Kari Rønnekleiv

Kari Rønnekleiv

© Kirsti Reinsberg Mørch

Konzert

Ciaccona

Auf einem Zeitstrahl liegen fast 300 Jahre zwischen der Partita in d-Moll für Violine solo von J.S. Bach (1720) und der Ciaccona (2002) des norwegischen Komponisten und Violinisten Ole-Henrik Moe.

Wenn in Bachs Partiten die Sarabanden, Bourrees, Gigues und Chaconnes wie reich verzierte musikalische Objekte im „leeren“ Raum auftauchen und wieder verschwinden, sind es in Moes Ciaccona Klangereignisse, deren ephemere Gestalten aus einem unendlich angefüllten Klanguniversum heraustreten und sich zu konturieren beginnen, um letztendlich wieder in der Stille zu verschwinden.

Der Musikwissenschaftler Peter Gülke schrieb zu Bachs Partiten, sie unterhielten sich vor allem mit sich selbst, meinten danach den, der sie spielt, und hinter ihm den, der sie so hört, als würde er spielen. Dieses Statement trifft auch die Ciaccona von Ole-Henrik Moe zu. Diese Musik wendet sich Klangwelten zu, die sich jenseits des klar umrissenen Tones auftun: den Obertonspektren des Instruments und ihrer Vielstimmigkeit, den Geräuschen, die auf der Geige mit dem Bogen zu erzeugen möglich sind, den vielfältigen Kontinuen vom Rhythmus zum Klang. Das Holz der Geige wird hörbar gemacht, nicht nur als Schlaginstrument, aber auch die Möglichkeiten mit ihr quasi-elektronische Klänge zu erzeugen. Ciaccona von Moe ist wie die Bach’schen Partiten eine Komposition an der Grenze des Realisierbaren. Den Musiker bringt sie in eine intensive Zwiesprache mit seinem Instrument, dem Hörer verlangt sie Konzentration und Muße zum Hören ab.

Moe schrieb Ciaccona im Jahr 2002 zum Gedenken an seinen kurz zuvor verstorben Lehrer Iannis Xenakis. Das über vierzigminütige Stück ist eine Variations-Reihe, die auf einem Fragment des vorsokratischen Philosophen Heraklit beruht: „Harmonie (a)phanes phaneres kreiton“, zu deutsch etwa: „Nicht offenkundige Harmonie ist starker als offenkundige“. Ole-Henrik Moe übersetzt das für seine Arbeit dahin gehend, dass eine versteckte Struktur stärker wirkt als die offen sichtbare oder hörbare. Das Fragment des Heraklit wurde ihm zum Ausgangspunkt für verschiedene musikalische Ausarbeitungen, wobei auch die phonetischen, klangsprachlichen Qualitäten des griechischen Originals als Grundlage einiger Variationen dienten.

Johann Sebastian Bach
Ciaccona aus der Partita in d-moll für Violine solo BWV 1004 (1717-1723)

Ole-Henrik Moe
Ciaccona für Violine solo (2002)