Donatienne Michel-Dansac

Donatienne Michel-Dansac

© Jean Radel

Konzert

Aperghis I: Récitations

Georges Aperghis und Christian Dierstein diskutieren am Dienstag, 24.03.2015, 16.30-17.30 Uhr im Haus der Berliner Festspiele im Rahmen von „Thinking Together“ mit Lydia Rilling und dem Publikum über Zeit und Musik. Gespräch in englischer Sprache.

Über 35 Jahre nach ihrem Entstehen werden Georges Aperghis’ „Récitations“ erstmals in Berlin in der maßgebenden Interpretation von Donatienne Michel-Dansac zu hören sein – ein atemberaubendes Erlebnis vokaler Kunst, das kompositorisch-imaginative Präzision und interpretatorische Virtuosität zu einem Stück vereint, in dem Theater aus der Musik selbst hervorgeht. In einem Raum jenseits der Sprache angesiedelt, evozieren die vierzehn Miniaturdramen der „Récitations“ menschliche Gesten, körperliche Verfasstheiten, Emotionen und seelische Zustände, ohne auf die Mittel des Theaters zurückzugreifen. „Es gibt nur die Partitur, und ihre Realisierung erzeugt das Theater“, schreibt Aperghis. „Das Schlimmste, was diesen Stücken passieren kann, ist, ihnen Theater hinzuzufügen.“ Was dabei hör-, sicht- und spürbar wird, ist die Überwindung unüberwindlich scheinender Schwierigkeiten seitens der Performerin, die damit zugleich zur Verkörperung von Georges Aperghis’ erbarmungslos menschlicher Arbeitsweise wird.

Über den Arbeitsprozess berichtet Donatienne Michel-Dansac:
„Vier Monate lang studierte ich vier dieser kurzen Stücke nur in Gedanken. Die Partitur auf der Stelle zu singen wäre nicht möglich, mental und stimmlich überfordernd gewesen. Also begann ich, die Partitur zu lesen, dann die Noten und Tonhöhen innerlich zu hören, dann die Silben und die Töne zusammenzuhören, dann Georges Vorstellung von dieser Musik zu hören, dann mir die Performance vorzustellen – all dies fand ausschließlich in meiner Imagination statt. Mit dieser Arbeitsweise nehmen zehn Zentimeter Musik etwa fünfzehn Tage in Anspruch … Eines Tages bemerkte ich, dass es nur noch drei Wochen bis zum Konzert waren, also legte ich die Partitur auf einen Notenständer und begann zu singen – und es funktionierte, aus dem Effeff! Das war eine unglaubliche Erfahrung. Es war das erste Mal, dass ich so gearbeitet hatte. Und ich muss sagen, dass mit dieser Musik fertig zu werden eine sehr schwierige Aufgabe ist, mental wie physisch. Man beginnt am Nullpunkt, im Bodenlosen, und muss seinen ganz persönlichen Weg zu dieser Musik finden, einen Weg mit ihr umzugehen. Aber wenn man das einmal geschafft hat, prägt sie sich in Körper und Gehirn ein. Diese Musik muss aus dem tiefsten Innern kommen, wie eine angeborene Ausdrucksweise.“

Aus einem Gespräch zwischen Georges Aperghis, Donatienne Michel-Dansac und Berno Odo Polzer, Paris 2006

Georges Aperghis
Récitations
für Stimme solo (1977/78)

Mit Unterstützung von Institut Français Paris und Impuls neue Musik / Deutsch-französischer Fonds für zeitgenössische Musik

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