Theatertreffen

Stückemarkt: Geteilte Welt

Angesichts der fortschreitenden Dekonstruktion des unabhängigen, selbst-ermächtigten, (moralisch) überlegenden weißen Menschen erscheint es nur zeitgemäß, dass sich viele Gegenwartsstücke nicht (mehr) ausschließlich mit Individuen und ihren privaten Problemen im Kontext nationaler gesellschaftlicher Fragestellungen auseinandersetzen. Milo Raus Begriff des „Globalen Realismus“ folgend, gäbe es ohnehin kaum noch eine Frage, die erkenntnisstiftend rein auf nationaler Ebene zu betrachten wäre. In diesem Sinne hat der Stückemarkt mit dem Thema „Geteilte Welt“ nach künstlerischen Positionen gesucht, die sich auf globaler Ebene mit Fragen der Teilung, aber auch des Teilens auseinandersetzen. Was sind wir eigentlich wirklich bereit zu teilen? Und was gibt es dabei möglicherweise für alle zu gewinnen? Wie unterscheidet sich empathisches Handeln von einer Politik des Mitleids?

Konkret gefragt: Wie können sich neue Stücke mit globalen Ungleichheiten auseinandersetzen, ohne dabei stereotype Narrative fortzuschreiben, sondern stattdessen neue Sichtweisen auf das Teilen von Ressourcen, Möglichkeiten und (Macht-)Räumen eröffnen? Die Jury des Stückemarkts hat sechs Texte und Projekte ausgewählt, die eine weite und selbstkritische Perspektive einnehmen und auf unterschiedliche Weise um das Thema Empathie kreisen. Nicht Opulenz, Spektakel oder Lametta sind in den ästhetischen Ansätzen und Erzählweisen die Mittel der Wahl. Es sind vielmehr die relativ nüchternen, oft bescheiden einfachen Anordnungen der Stücke, die uns eindrücklich mit der suggestiven Kraft, der Verdichtung und dem Versagen von Sprache konfrontieren. Das Publikum einem genauen Nachdenken und umfangreichen Recherchen und Analysen szenisch beizuwohnen zu lassen, ist für die ausgewählten Künstler*innen wichtiger als die Erzeugung von großen Bildern und Affekten. Wenn Theater so etwas wie einen alternativen Raum zur restlichen Welt aufmachen möchte (und vielleicht auch sollte), erscheint diese Strategie einigermaßen folgerichtig. Und unter Umständen kann Theater ja wirklich so etwas sein: ein Übungsraum für die Welt, in dem das Sich-Selbst-in-Frage-Stellen, vielleicht sogar das Neudenken und Umlernen, im Spiel gegen die fatalistischen Gewissheiten unserer Zeit doch attraktiv wird.

Christina Zintl
Leitung Stückemarkt

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