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Theatertreffen

Internat. Forum 2012
Workshop 1 – Theater Stoff Recherche

Not und Notwendigkeiten – Was treibt uns an?

Geleitet von Andres Veiel, Berlin

Als einer der renommiertesten deutschsprachigen Regisseure der Gegenwart bewegt sich Andres Veiel sowohl im Film- als auch im Theaterbereich. Seine Stoffe umkreisen das Verhältnis von Geschichte, Biografie und Geld. Er realisiert sie entweder als Dokumentarfilm, als Theaterstück oder als Spielfilm. Im Mittelpunkt seiner Arbeiten stehen sehr unterschiedliche Protagonisten mit ihren Idealen und deren Folgen. So stellt er beispielsweise in dem zahlreich ausgezeichneten Dokumentarfilm „Black Box BRD“ zwei Gegenspieler des bundesdeutschen RAF-Terrorismus gegenüber: den Terroristen Wolfgang Grams und Bankmanager Alfred Herrhausen, der 1990 von Terroristen ermordet wurde. Ihre individuellen Geschichten setzen sich durch zahlreiche, ausgesprochen intensiv geführte Filminterviews mit Angehörigen zusammen. In welcher künstlerischen Disziplin Veiel sich ausdrückt, orientiert sich am jeweiligen Stoff. Entscheidend ist die Frage, mit welchen erzählerischen Mitteln er die zum Teil versteckten Hintergründe für den Zuschauer erfahrbar machen kann. Was nach langen und genauen Recherchen dennoch nicht im Film oder auf der Bühne Platz findet, veröffentlicht Veiel im Anschluss als zusätzliches Material in Sachbüchern zum Thema.

So verwirklichte Andres Veiel in den vergangenen zwanzig Jahren vor allem Projekte, in denen er von Menschen erzählt, die sich auf unbedingte Art auf ihren Weg machen und unterwegs sind, um ihre Ziele zu erreichen. Es geht ihm darum zu zeigen, woraus sie ihren Antrieb beziehen, wie sie mit den Widerständen umgehen, die ihnen entgegengebracht werden und was schlussendlich aus ihren ursprünglichen Visionen wurde. Der mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Dokumentarfilm „Die Spielwütigen“ zeigt so über einen Zeitraum von sieben Jahren drei Frauen und einen Mann von ihrem ersten Wunsch Schauspielerei zu studieren bis hin zum ersten Engagement. Die Kamera wird Zeuge, wie die Protagonisten ihre Visionen gegen oder trotz vieler Widerstände umsetzen. Einem inneren Roadmovie gleich dokumentiert Veiel unterschiedlichste Initiationen junger Künstler in die Welt des Theaters. Was treibt junge Menschen an, Schauspieler zu werden? Wie weit sind sie bereit zu gehen, welchen Preis bezahlen sie für welchen Erfolg? Veiels Werke erzählen nicht nur von Einzelnen, sie geben den Blick frei auf die Gesellschaft und somit auf die Zeit, in der sie entstehen.

Ausgangspunkt für seine Dokumentartheaterproduktion „Der Kick“ war die Ermordung eines Jugendlichen in der brandenburgischen Provinz. Über einen Zeitraum von sechs Monaten besuchten Andres Veiel und seine Kollegin den Ort und die Beteiligten des Verbrechens. Lange Gespräche abseits des sonst üblichen Medienrummels führten zu einem Bühnenstück, das einer gesellschaftlichen Röntgenaufnahme gleichkommt. Die rohe Gewalt, mit der Jugendliche einen aus ihrer Mitte töteten, kann gleichsam als Konsequenz gelesen werden, wenn es an persönlichen und gesellschaftlichen Perspektiven mangelt, wenn dafür das Schweigen übermächtig wird.

Zu seinem Workshop notiert er:

Was treibt uns an? An welchen Stücken, Themen und Geschichten bleiben wir hängen? Warum? Wo entsteht aus innerer oder äußerer Not eine Notwendigkeit, uns auf eine Arbeit, auf einen bestimmten Stoff zu konzentrieren? Wie finden wir unsere eigene Spur, selbst wenn sie sich versteckt in einer Vielzahl beliebiger Möglichkeiten?
Im Workshop wird es darum gehen, sogenannte Treibsätze dieser Notwendigkeiten auszuloten. Fragen nach der persönlichen Herkunft und der eigenen Identitätssuche werden dabei ebenso berührt wie historische und ökonomische Prägungen: Wie stark sind wir beispielsweise von den (traumatischen) Erfahrungen früherer Generationen beeinflusst? Wie greifen die sichtbaren und unsichtbaren Geldströme, die täglich um unseren Globus fließen, in unser Leben ein? Was daran ist Zufall, was ist vorherbestimmt?
Gemeinsam machen wir eine Recherchereise in den Steinbruch der jeweils eigenen Erfahrungen und auch darüber hinaus. Wir erarbeiten verschiedene Materialtexturen - die Quellen sind die eigene oder fremde Biographie(n), die Auslotung ökonomischer, politischer oder sozialer (Macht-)Strukturen und deren Sprachkörper. Gearbeitet werden kann mit Interviews, Gesprächsprotokollen, Fundstücken, Textcollagen, Gedichten, Stückfragmenten, Traumfetzen ... Wir betreiben Recherchen am fremden Gegenstand, an dem das Eigene entdeckt wird und umgekehrt: der Entdeckung des Neuen im scheinbar Vertrautem. Wenn jeder am Workshop Beteiligter nur noch EINE Arbeit in seinem Leben machen könnte, welche würde das sein? Wie fokussieren wir den Blick auf die Welt, dass sie sich in einem kleinen Wassertropfen abbildet?

Andres Veiel
© Sabine Sauer

Andres Veiel

Der Regisseur, Autor und Sachbuchautor Andres Veiel gehört zu den erfolgreichsten deutschen Filmemachern unserer Zeit. Nach einem Psychologiestudium absolviert er von 1985 bis 1989 eine Regie- und Dramaturgieausbildung im Rahmen der internationalen Seminare am Berliner Künstlerhaus Bethanien unter der Leitung des polnischen Regisseurs Krzysztof Kieslowski. Seit 1990 arbeitet Andres Veiel als Autor und Regisseur an Film- und Theaterprojekten, die meist in den Grenzbereichen zwischen Realität und Fiktion angesiedelt sind. Für seine Filme „Winternachtstraum“ (1991), „Balagan“ (1993), „Die Überlebenden“ (1996), „Black Box BRD“ (2001), „Die Spielwütigen“ (2004), „Der Kick“ (2006), „Wer wenn nicht wir“ (2011) hat er mehr als vierzig nationale und internationale Auszeichnungen erhalten, darunter mehrfach den Deutschen Filmpreis und sowie den Europäischen Filmpreis.

Das Stück „Der Kick“, das Andres Veiel zusammen mit Gesine Schmidt schrieb, wurde in acht Sprachen übersetzt und an mehr als 50 Bühnen aufgeführt. Die Inszenierung unter seiner Regie (Uraufführung am Theater Basel und am Berliner Maxim Gorki Theater) erhielt den Friedrich-Luft-Preis für die beste Berliner Inszenierung 2005 und wurde 2006 zum Berliner Theatertreffen eingeladen.

Zahlreiche Lehraufträge an verschiedenen Filmhochschulen und Universitäten führten ihn unter anderem nach Zürich, Johannesburg und Delhi. Andres Veiel ist Mitglied der Deutschen sowie der Europäischen Filmakademie und der Akademie der Künste.