Archiv
MaerzMusik
Enno Poppe: „IQ“ © SWR
Enno Poppe: „IQ“. [Bericht]

Enno Poppe „IQ“

Musiktheater

Enno Poppe
IQ
Testbatterie in acht Akten (2011/2012)
Libretto: Marcel Beyer

Enno Poppe, Musikalische Leitung
Anna Viebrock, Regie / Bühne / Kostüme
Till Exit, Mitarbeit Bühne
ViDEOGRUPPE, Video
Gerd Meier, Lichtdesign
Wolfgang Heiniger, Audio-Software
Holger Stenschke, Ton
Malte Ubenauf, Dramaturgie

Rosemary Hardy, Testleiterin
Katja Kolm, Testerin
Anna Clare Hauf, Probandin
Andreas Fischer, Proband
Ernst Surberg, Assistent 1
Lukas Schiske, Assistent 2

Klangforum Wien

„Was hat all das auf einer Opernbühne zu suchen?“, fragt der vom diffusen, ungeordneten Geräuschkosmos unserer Wahrnehmung stets inspirierte Komponist Enno Poppe. In acht Akte gliedert er, „immer wieder von vorne beginnend“, die Situation eines Intelligenztests an verschiedenen Probanden.

Ordnung resultiert aus der Angst vor dem Chaos. Sowohl die Natur als auch die Seele galten der Neuzeit als dessen undomestizierter Auswuchs. Ungerades war zu begradigen. Man schoss dabei oft übers Ziel. Thomas Mann ließ seinen Tonsetzer Adrian Leverkühn in „Doktor Faustus“ die Formel dafür finden: „Sogar eine alberne Ordnung ist immer noch besser als gar keine“. Im 18. Jahrhundert galt das Gehirn als Maschine, heute gipfelt die Vorstellung darin, das Hirn dem Computer gleichzusetzen. Am Ziel, unaufhörlich Messergebnisse zu produzieren, hat sich nichts geändert: Monströse Archaik im Laboratoriumskittel unserer Gegenwart.

Der Autor Marcel Beyer spürt seit langem den Konditionierungsprozeduren am Menschen nach. Er zeigt uns, wie dieser bereits im Mutterleib von sprachlichen Rauschzeichen aus dem Messinstrumentarium attackiert wird. Beyers Faszination für Stimmen ist offenkundig. Aus Stimmen von ausmessenden Testern und ausgemessenen Probanden fügt er das Textbuch zu Enno Poppes Oper „IQ“ zusammen. Darin mutieren Instrumentalisten wie Publikum zu integralen Bestandteilen eines hermetischen Versuchssystems. Dessen Glücksanspruch bringt eine Testerin auf die traurige Formel: „dass mir meine Tage am Testgenerator doch die allerliebsten Tage sind“. Enno Poppes Klangwelt operiert an der Dialektik von Zahl und Zufall, Kontrolle und Zerfall, Technik und Freiheit, und entsteht aus dem Zusammenwirken aller Kräfte. Anna Viebrocks Regie richtet sich an „der Frage nach jener anonymen Instanz, die den Standard setzt“ aus und ist – Raum und Licht eingeschlossen – bereits Teil des kompositorischen Prozesses. Beyers Worte gebären die Noten. Eine Versuchsanordnung ganz eigener Art.

Eine Koproduktion der Schwetzinger SWR Festspiele mit Theater Basel und ZKM Karlsruhe, gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes.
Das Gastspiel in Berlin wird gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds