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Theatertreffen
Die heilige Johanna der Schlachthöfe, © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie
Die heilige Johanna der Schlachthöfe. Yvon Jansen, Isabelle Menke (unten); hinten: Samuel Braun, Gottfried Breitfuss

Die heilige Johanna der Schlachthöfe

von Bertolt Brecht

Schauspielhaus Zürich

Regie Sebastian Baumgarten
Bühne Thilo Reuther
Kostüme Jana Findeklee, Joki Tewes
Musik Jean-Paul Brodbeck
Video Stefan Bischoff
Licht Gerhard Patzelt
Dramaturgie Andrea Schwieter

Johanna Dark, Leutnant der Schwarzen Strohhüte Yvon Jansen
Mauler, Fleischkönig Markus Scheumann
Cridle, Fleischfabrikant Jan Bluthardt
Graham, Fleischfabrikant Lukas Holzhausen
Slift, Maklerin Carolin Conrad
Frau Luckerniddle Isabelle Menke
Gloomb, Arbeiter Samuel Braun
Paulus Snyder, Major der Schwarzen Strohhüte Sean McDonagh
Martha, Soldat der Schwarzen Strohhüte Alejandra Cordona
Mulberry, Hauswirt Gottfried Breitfuss
Arbeiter / Arbeiterführer Gottfried Breitfuss, Samuel Braun
Viehzüchter Alejandra Cordona, Sean McDonagh
Detektiv Samuel Braun
Kellnerin Alejandra Cordona

Seit der Geburt des Neoliberalismus Anfang des Jahrtausends wird Brechts Wirtschaftsklassiker allüberall gespielt und möglichst nahe an die Gegenwart gerückt. Keiner lässt Brechts „Heilige Johanna“ auf den ersten Blick älter aussehen als Sebastian Baumgarten in Zürich.

Ein Pianist umklimpert sie mit jazzigen Rhythmen, Brechts sonst immer etwas antiquiert tönende Blankverse klingen dazu wie ein Libretto aus den 1920er Jahren. Die Wirtschafts-Männer tragen Latex-Halbmasken wie aus einer alten Ruth-Berghaus-Inszenierung, die ihnen die gröbsten Gefühlsregungen aus dem Gesicht wischen. Dabei sehen die Kings of Cool unrettbar lächerlich aus mit ihren Cowboyhüten und grotesken Kostümen, als hätte man einen verstaubten Verfremdungs-Fundus im Berliner Ensemble geplündert. Ungefähr so hat man sich in den 1950ern im Osten den Kapitalismus vorgestellt. Doch je weiter die Inszenierung Brechts Vorlage wegrückt, umso näher erscheint die alte Geschichte. An den Gesetzen von Angebot und Nachfrage hat sich bis heute nichts geändert, Moral und Intelligenz dienen, so vorhanden, hauptsächlich der eigenen Interessenwahrung. Nur eine Lösung ist nicht mehr in Sicht, nicht einmal als Utopie. Erst ganz am Ende kommt Baumgartens Inszenierung auch äußerlich im Heute an. Der Markt hat sich erholt, es gibt zwar 30 Prozent weniger Lohn, 30 Prozent höhere Preise und 30 Prozent Arbeitslose, aber so ist das nun mal. 70 Prozent leben ganz ordentlich damit.

www.schauspielhaus.ch

Dauer 2h 35, eine Pause

Premiere 29. September 2012

Publikumsgespräch 14. Mai 2013, im Anschluss an die Vorstellung
Haus der Berliner Festspiele, Bornemann Bar / Kubus
mit dem Ensemble und Christine Wahl (Jury)
Moderation Barbara Burckhardt

Die Vorstellungen am 13. und 14. Mai werden von 3sat aufgezeichnet.