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Haus der Berliner Festspiele © Phillip Aumann
Haus der Berliner Festspiele

Time Wars

Thinking Together – Konferenz, Teil 1 | Teil 2

Aufgrund einer kurzfristigen Absage von Timothy Morton wird Tim Stevens, Dozent am King’s College London, einen Vortrag halten. Bitte beachten Sie die geänderte Reihenfolge.

12:00 Yassin al-Haj Saleh
Living in the Temporary – Leben im Vorläufigen

13:30 Orit Halpern
The Planetary Test – Der planetarische Test

15:00 Maurizio Lazzarato
(Time)Wars and Capital – (Zeit-)Kriege und Kapital

16:30 Tim Stevens
The Sliding Moment: Cybersecurity and the Politics of Time

Es herrscht Krieg zwischen den Zeitlichkeiten. Weniger sichtbar vielleicht als die zahllosen materiellen und immateriellen Konflikte, die uns umgeben – aber nicht weniger real. Der systemische Zeit-Krieg des Turbo-Kapitalismus; die Ausbreitung nicht-menschlicher, digitaler Zeitregime; die langsame Gewalt der Umweltzerstörung; die unerbittlichen Tempi und Zeitspannen der Medienpräsenz; der permanente Ausnahmezustand im Dienste einer mutierten Kriegsführung ohne Ende und Ziel; die enteigneten Zeitlichkeiten der Migration – dies sind nur einige der zeitbezogenen Kräfte, die in unserer Gegenwart wirken.

Thinking Together 2018 beabsichtigt, unsere Gegenwart durch die Linse der Zeit zu betrachten, kollektiv zu bedenken, was wir „Zeitwesen“ von heute, gefangen zwischen divergierenden und kollidierenden temporalen Kraftfeldern, täglich erleben und erfahren. Flexibilisierung, Fragmentierung, das Ausreizen der Aufnahme- und Leistungsfähigkeit; schrumpfende, gedehnte, verzerrte Zeithorizonte; der Schwindel reziproker Schnelligkeit, Langsamkeit und Scheingeschwindigkeit; der Verlust des Anspruchs und Anrechts auf Zeit.

Vielleicht heute mehr denn je ist Zeit – als politische Kategorie – entscheidend beim Versuch, die Wirren der Gegenwart lesen zu lernen.

Das Diskurs-Format „Thinking Together“ widmet sich dem Phänomen Zeit in seinen gesellschaftlich-politischen, philosophischen und künstlerischen Dimensionen. Es stellt Raum für transdisziplinären Gedankenaustausch, Experiment, kollektives Lernen und Verlernen zur Verfügung. Frei zugänglich, bildet das Projekt eine Kontaktzone für Besucher*innen, Künstler*innen des Festivals und internationale Gäste.

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Yassin al-Haj Saleh
Living in the Temporary – Leben im Vorläufigen

Die Wahrnehmung von Zeit hängt von den Räumen ab, in denen wir leben, ebenso wie von unserer Bewegung in ihnen und aus ihnen hinaus: Zuhause, Gefängnis, Exil. Menschen, die im Exil leben, vor allem gewaltsam Vertriebene, erleben die Zeit als zerbrochen: eine Vergangenheit der Entwurzlung, eine Gegenwart des Feststeckens und eine Zukunft der Unsicherheit. Und doch verlieren diese Heimatlosen ihre Handlungsfähigkeit nicht vollständig: Sie versuchen, ein Zuhause aufzubauen. Dies ist eine grundlegende Bedingung für die Entwicklung persönlicher und familiärer Zeit, ebenso wie für die Anknüpfung des Lebens nach der Vertreibung mit dem Leben davor. Das, was zerbrochen wurde, wieder zu verbinden, ist die bevorzugte Art, wie Vertriebene versuchen, die Vorläufigkeit zu überwinden. Es ist ein Kampf gegen die Unsicherheit und Unvorhersagbarkeit des Vorläufigen – und dieser Kampf findet nie ein Ende.

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Orit Halpern
The Planetary Test – Der planetarische Test

Mitten im 2. Weltkrieg, im Jahr 1943, beauftragte die puerto-ricanische Regierung den berühmten Architekten Richard Neutra mit dem Bau von Krankenhäusern und Schulen. Er entwickelte daraufhin eine Reihe von Prototypen und Prozessen, die verschiedene Methoden untersuchten, Gebäude im subtropischen Klima der Insel zu belüften und zu klimatisieren. Es ging ihm vor allem darum, durch sorgfältiges Klimamanagement mit geringem finanziellem Aufwand die sozialen Verhältnisse zu verbessern. Bekanntlich bezeichnete Neutra seine Arbeit in Puerto Rico als „planetarischen Test“.

Neutra war stets ein global denkender Architekt gewesen und zu jener Zeit war er Repräsentant der USA beim Congrès Internationaux d’Architecture Moderne (CIAM). Bei der Einführung der Vereinten Nationen in San Francisco im Jahr 1945 sollte er den CIAM vertreten. In diesem Kontext zunehmender Globalisierung einerseits und modernistischer Architekturideale andererseits ist das Konzept eines „planetarischen Tests“ nicht unbedeutend. Im Folgenden soll untersucht werden, was es historisch für Architekten bedeutet, menschliches Wohnen und sogar ganze Städte und Staaten als Versuchsanordnungen und Experimentierfelder für die Zukunft des menschlichen Lebens und Wohnens zu sehen. Wie der Architekturhistoriker Daniel Barber bemerkt, markiert Neutras Arbeit einen Moment, in dem das „Internationale“ zum „Planetaren“ wird, und zwar genau dort, wo Wohnen, Umwelt und Klima gestaltet werden. Es scheint, als würde Klimakontrolle zu Planetenkontrolle und als solle das Design die Zukunft geophysischer und geopolitische Kräfte organisieren – durch „Tests“ oder das, was wir heute als Prototypen, Versionen und Demos bezeichnen.

Allerdings ist ein Test keine Simulation. Der „planetarische Test“, der heute zu unserem Lebensraum geworden ist, kann stabile Reihenergebnisse weder abbilden noch vorhersagen. Diese Arten von Tests (so zum Beispiel Stresstests in der Finanzwirtschaft, Szenarienplanung bei der Gestaltung von Lieferketten und in der Versicherungsbranche, dynamische Systemmodellierung in Ökologie und Meteorologie sowie die Entwicklung von Demos, schnelle Prototypisierung und Versionierung in Software-Entwicklung, Architektur und Städteplanung) stellen Methoden dar, in katastrophalen Umständen zu leben und Unsicherheiten ohne Endpunkt zu handhaben. Sie sind Zeittechnologien, die die Unsicherheiten zwischen den zahlreichen Zeitlichkeiten unserer Welt – darunter die der Biologie, der Geologie, der Chemie, der Industrie und des Rechnens – kapitalisieren und aus ihnen Gelegenheiten zur Arbitrage machen. Wir sind nicht mehr mit berechenbaren Endpunkten verbunden und haben neue Praktiken entwickelt, die die Repräsentation von Endpunkten im Namen konstanter Formen von Ableitung und Spekulation aufschieben, die Zeitdifferentiale und Unsicherheiten mithilfe von seit den 70er-Jahren entwickelten algorithmischen und finanziellen Technologien managen.

Diese Art des Demo-Modus und der Tests sind heute zur zentralen Vision von Gestaltung, Planung und Technik der Verwaltung menschlichen (und planetarischen) Lebens geworden, in einem Zeitalter echter und imaginierter Katastrophen weltweiten Ausmaßes. Neutras „planetarischer Test“ wurde die globale Infrastruktur unserer Zeit, die Raum und Leben kolonialisiert und Wetter zu Klima werden ließ sowie Umwelt zu Ökologie (und Finanzwirtschaft). Bei der Frage nach der „Versuchsanordnung“ handelt es sich tatsächlich um einen Krieg mit der Zeit. In den Schlachten wird es darum gehen, wie lange die Wette dauert und welchen Einsatz dieser „planetarischen Test“ verlangen wird.

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Maurizio Lazzarato
(Time)Wars and Capital – (Zeit-)Kriege und Kapital

In ihrem jüngsten Buch „Wars and Capital“ („Kriege und Kapital“) schlagen Éric Alliez und Maurizio Lazzarato eine Gegengeschichte des Kapitalismus vor, die die Realität jener Kriege wiederherstellen soll, die uns zugefügt und verweigert werden. Was wir erleben, ist nicht der ideale Krieg der Philosoph*innen, sondern sind Kriege um Klassen, Rasse, Sexualität und Gender, Kriege um Zivilisation und Umwelt, Kriege um Subjektivität, die in Gemeinschaften toben und den geheimen Motor der liberalen "Gouvernementalität darstellen. Indem sie einen Feind benennen (Geflüchtete, Migrant*innen, Muslime und Muslima) begründen die neuen Faschismen ihre Vorherrschaft über die Prozesse politischer Subjektivierung durch eine Reduzierung auf rassistische, sexistische und fremdenfeindliche Slogans. Dadurch fachen sie das Feuer des Kriegs unter den Armen weiter an und bewahren so die Kriegsphilosophie des Neoliberalismus.

Bei der diesjährigen „Thinking Together“-Konferenz zum Thema Time Wars wird Maurizio Lazzarato über die zentralen Themen seines neuen Buchs sprechen und sich im Hinblick auf Fragen zur Zeitpolitik auf seine früheren Arbeiten beziehen.

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Tim Stevens
The Sliding Moment: Cybersecurity and the Politics of Time

Cybersecurity has emerged as a strategic response to the threats and opportunities of the global Internet. It seeks to protect hyperconnected societies from digital attack and subversion and to exploit information technologies for political ends. Cybersecurity juxtaposes humans, code and machines in a global assemblage, not only of people and things, but of temporalities. These temporalities clash and combine in multiple ways that expose time itself as a conflict between the world and those who dwell in it. Tim Stevens addresses the social construction of time, its political nature, and its implications for security politics in the digital 21st century.

In englischer Sprache mit Simultanübersetzung

Tickets & Termine

Time Wars

Ort:

Haus der Berliner Festspiele

Preis/Kategorie:

Eintritt frei

Termine:

  • Sa 17.03.2018, 12:00 - 18:00