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Theatertreffen

Das Festival 2018

Ort zeitgenössischer Kontroversen

Selten war in den letzten Jahren eine Auswahl des Theatertreffens so unterschiedlich in ihren ästhetischen Erzählweisen wie in diesem Jahr. Die Bandbreite reichte von Ulrich Rasches formstrengem Maschinentheater mit Büchners „Woyzeck“ über Frank Castorfs expressive „Faust“-Dekonstruktion, das virtuose Solo von Schauspieler Joachim Meyerhoff in Jan Bosses Interpretation von Melles „Die Welt im Rücken“, Anta Helena Reckes „Mittelreich“-Inszenierung in bester Appropriation-Art-Manier bis hin zur radikal weiblichen Lesart des Trojanischen Kriegs von Karin Henkel in „BEUTE FRAUEN KRIEG“. Über diskursive Themenstränge der Auswahl wurde viel spekuliert. Der Theatertreffen-Juror Christian Rakow glaubte in dem zunehmend technisierten Weltzugang am Theater eine Verbindungslinie zwischen den ausgewählten Produktionen ausmachen zu können, während die Jurorin Eva Behrendt in der kritischen Befragung eingespielter Gewissheiten einen gemeinsamen Nenner sah. Mir selbst erschienen die Entwürfe von Gegen-Geschichte(n) und die subjektive Wahrnehmung von Realität durch randständige Individuen als deren gemeinsames Kennzeichen. Was die Auswahl jenseits aller Unterschiede definitiv war: ein Fest großartiger Schauspieler*innenpersönlichkeiten.

Was die Auswahl verbindet oder auch nicht, liegt letztendlich im Auge der*des Betrachtenden. Und gerade die Unterschiedlichkeit der Wahrnehmungen, Haltungen und Geschmäcker ist das, was das vergangene Theatertreffen so lebendig gemacht hat. Als lustvoller Ort für zeitgenössische Kontroversen und dialektisches Denken lud es zur vielfältigen Auseinandersetzung über Theater, Kunst und Gesellschaft ein.

Der Stückemarkt erweiterte die deutschsprachige Perspektive der 10er Auswahl und präsentierte unter dem Motto „Geteilte Welt“ in Kooperation mit der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb drei neue Stücke, die in szenischen Lesungen erstmalig vorgestellt wurden, und drei Performances aus ganz Europa. Am Ende wurde im Rahmen einer öffentlichen Jurydiskussion ein Werkauftrag an die israelische Autorin Maya Arad Yasur vergeben, der mit einer Uraufführung am Schauspiel Köln verbunden ist.

Die im vergangen Jahr zusammen mit dem Goethe-Institut ins Leben gerufene Plattform Shifting Perspectives richtete ihren Blick über die deutschsprachigen Bühnen hinaus in die Welt und öffnete das Festival für außereuropäische Perspektiven. Interdisziplinäre Projekte aus Brasilien, Israel, dem Libanon, Kenia und Singapur setzten sich mit Fragen der Identitätskonstruktion und der Überschreibung von Geschichte auseinander und schlugen eine inhaltliche Brücke zu den „Gegen-Geschichten“ der 10er Auswahl.

Das neue Diskursformat TT Kontext setzte sich mit der Denkfigur des „Unlearning“ auseinander und zielte auf ein kritisches Hinterfragen bestehender Wissensbestände und eingeübter Denkweisen. In vier thematischen Zuspitzungen wurde über strukturelle Geschlechterungleichheit im deutschen Theaterbetrieb, hegemoniale Geschichtsdeutungen und Identitätskonstruktionen, über Empathie und ökonomische Umverteilung sowie über Rezeptions- und Wahrnehmungsraster im Theater diskutiert.

Ein Fest gab es auch zu feiern: Das Theatertreffen-Blog beging sein zehnjähriges Jubiläum, indem es die großen Debatten vergangener Festivals und der aktuellen Edition in essayistischen Beiträgen von ehemaligen Kulturblogger*innen vertiefte und gegenwärtigen Fragen des Theaterbetriebs nachging.

Der Theaterpreis der Stiftung Preußische Seehandlung ging in diesem Jahr an die Regisseurin Karin Henkel, die insgesamt schon sieben Mal zum Theatertreffen eingeladen wurde. Den Alfred-Kerr-Darstellerpreis erhielt der Schauspieler Benny Claessens für seine fulminante Performance in Falk Richters Inszenierung von Jelineks „Am Königsweg“. Der 3sat-Preis ging an die Schauspielerin Wiebke Puls, die in Christopher Rüpings Inszenierung von Brechts „Trommeln in der Nacht“ brillierte.

18 erlebnisreiche Tage mit bemerkenswertem Theater, neuen Stücke und Performances, internationalen Perspektiven, kontroversen Diskussionen und Begegnungen liegen hinter uns. Ihnen, verehrtes Publikum, gilt unser aufrichtiger Dank für Ihre Treue, Leidenschaft und Neugier auf Ungewohntes! Haben Sie etwas Geduld, denn der nächste Mai wird bald kommen und damit auch das nächste Theatertreffen!

Daniel Richter
Leitung Theatertreffen (Elternzeitvertretung)