Konzert
Gastorchester

London Symphony Orchestra / Daniel Harding

Eröffnungskonzert
Folksongs I

Folk Songs. Das war 1964 eigentlich nichts für einen Avantgardisten. Schon mit dem Titel nahm man zwischen Hippie-Bewegung, linken Freiheitsliedern und Biedermeierverdacht Platz. Luciano Berio wusste das. Er hatte eine entscheidende Karte in der Rückhand. Einen Komponisten, der damals eine Renaissance erfuhr: Gustav Mahler. Wie viele Folk Songs geistern durch dessen Musik. Nicht nur Texte aus Des Knaben Wunderhorn, die er zu Liedern erhob und teilweise mit oder ohne Worte in Symphonien transplantierte. Auch Volksmelodien durchschweifen seine musikalischen Riesenlandschaften. Hier setzte Berio an. Hier dachte, hier machte er weiter. Mit Folk Songs aus aller Herren Länder von Armenien und Aserbeidschan über Italien und Frankreich bis nach Nordamerika. Er stellte sie in eine neue Umgebung. In seine Umgebung. Er organisierte fremde Nähe wie Mahler.

Nach den Folk Songs kam, wie bei Mahler, die Sinfonia. Sie ist, besonders in ihrem mittleren Satz, eine »Überschreibung« von Mahlers Zweiter, der Auferstehungssymphonie. Ihr Mittelstück, das »Weltlauf-Scherzo« diente Berio als Gefäß, in das er allerhand »musikalische Mythen«, Andeutungen und Anspielungen von Bach bis Stockhausen gab. Mahler ordnet die Späne wie ein Magnet unter Glas. Berio bewegt ihn.

Übrigens ist die Idee vom Transit geliehenen Materials älter als Mahler. Berlioz’ Harold en Italie bietet dafür das beste Beispiel. Hier geben sie symphonische Gastspiele, die Pilgergesänge, die Melodien der Pifferari, die schwermütigen Lieder zur (ewigen) Nacht und die elektrisierenden Tänze der Volksfeste. Und wo sind wir, die Hörer? Nun, es gibt wohl kaum anregendere Reiseliteratur als diese komponierten Kreuzfahrten durch die Stile, die Ausdrucksformen, die Erlebnisweisen und die Geschichtslandschaften der Musik.

Konzertprogramm

Luciano Berio [1925–2003]
Folk Songs
für Mezzosopran und sieben Instrumente [1964]

Luciano Berio
Sinfonia
für 8 Singstimmen und Orchester
in 5 Sätzen [1968]

Hector Berlioz [1803–1869]
Harold en Italie
Symphonie in vier Teilen mit Solo-Bratsche op. 16 [1834]