Theatertreffen

Das Theatertreffen 2018

Was ist normal, was nicht? Für Frank Castorfs „Volksbühnen-Faust“, der zu einer Höllenfantasie der Verdammten dieser Erde wird, haben viele der Künstler*innen laut Ankündigungstext der Volksbühne am Rosa­Luxemburg-Platz (Intendanz Frank Castorf) bis zu 25 Jahre trainiert.

Anta Helena Reckes „Schwarzkopie“ der Inszenierung „Mittelreich“ zeigt ausschließlich Schauspieler*innen of Color auf der Bühne, und Jan Bosses „Die Welt im Rücken“ lädt dazu ein, dem Protagonisten in eine Welt zu folgen, die, um es milde auszudrücken, ungewöhnlichen Regeln gehorcht.

Während auf der Bühne Schauspieler*innenpersönlichkeiten wie Sophie Rois, Wiebke Puls und Joachim Meyer­hoff die eingeladenen Inszenierungen durch ihre starke Haltung prägen, sind die Diskussionen am Bühnenrand von Strukturdebatten bestimmt. Warum gibt es so wenige Frauen an Spitzenpositionen von Kunstinstitutionen? Bricht eine neue Zeit für das kollektive Leitungsmodell an? #MeToo ist nur eine Facette eines Umdenkens, das sich bis in die Intendant*innenebenen der Theater zieht.

Was prägt unsere Sicht auf die Welt? Im Rahmen von Shifting Perspectives bringt das Theatertreffen internationale Gastspiele nach Berlin, die außereuropäische Perspektiven in das Festival tragen. In unserem neu konzipierten Diskursprogramm TT Kontext wollen wir, was auf künstlerische Weise in der 10er Auswahl passiert, begleitend auch im Gespräch versuchen: festgefahrene Denk- oder Verhaltensmuster identifizieren, zerreden, zerlachen und durch andere Weisen des Verstehens ersetzen. Die Keynotes und Panels, in diesem Jahr unter dem verbindenden Begriff „Unlearning“, befassen sich mit vier Themenschwerpunkten: „Patriarchat“, „1. Klasse“, „Theater“ und „History“. Hier spiegeln wir gesellschaftlich intensiv diskutierte und umkämpfte Bereiche wie Dekolonisierung, strukturelle Ungleichheit, hegemoniales Wissen und Gendergerechtigkeit zurück ins Feld der künstlerischen Produktion. Und auch der Stückemarkt wirft mit dem Thema „Geteilte Welt“ einen Blick auf unsere Lebensrealität und erforscht Ambivalenzen - denn die geteilte Welt ist nicht nur eine gespaltene Welt, sondern auch die Welt, die wir uns teilen.

Wir danken unseren Förderern und Partnern – vor allem der Kulturstiftung des Bundes für die „Leuchtturm“-Förderung, 3sat für die Aufzeichnung drei unserer eingeladenen Inszenierungen und deren Ausstrahlung zur besten Sendezeit, dem Goethe-Institut für Vernetzung und Austausch und insbesondere der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb, die sich als ein Partner unserer Zukunftsformate stark macht für neue Stücke, neue Stimmen und Ideen. Wir danken den Jurys der 10er Auswahl und des Stückemarkts für ihre reise- und diskussionsfreudige Arbeit. Und wir danken allen Beteiligten, Künstler*innen und im positiven Sinne Weltveränder*innen für die Inspiration, die sie uns bieten. Viel Freude beim Theatertreffen 2018!

Thomas Oberender
Intendant Berliner Festspiele

Yvonne Büdenhölzer
Leitung Theatertreffen (in Elternzeit)

Daniel Richter
Leitung Theatertreffen (Elternzeitvertretung)