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Musikfest Berlin

Das Festival 2014

„Also blus das Alphorn heut“

Vom 2. bis 22. September 2014 fand das Musikfest Berlin statt, veranstaltet von den Berliner Festspielen in Kooperation mit der Stiftung Berliner Philharmoniker. Es war die 10. Ausgabe des 2005 gegründeten Orchesterfestivals. An 21 Tagen wurden in der Philharmonie und deren Kammermusiksaal 31 Veranstaltungen mit über 75 Werken von 24 Komponisten präsentiert, aufgeführt von 25 Orchestern, Instrumental- und Vokalensembles und von zahlreichen Solisten des internationalen Musiklebens und der Musikstadt Berlin.

Es gelte, „endlich eine neue poetische Zeit vorzubereiten, beschleunigen zu helfen“, notiert 1835 der frischgebackene Chefredakteur Robert Schumann in der gerade gegründeten „Neuen Zeitschrift für Musik“. Rund 20 Jahre später setzt Schumann neue Hoffnungen auf Johannes Brahms: Aus „dem Klavier machte er ein Orchester von wehklagenden und lautjubelnden Stimmen“, doch wenn er einst „seinen Zauberstab dahin senken wird, wo ihm die Mächte der Massen, im Chor und Orchester, ihre Kräfte leihen, so stehen uns noch wunderbarere Blicke in die Geheimnisse der Geisterwelt bevor“.

Das moderne Orchester fand zu seiner institutionellen Gestalt innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft, als die Komponisten bereits Sorge dafür trugen, mit ihrem Schaffen der Institution langfristig die künstlerische Zukunft zu sichern. Das Werk ist die Herausforderung der Institution. Cosima Wagner notiert am 12. Dezember 1880 in ihr Tagebuch: „Richard geht arbeiten, klagt aber, dass er Instrumente brauche, die er gar nicht hätte, müsste welche erfinden, und zwar nicht etwa um mehr Lärm zu machen, sondern um auszudrücken was er wollte.“

Bereits 1843 hatte Hector Berlioz in seiner Grundlagenschrift „Grand traité d’instrumentation et d’orchestration modernes“ – die er auf Alexander von Humboldts Vorschlag hin dem König Wilhelm IV. von Preußen widmete, wofür ihm umgehend mit einer goldenen Tabatiere und der „Großen Goldmedaille“ für wissenschaftliche Verdienste gedankt wurde – das moderne Orchester als eine maschinenähnliche Stätte der künstlerischen Produktion ersonnen, bei der auch die Fabrikation und Entwicklung neuer Instrumente berücksichtigt wurde. Eine revolutionäre technische Erneuerung im Bereich der Musik lag da gerade erst knapp 30 Jahre zurück, die aber, obgleich sie technisch folgenreich sein sollte, noch Johannes Brahms als künstlerisch unzureichend erachtete: Die Ausstattung des „Naturhorns“ mit Ventilen, durch die ganze dreieinhalb Oktaven endlich kontinuierlich chromatisch durchschritten werden konnten, machte aus dem Instrument ein „Ventilhorn“, das den Klangcharakter des Naturhaften so sehr beschädigte, dass Johannes Brahms von dem damals modernen Ventilhorn despektierlich als einer „Blechbratsche“ sprach. Ein Stück musikalisch authentischer Natur schien verloren, und Nostalgie macht sich kund, wenn Johannes Brahms in einem Clara Schumann zugedachten Geburtstagsgruß am 12. September 1868 aus den Schweizer Alpen, versehen mit der Überschrift „Also blus das Alphorn heut“, das Alphornmotiv notierte, das er später im Finale seiner Ersten Symphonie verwenden sollte: „Hoch aufm Berg, tief im Thal grüß ich dich viel tausendmal.“ Robert Schumann hatte übrigens über das Ventilhorn anders gedacht. Ihm war das Ventilhorn mit seinen neuen Möglichkeiten willkommener Anlass, das „Konzertstück für vier Hörner und Orchester“ zu komponieren.

Beim Musikfest Berlin 2014 waren sowohl das Ventil- als auch das Naturhorn zu erleben: Robert Schumanns „Konzertstück für vier Hörner und Orchester“ und das jüngst entstandene „concerto grosso Nr. 1 für vier Alphörner und großes Orchester“ von Georg Friedrich Haas. Ihm ist allerdings das Alphorn nicht nostalgische Rückblende, sondern – Romantiker, der er ebenfalls ist – Medium der Erkundung der spektralen „Geheimnisse der Geisterwelt“ der Klänge.

Das Horn war Robert Schumann die „Seele des Orchesters“, und so zieht sich das Instrument durch das Festival-Programm: mit den Horntrios von Johannes Brahms und György Ligeti, dem Es-Dur-Hornkonzert von Richard Strauss, mit der Posthorn-Episode der Dritten Symphonie von Gustav Mahler, dem neuen Hornkonzert von Wolfgang Rihm und dem „Hamburgischen Konzert“ von György Ligeti.

Ein anderer Strang des Festivalprogramms ging einer weiteren Forderung Robert Schumanns nach, von der er die „neue poetische Zeit“ gestützt sehen wollte: „An die alte Zeit und ihre Wege mit allem Nachdruck zu erinnern, darauf aufmerksam zu machen, wie nur an so reinen Quellen neue Kunstschönheiten gekräftigt werden können“. „Die alte Zeit“ war für Schumann und Brahms vor allem die Musik Johann Sebastian Bachs. Dessen Werke prägten das Programm des Musikfest Berlin, aber auch subkutan durch die Werke von Mendelssohn, Bruckner und anderen. Schließlich war aucht die „neue poetische Zeit“ präsent – als dritter Strang – in den Werken der Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts.

Die 10. Ausgabe des Musikfest Berlin wurde eröffnet von der Staatskapelle Berlin mit Daniel Barenboim und Gustavo Dudamel und endete mit den Symphonien von Robert Schumann und Johannes Brahms an vier Abenden mit den Berliner Philharmonikern unter der Leitung von Sir Simon Rattle. Das Gästebuch war reich gefüllt: mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden, dem Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam, den Münchner Philharmonikern, den Bamberger Symphonikern, dem Gewandhausorchester Leipzig, dem Cleveland Orchestra, dem Mahler Chamber Orchestra, dem London Symphony Orchestra und vielen anderen mehr.

Winrich Hopp
Künstlerischer Leiter Musikfest Berlin