierte in einer notwendig unvollständigen, aber vielseitigen Auswahl Arbeiten besonders auch jüngerer musikalischer „Immigranten“ in Konzerten, szenischen Formen, Performances und Klanginstallationen, mit einem Schwerpunkt im Haus der Berliner Festspiele, sonst aber – dem Nomadentum der Künstler selbst nicht ganz unähnlich – wechselnde innerstädtische Orte weiträumig und sporadisch bespielend.

Insgesamt kamen in der Zeit vom 3. bis 23. März 2014 rund 15.000 Besucher – inklusive des Vorprogramms „MaerzMusik Extended“ – zu den knapp 40 ausverkauften oder sehr gut besuchten Veranstaltungen im Haus der Berliner Festspiele und an den weiteren 13 Spielorten. Neben den etablierten Aufführungsorten Haus der Berliner Festspiele, Konzerthaus, Kammermusiksaal der Philharmonie, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Radialsystem V, Sophiensæle und Club Berghain wurden wiederum neue und ungewöhnliche Spielorte entdeckt: die „Fahrbereitschaft“ in Lichtenberg, die Paul-Gerhardt-Kirche in Schöneberg, das Museum für Naturkunde und der Langenbeck-Virchow-Saal, ehemals Sitz der Volkskammer der DDR.

Höhepunkt des Vorprogramms „MaerzMusik Extended“ waren die fünf ausverkauften und bejubelten Aufführungen der legendären Oper „Einstein on the Beach“ von Robert Wilson und Philip Glass im Haus der Berliner Festspiele. Bemerkenswert schön auch das Musiktheater „Schau lange in den dunklen Himmel“ nach Robert Schumann und Robert Walser, das von der Osttiroler Musicbanda Franui in den Sophiensælen aufgeführt wurde. Unter den weiteren Musiktheaterproduktionen – einem Schwerpunkt des diesjährigen Festivals – wurde die Eröffnung von MaerzMusik im Haus der Berliner Festspiele am 14. März mit „IQ – Testbatterie in acht Akten“ von Enno Poppe, Marcel Beyer und Anna Viebrock gefeiert ebenso wie die „Inszenierte Nacht“ von Simon Steen-Andersen, letztere eine liebevoll-ironische Hommage auf Nachtstücke von Bach, Mozart, Schumann und Ravel, dargeboten vom Ensemble ascolta auf der Seitenbühne. „Anschlag“ von Michael Wertmüller und Lukas Bärfuss in der Akademie der Künste war inhaltlich, musikalisch und darstellerisch eine starke und überzeugende Herausforderung des Publikums. Zu den Höhepunkten der Konzerte gehörten der Abend mit dem Konzerthausorchester Berlin mit der Uraufführung des letzten noch unaufgeführten Werkes von Friedrich Goldmann, einem mit frenetischem Applaus beschenkten Sheng-Spieler Wu Wei als Solist in dem Werk „Šu“ von Unsuk Chin und der buchstäblich „einschlagenden“ Uraufführung der revidierten Fassung von Michael Wertmüllers „Zeitkugel“. Beeindruckend auch die Uraufführung von Boris Filanovskys „Scompositio“ durch das KNM Berlin im Radialsystem sowie das Debütkonzert des Ensemblekollektiv in der Volksbühne mit einem überzeugenden, dichten Programm mit Werken von Hanna Eimermacher, Ondřej Adámek, Sergej Newski und anderen. Beim Konzert von Berlin PianoPercussion sind besonders hervorzuheben die Uraufführungen der Werke von Arthur Kampela und Hugues Dufourt. Die nächtlichen Sonic Arts Lounges erlebten großartige Momente bei den Auftritten von Denseland im oberen Foyer des Hauses der Berliner Festspiele, von The Necks und Arnold Dreyblatt & The Orchestra of Excited Strings im Berghain.

Bereits Ende Januar 2014 wurde die große, 24-kanalige Klanginstallation „Part File Score − Zwölf Arten Hanns Eisler zu beschreiben“ der schottischen, in Berlin lebenden Künstlerin Susan Philipsz eröffnet. Viele Zehntausend Besucher genossen die zerlegte und verräumlichte Musik Eislers in der leeren Historischen Halle der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof während der folgenden Wochen. Benoît Maubrey lud das Publikum ein, seine interaktiv bespielbare Installation „Gateway“ aus Hunderten alter, gebrauchter Lautsprecher, die akustisch wie optisch den Durchgang von Kassenhalle zum Foyer des Hauses der Berliner Festspiele verfremdete, anzurufen und eigene Wort wie Musikbeiträge hörbar werden zu lassen.

Das immer sehr lebendige Projekt „Querklang − Experimentelles Komponieren in der Schule“ − eine Koproduktion von MaerzMusik mit der Universität der Künste und k&k kultkom / Kulturkontakte e.V. − konnte sein bereits 10-jähriges Jubiläum feiern.

Matthias Osterwold hat MaerzMusik als Nachfolgefestival zur Musik-Biennale im Jahr 2002 gegründet und seitdem geleitet. Neuer künstlerischer Leiter des Festivals für aktuelle Musik der Berliner Festspiele ist Berno Odo Polzer.

Matthias Osterwold
Künstlerischer Leiter MaerzMusik