MaerzMusik

Das Festival 2018

Musik bietet der Zeit einen Mittelpunkt. – Music offers time a centre. – Dieser Satz von John Berger setzt die beiden Hauptanliegen dieses Festivals – Musik und Zeit – in eine fruchtbare Beziehung zueinander. Solch ein Mittelpunkt – in Bewegung, flüchtig, nicht-geometrisch, plurimodal – würde einen anderen Standpunkt und Blickwinkel erlauben. Von einem solchen klanglichen Mittelpunkt aus könnte man die divergierenden Zeitlichkeiten erspüren, die jede*r von uns simultan inne hat, und Beziehungen zu den fundamentalen Veränderungen herstellen, die uns umgeben.

Doch der Satz lässt noch eine andere Lesart zu. Das traditionelle Selbstbild westlicher Kunstmusik siedelt Musik sowohl außerhalb der Zeit als auch außerhalb ihrer Zeit an: Indem sie Avantgardismus für sich in Anspruch nimmt und behauptet, ihrer Zeit voraus zu sein, und indem sie sich an Abstraktionen wie Zeitlosigkeit, Universalität und Struktur festhält. Im Gegensatz zu dieser Vorstellung, so Bergers Anregung, kann Musik – alle möglichen Formen von Musik – tatsächlich Mittelpunkt und Portal für zeitliche Dinge und ihre politische Dimension sein, kann Musik Zugang zur Zeit in ihren unterschiedlichen Modalitäten gewähren.

Heute mehr denn je ist Zeit, als politische Kategorie, entscheidend bei dem Versuch, die Wirren der Gegenwart verstehen zu lernen. Musik könnte uns dabei helfen. Dies ist eine Zeit des Zuhörens.

Time Wars. – Dieses Festival für Zeitfragen beabsichtigt, unsere Gegenwart durch die Linse der Zeit und aus der Perspektive des Hörens zu betrachten, kollektiv zu bedenken, was wir „Zeitwesen“ von heute, gefangen zwischen divergierenden und kollidierenden temporalen Kraftfeldern, täglich erleben. Flexibilisierung, Fragmentierung, das Ausreizen der Aufnahme- und Leistungsfähigkeit; schrumpfende, gedehnte, verzerrte Zeithorizonte; der Schwindel der Schnelligkeit und Scheingeschwindigkeit; der Verlust des Anspruchs und Anrechts auf Zeit. – Die Hypothese von MaerzMusik 2018 ist, dass ein Krieg herrscht zwischen den Zeitlichkeiten. Weniger offensichtlich vielleicht als die zahllosen anderen Konflikte, die uns umgeben – aber nicht weniger real.

Ziel dieser zehn Tage ist es, die zeitbezogenen Kräfte, die auf uns einwirken, ausfindig zu machen, zu durchleben, zu bedenken – und ihnen gelegentlich zu entkommen: Der systemische Zeit-Krieg des Turbo-Kapitalismus; die Ausbreitung nicht-menschlicher, digitaler Zeitregime; die langsame Gewalt der Umweltzerstörung; die Tempi und Zeitspannen der Medienpräsenz; der permanente Ausnahmezustand; die enteigneten Zeitlichkeiten der freiwilligen und erzwungenen Migration.

Alle Projekte und Künstler*innen, die diese vierte Ausgabe von MaerzMusik – Festival für Zeitfragen ausmachen, beziehen sich auf die genannten Fragen und Anliegen – jeweils auf ihre eigene Art, nicht immer in offensichtlicher oder direkter Weise. Gleichzeitig bilden die im Festival präsentierten musikalischen Arbeiten jedoch ihre jeweils eigene Welt. Unabhängig von ihrer kuratorischen Kontextualisierung stehen und sprechen sie für sich selbst, offen für alle möglichen Wahrnehmungsweisen und Lesarten.

Wir freuen uns darauf, Sie bei MaerzMusik – Festival für Zeitfragen 2018 zu begrüßen.

Berno Odo Polzer
Künstlerischer Leiter MaerzMusik – Festival für Zeitfragen

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Die Berliner Festspiele stehen für ein Kulturprogramm, das Neues sichtbar macht. Ganzjährig realisieren sie eine Vielzahl von Festivals, Ausstellungen und Einzelveranstaltungen in ihren zwei Häusern.

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