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Theatertreffen
Michel Decar
Michel Decar

Stückemarkt – Szenische Lesung III

Jonas Jagow
von Michel Decar

Szenische Einrichtung Friederike Heller
Dramaturgie Marion Hirte

Mit:
Julischka Eichel, Lisa Hrdina, Michael Schweighöfer, Patrick Wengenroth und Sebastian Zimmler

„Jonas Jagow zerstört Berlin“ ist die großspurige Ankündigung zu Beginn des Stücks. Der Protagonist durchquert voller Wut die Stadt und nimmt sie auf allen Ebenen auseinander. Peking-Ente in Lichtenberg und Bier am Gesundbrunnencenter, die Schlacht um Berlin, Chöre von Ober- und Unterbürgermeistern und Beziehungsgespräche im Bett wechseln einander in wilder Folge ab. Der Rosenthaler Platz streitet sich mit der Bülowstraße um den schönsten Berg. Touristen treffen auf Galeristen in unterirdischen Bunkern, die eigentlich Clubs sind. Jagow spricht mit Andreas Baader, Moritz Bleibtreu und Tobias Moretti, Andritz Baadtreu. Am Ende schlägt ein Asteroid in Berlin ein, aber die endgültige Zerstörung bleibt aus.

In zeitlichen und räumlichen Sprüngen, schnellen Schnitten und vielfachen Zitaten entspinnt sich in diesem Stationen-Drama eine atmosphärische Zustandsbeschreibung der Stadt, die über Berlin hinausweist und nach unserem Blick auf eine Wirklichkeit fragt, die sich uns permanent zu entziehen scheint. Wie zu dem Chaos, das uns umgibt, eine Haltung bekommen? Wohin mit der Wut auf diese Gesellschaft? Zwischen Vergangenheit und Zukunft, mit Komik und Radikalität, wird jede klare Form aufgelöst. Dabei entfaltet der Text einen Sog, der schwindelig werden lässt, manchmal nervt, ratlos zurücklässt, den Atem nimmt, aber vor allem viel Spaß macht.
Mieke Matzke

Michel Decar wurde 1987 in Augsburg geboren. Er studierte Germanistik und Geschichte an der LMU München und seit 2010 Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin. Seine beiden ersten Stücke Kinski in Love und Die Inkonsequenz meiner fehlgesteuerten Fremde inszenierte er selbst an der Studiobühne München. Waldemarwolf wurde am BAT Berlin und am Maxim Gorki Theater szenisch eingerichtet. 2011 wurden Ausschnitte des Stückes Jonas Jagow in der Literaturzeitschrift „Bella Triste“ veröffentlicht.