Performing Exiles

16. – 26. Juni 2023

Kuratiert von Matthias Lilienthal mit Beratung von Rabih Mroué

Das Festival „Performing Exiles“ präsentiert eine oft übersehene Szene von Künstler*innen, die in Berlin leben. Es reflektiert die Beschreibung von Exil jenseits der engen Begrifflichkeit von Verfolgung; ihre Biografien sind von Anfang an globalisierte. Zugleich versteht es sich als strukturelle Initiative und verbindet sich mit internationalen Positionen.

Fast unmerklich hat sich in Berlin etwas verändert. Immer, wenn ich während der Recherche für ein Libanon-Festival libanesische Künstler*innen auf Zoom treffen wollte, sagten sie: „Ich bin aber in Neukölln.“ Ein Großteil der libanesischen Künstler*innen lebt in Berlin. Noch vor zehn Jahren bevorzugten viele eine geteilte Existenz. Sie pendelten zwischen Beirut und Berlin oder Paris und Los Angeles. Jetzt leben sie fast ausschließlich in unserer Stadt. Und das nicht nur wegen der im Moment tobenden Pandemie. Berlin ist nach fast 100 Jahren wieder zu einer Hauptstadt der Exilierten geworden. Viele davon sind Künstler*innen, die aufgrund politischer Unterdrückung, bedrohlicher Lebensumstände, Überwachung, Zensur oder fehlender Zukunftsaussichten unter zumeist schwierigen Bedingungen ihre Herkunftsländer verlassen haben. Ihre Erfahrungen, Perspektiven und Sehnsüchte treffen in der Metropole aufeinander und prägen das kulturelle Leben der Stadt.

Die Berliner Festspiele veranstalten das zweiwöchige Festival im Juni 2023 in Kooperation mit dem Heimathafen Neukölln, Berlin, dem Ashkal Alwan, Beirut und der Akademie der Künste, Berlin. Drei Koproduktionen in Berlin lebender Exilkünstler*innen, eine internationale Produktion sowie Filme und Lectures arabischer, afrikanischer und russischer Künstler*innen stehen im Fokus. In Lina Majdalanies und Rabih Mroués „Hartaqāt (Hérésies)“ erzählen die libanesische Autor*innen Rana Issa, Souhaib Ayoub und Bilal Khbeiz in drei Geschichten von ihrem Leben im Libanon, das sie aufgegeben haben. Ada Mukhína vergleicht in ihrem Projekt „The Alternative History of Russian Emigration“ das kulturelle Erbe der Weißgardisten in westeuropäischen Metropolen mit den hiesigen künstlerischen Einflüssen russischer Exilant*innen während der dritten Präsidentschaft Putins in den letzten fünf Jahren und insbesondere die Emigration seit Krieg und Mobilmachung. Lemohang Jeremiah Mosese ist ein Filmemacher aus Lesotho und lebt seit zehn Jahren in Berlin. Mit seinem Film „This Is Not A Burial, It’s A Resurrection“ hat er internationalen Erfolg. Ausgehend von einer Lektüre von Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ wird er sich anderen Techniken der Aneignung der Welt widmen und das erste Mal ein performatives Projekt umsetzen, das sich in erster Linie über Bilder vermittelt.

Darüber hinaus finden drei große Konzerte statt sowie ein Diskurs- und Literaturprogramm zu Kunst und Dissidenz. Ashkal Alwan aus Beirut veranstaltet seine Summer School im Rahmen des Festivals in Berlin, um in Workshops lokale und exilierte Künstler*innen zu vernetzen.

Marlene Monteiro Freitas wird ihre Choreografie „idiota“ zeigen. Sie setzt sich thematisch mit der Büchse der Pandora auseinander (englisch: Pandora’s Box) und stellt sich Fragen nach dem Tod und dem Bösen. Dabei lässt sie sich vom Werk des kapverdischen Malers Alex Silva (1974–2019) und der mythologischen Figur der Pandora inspirieren. „idiota“ ist im Ausstellungskontext verortet, eine Performance in einer Vitrine, in Pandora’s Box.

Im neuen und finalen Teil ihrer Trilogie über Gewalt beschäftigt sich die brasilianische Theatermacherin Christiane Jatahy mit der Verwobenheit von Rassismus und Kapitalismus. Vom transatlantischen Sklavenhandel bis zur aktuellen Politik eines Jair Bolsonaro scheint sich kaum etwas verändert zu haben: Es gibt diejenigen, die Land, Freiheit und Identität besitzen – und diejenigen, deren Existenz keinen Wert hat.

– Matthias Lilienthal

Kuratiert von
Matthias Lilienthal mit Beratung von Rabih Mroué

Mit Arbeiten von
Lina Majdalanie, Rabih Mroué, Rana Issa, Souhaib Ayoub, Bilal Khbeiz, Ada Mukhína, Lemohang Jeremiah Mosese, Marlene Monteiro Freitas, Christiane Jatahy u. v. a.

Eine Veranstaltung der Berliner Festspiele in Kooperation mit dem Heimathafen Neukölln, dem Ashkal Alwan und der Akademie der Künste.