Theatertreffen

Die Auswahl 2018

Am 30. Januar 2018 hat die Jury die Auswahl für das 55. Theatertreffen bekannt gegeben.

Es wurden 409 Inszenierungen in 54 deutschsprachigen Städten besucht. 683 Voten gingen bei uns ein und die einzelnen Juror*innen haben jeweils zwischen 85 und 112 Inszenierungen gesehen. Insgesamt wurden 33 Inszenierungen vorgeschlagen und diskutiert.

Das Theatertreffen-Team gratuliert den ausgewählten Regisseur*innen, Ensembles und Theatern!

Am Königsweg

von Elfriede Jelinek
Regie Falk Richter
Deutsches Schauspielhaus Hamburg
Uraufführung 28. Oktober 2017
www.schauspielhaus.de

Vordergründig als Abrechnung mit dem stabilen Genie des US-Präsidenten Donald Trump angelegt, entpuppt sich Elfriede Jelineks „Am Königsweg“ als Adlerflug über gut 2000 Jahre Menschheitsgeschichte und ihre Gebirgsmassive autoritärer Politik. Was sind das für Gewaltzusammenhänge, in denen sich Gesellschaften durch Ausgrenzung formieren? Welche archaische Sehnsucht treibt sie, ihren Willen in einem Einzelnen, im König, im Leviathan verkörpert zu sehen? So fragt Jelinek. Und Regisseur Falk Richter kleidet die Fragen in eine burleske, durch und durch anti-autoritäre Ästhetik der Fülle: mit einem Bombardement an Bildern und solo-darstellerischen Glanznummern – und mit rotzigen Stand-up-Einlagen der Comedienne Idil Baydar, die als Kunstfigur Jilet Ayşe europäischen Alltagsrassismus dekonstruiert. So streiten Jelinek und Richter im Geiste vereint für eine freie, überbordend assoziative, offene Poesie, die das plumpe „Wir oder sie“ der Putins, Orbáns oder Trumps dieser Welt pulverisiert.

BEUTE FRAUEN KRIEG

Ein Zyklus im Schiffbau
Fassung unter Verwendung von „Die Troerinnen“ von John von Düffel nach Euripides (Interlinearübersetzung Gregor Schreiner) und „Iphigenie in Aulis“ von Soeren Voima nach Euripides
Regie Karin Henkel
Schauspielhaus Zürich
Premiere 2. Dezember 2017
www.schauspielhaus.ch

Konsequent erzählt Karin Henkel den Trojanischen Krieg aus Sicht der unter ihm leidenden Frauen – ohne die mythologische Kraft der Vorlage zu verraten. In intimer Nähe flüstern uns die großartigen Darstellerinnen von Kassandra, Helena und Andromache wehrhaft und entschlossen ihre Schicksale ins kopfhörerbewehrte Ohr, um sie zugleich scheinbar willig umzudeuten, zynisch zu analysieren oder einfach nur in kühlem Pathos zu beklagen. Listig hinterfragt eine grandiose Kate Strong zugleich, wer hier eigentlich stets die Geschichte schreibt und wie Frauen vermeintlich an den Katastrophen kollaborieren. Selten wurde so konsequent vorgeführt, wie vor allem machtgierige Männer im Fake-News-Modus über die Alternativlosigkeit der Aggressionen dozieren und politische Moral zum Morden missbrauchen. Karin Henkel gelingt an diesem Abend eine kluge Umschreibung der Geschichte, eine im besten Sinne feministische Umverteilung der Deutungshoheit.

Die Odyssee

Eine Irrfahrt nach Homer
Regie Antú Romero Nunes
Thalia Theater, Hamburg
Premiere 20. Mai 2017
www.thalia-theater.de

Was, wenn der eigene Erzeuger ein mythenschwerer Übervater ist, der nie daheim war, weil er Abenteuer zu bestehen hatte, die ihrerseits aber auch nicht ganz gesichert sind? Dann holt man sich den Helden ins Zimmer und macht Kleinholz aus seinen unglaublichen Geschichten. Antú Romero Nunes erzählt in „Die Odyssee. Eine Irrfahrt nach Homer“ von den beiden Odysseus-Söhnen Telemachos und Telegonos: wie sie einander als junge Männer kennenlernen und sich in der Folge gemeinsam die gewaltsamen Geschichten ihres Vaters einverleiben. Nunes treibt das auf Budenzauber und virtuosem Slapstick gebaute Kammerspiel der Brüder vor der wuchtigen Vater-Leerstelle durch sämtliche psychologisch bis popkulturell gestützten Stadien der Befindlichkeit in die Eskalation und wieder hinaus. Über scheinbar harmlose Kleinkunstnummern und eine eigens erfundene Kunstsprache entwickeln die beiden Schauspieler Thomas Niehaus und Paul Schröder eine furiose Emanzipationsfantasie. Smellt nach aventiure!

Die Welt im Rücken

nach dem gleichnamigen Roman von Thomas Melle
Regie Jan Bosse
Burgtheater, Wien
Uraufführung 11. März 2017
www.burgtheater.at

Joachim Meyerhoff ist ein Spezialist für künstlerische Soli aller Art und hat seit seiner Kindheit in der psychiatrischen Anstalt (deren Leiter sein Vater war) keine Berührungsängste vor Fragen dieses medizinischen Fachgebietes. In der von ihm mitinitiierten Dramatisierung von Thomas Melles autobiografischem Roman „Die Welt im Rücken“ holt er alleine – und doch so, als wäre er viele – aus zu einer rausch- und schmerzhaften Kranken-Introspektion eines manisch-depressiven Patienten. Jan Bosses Inszenierung übersetzt die entlang aus dem Ruder laufender Wahrnehmungen und verlorener Einsichten gebaute Erzählung des Protagonisten in ein bildnerisch entgrenztes „Objekttheater“. Realität und Wahn sind einander immer wieder zum Verwechseln ähnlich. Aus kleinen Dingen entstehen gigantische Traumgebilde, die mit scheinbar einfachsten analogen Theatermitteln neue Horizonte erschließen. Über-Ich oder Gehirnmasse? Frühstücksei oder Tischtennisball? Das ist hier immer wieder die Frage.

Faust

nach Johann Wolfgang von Goethe
Regie Frank Castorf
Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Intendanz Frank Castorf)
Premiere 3. März 2017
www.volksbuehne.adk.de

Es ist ein Glücksfall, dass eine Intendanz, die wie keine zweite seit 1989 die Theatergeschichte geprägt hat, mit einem wahrhaftigen Bühnenwuchtwerk ihren Schlussakkord setzt. Frank Castorf liest Goethes „Faust“ in höchster Deutungsfreiheit und mit zahlreichen Fremdtext-Anlagerungen nicht als Drama des deutschen Denkers, sondern als Drama des europäischen Bürgertums, das 1789 aufgebrochen war, die Emanzipation der Völker aus feudalen Banden zu besorgen. Und was kam, waren die Bande der kapitalistischen Verwirtschaftung. Von den Menschenschöpfungsszenarien des „Faust II“ geht die Reise über das Frankreich des Zweiten Kaiserreichs bis in die koloniale Wirklichkeit des Algerienkriegs. Man verfolgt Faust nicht als Figur, sondern als Problemkomplex: Global Player Faust. Für seine Expeditionszüge hat Castorf scharenweise Ausnahmespieler*innen versammelt, die dieses eruptive Bühnenereignis im Innersten zusammenhalten: Marc Hosemann, Sophie Rois, Alexander Scheer, Lilith Stangenberg, Martin Wuttke. Und Valery Tscheplanowa, die für ihren Auftritt zur Schauspielerin des Jahres gekürt wurde.

Mittelreich

Musiktheater nach dem Roman von Josef Bierbichler
nach der Inszenierung von Anna-Sophie Mahler
Konzept und Regie Anta Helena Recke
Münchner Kammerspiele
Eine Produktion von den Münchner Kammerspielen und Anta Helena Recke
Premiere 12. Oktober 2017
www.muenchner-kammerspiele.de

Vor zwei Jahren war Anna-Sophie Mahlers Adaption von Joseph Bierbichlers Roman „Mittelreich“ zum Theatertreffen eingeladen: ein leiser, die Begriffe von Heimat und Familie dekonstruierender Musiktheaterabend über drei oberbayerische Seewirt-Generationen. In der Tradition der Appropriation Art, die Ende der Siebzigerjahre normative Kategorien der Kunstwelt in Frage stellte, kopiert Regisseurin Anta Helena Recke diese Inszenierung, verändert jedoch ein bedeutendes Detail: Ihr Cast besteht ausschließlich aus Schauspieler*innen of Color. Die Inszenierung eignet sich erstmals auf einer deutschen Stadttheaterbühne in dieser Form ein „weißes“ Werk an, um das mit einer scheinbar einfachen Überlegung zu adressieren: Was ist anders, wenn eine schwarze Besetzung statt einer weißen spielt? Während auf der Bühne die bereits bei Bierbichler/Mahler verhandelten Themen wie Privilegien, Ausgrenzung und Verdrängung neu und doppelt ins Schwingen geraten, fordert die „Kopie“ eine Reflexion der eigenen Wahrnehmungsmuster sowie der Institution Theater und ihrer strukturellen Rassismen.

Nationaltheater Reinickendorf

von Vegard Vinge / Ida Müller
Nationaltheater Reinickendorf, Berlin
Produktion Vinge/Müller & Berliner Festspiele / Immersion
Uraufführung 1. Juli 2017
www.berlinerfestspiele.de/immersion

Kann man die Welt noch einmal schaffen und ihr dabei seinen ganz eigenen Stempel aufdrücken? Mit dem „Nationaltheater Reinickendorf“ hat das Künstler*innenduo Vegard Vinge und Ida Müller seine Arbeit an diesem Großprojekt um einige Riesenschritte weitergetrieben. In dem von ihnen erbauten Theatergebäude in einer Reinickendorfer Lagerhalle, umstellt vom „Dramaturgentunnel“, der die eigenen Inspirationsquellen nachzeichnet, und der popkulturellen „Panini-Kathedrale“, finden die Beiden und ihr Ensemble mit der obsessiven Überformung durch Comic-Masken, gemalte Kulissen, Voiceover-Akustik, serielle Strukturen und Publikumspartizipation nicht nur Verbindungen zwischen kanonischen Werken wie „Hamlet“, „Baumeister Solness“ und „Tosca“. Vinge agiert dazu auch konsequent die Urszene der eigenen schöpferischen Tätigkeit im Freudianischen Sinne aus. Mit anderen Worten: Es ist jede Menge persönliche Scheiße im Spiel, als konkrete Handlung und Selbstreflexion in einem Gesamtkunstwerk der Besessenheit, dessen Widersprüche das Publikum bis in den Morgen fesseln.

Rückkehr nach Reims

nach dem gleichnamigen Roman von Didier Eribon
aus dem Französischen von Tobias Haberkorn
in einer Fassung der Schaubühne
Regie Thomas Ostermeier
Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin
Koproduktion mit dem Manchester International Festival (MIF), HOME Manchester und dem Théâtre de la Ville Paris
Deutschsprachige Erstaufführung 24. September 2017
www.schaubuehne.de

Thomas Ostermeier bringt den meistdiskutierten Roman des letzten Theaterjahres auf die Bühne – und geht darüber hinaus. Gemeinsam mit Didier Eribon und einer Videokamera ist er zu den Arbeiterbezirken in Reims zurückgekehrt, zu den wortreich verleugneten Wurzeln und den konstatierten Ursprüngen des nationalistischen Rechtsrucks unserer Zeit. In Erinnerung an ihren Vater Willi, dem Mitbegründer der Grünen, denkt Nina Hoss auf der Bühne die Konsequenzen von Eribons Buch für die heutige Linke weiter. In einer listigen Rahmung aus Realität und Reenactment, Dokumentar-Projekt und Kunstwerk gibt der Abend dem pessimistischen Resümee von Eribon eine utopische Wendung. Wie kann man verantwortlich Haltung in einer Welt gewinnen, die sich zusehends auflöst? Wie handlungsfähig werden im Angesicht des grassierenden Populismus? Ostermeier wirft nicht nur Fragen auf, sondern beantwortet sie auch.

Trommeln in der Nacht

von/nach Bertolt Brecht
Regie Christopher Rüping
Münchner Kammerspiele
Premiere 14. Dezember 2017
www.muenchner-kammerspiele.de

Am 29. September 1922 erlebte Bert Brechts Stück „Trommeln in der Nacht“ in der Regie von Otto Falckenberg seine Uraufführung an den Münchner Kammerspielen. Rund hundert Jahre später inszeniert Christopher Rüping das Drama dort aufregend neu, indem er dem Gestern huldigt und das Kommende preist. Dabei imitieren die Schauspieler*innen die Spielhaltungen von damals und kontrastieren sie mit den Theaterkonventionen von heute. Erzählt wird die Geschichte des Kriegsheimkehrers Andreas Kragler, der sich zwischen Revolution und Liebe entscheiden muss. Draußen wütet der Spartakusaufstand, drinnen wartet das private Glück. Der junge Brecht schickt ihn in Annas Bett, hadert jedoch später damit. Rüping lässt deshalb eine Version „von Brecht“ und eine „nach Brecht“ spielen. Die Verführungskraft des Theaters steht beide Male außer Frage. In zwei Stunden gelingt dem Ensemble ein immens unterhaltsamer, berührender und bestärkender Abend über die Macht des Theaters, den Aufbruch in neue Zeiten und die Liebe als weites Feld.

Woyzeck

Schauspiel von Georg Büchner
Regie Ulrich Rasche
Theater Basel
Premiere 15. September 2017
www.theater-basel.ch

Was für ein todtrauriger, an der Welt verzweifelter Text ist doch dieser „Woyzeck“. Selten kam seine Aussichtslosigkeit so bewegend zum Ausdruck wie in dieser Inszenierung, die eigentlich eine präzise getaktete Maschine ist, in der Sound, Wort und Bewegung wie ein gut geschmiertes Räderwerk ineinandergreifen und sich gegenseitig dynamisieren. Es gibt atemberaubende Bühnensituationen, und das Verblüffende ist, dass die spektakuläre Maschine, die immer auch als Maschine sicht- und hörbar ist (und als solche auch ihre eigene Schönheit hat) eine ungeahnte Emotionalität freisetzt, eine Direktheit der Erzählung, der man sich schwer entziehen kann – über eine naheliegende Metaphorik hinaus, die das Maschinenrad und das Im-Kreis-Drehen implizieren und die freilich mit Woyzecks perspektivlosem „Immerzu“ exakt zusammenfällt. Selbst Naturbilder wie das Feld oder das Moor evoziert dieses a priori vollkommen naturabgewandte Setting erstaunlich anschaulich. Vor allem aber das Drama von Woyzecks aussichtslosem Lauf.

Theatertreffen

Theatertreffen 2018 – die Jury spricht!

Im Berliner Festspiele Blog stellt die Jury des 55. Theatertreffens die zehn eingeladenen Inszenierungen vor.

Theatertreffen

Inszenierungen in der Diskussion

Alle Inszenierungen, die von den diesjährigen Juror*innen vorgeschlagen und diskutiert wurden

Social Web

#theatertreffen

facebook.com/theatertreffenberlin
twitter.com/blnfestspiele
instagram.com/berlinerfestspiele

theatertreffen-blog.de
twitter.com/tt_blog18

Mit unserem Newsletter sind Sie immer auf dem Laufenden und erhalten regelmäßig Informationen zu unserem Programm. Zur Anmeldung

Theatertreffen

Chronik
1964 – 2018

Die Datenbank mit allen Inszenierungen, Theatern und Regisseuren seit 1964 sowie den Stückemarkt-Autoren