Konzert
Gastorchester

SWR Sinfonieorchester Baden Baden und Freiburg / Susanna Mälkki          

Pierre Boulez & René Char I

Besser kann man ein Programm wie dieses nicht besetzen. Die Künstler, Solisten wie Ensembles, sind mit der Neuen Musik aufgewachsen. Sie bewegen sich in ihr wie in einer Sprache, besser gesagt: wie in einem kommunikativen Netz vieler Sprachen. Die Werke haben sie oft aufgeführt und immer wieder neu studiert, und so besitzen sie das, was man die Freiheit des Interpreten nennt. Sie lebt aus der Erkenntnis, dass sich mit jeder neuen Beschäftigung der Horizont der Möglichkeiten in einem Werk weitet. Das Bewusstsein des inneren Reichtums, der in einer Komposition steckt, hört man den Interpretationen an.

Unter den Taschenpartituren, die man für ein genaueres Werkstudium erwerben kann, gibt es eine Kostbarkeit: Alban Bergs Kammerkonzert mit einem Vorwort von Pierre Boulez. Es sagt viel über dessen eigenes Musikverständnis aus. Boulez weist auf die konstruktiven Wunderwerke in Bergs Komposition hin. Aber er deutet vor allem, was daraus entsteht. Den zwölffach wiederholten Ton, den das Klavier nach langem Schweigen in der Mitte des Werkes anschlägt, vergleicht er mit Mitternachtsglocken. Das Stück läuft von dieser Stelle an rückwärts mit Abwandlungen. Aus dem Weg in die Nacht nimmt es gleichsam Kurs auf einen neuen Tag.

Boulez komponiert, wie Berg, mit der Akribie eines Dichters. Jedes Wort, jeder Ton muss sitzen. Nichts Überflüssiges hat in solcher Poesie Platz. Das konstruktive Bewusstsein schafft die innere Folgerichtigkeit, durch die ein Werk überzeugt, kurz: Expressivität. An René Char, einem seiner bevorzugten Dichter, bewunderte Boulez »die Fähigkeit, seine Welt in einen gedrängten Ausdruck zu bündeln und ihre Strahlen, ihre Spiegelungen weithin auszusenden«. Mit diesem Vorsatz trat er selbst an.

Konzertprogramm

Pierre Boulez [geb. 1925]
Le Soleil des eaux
Text von René Char
Fassung für Sopran, vierstimmigen gemischten Chor und Orchester [1948-65]
I: Complainte du lézard amoureux – II: La Sorgue. Chanson pour Yvonne

Alban Berg [1885–1935]
Kammerkonzert
für Klavier und Geige mit 13 Bläsern [1923–25]

Pierre Boulez
Première Sonate
für Klavier [1946]

Pierre Boulez
Le Visage nuptial
Text von René Char
Fassung für Sopran, Mezzosopran, Frauenchor und Orchester [1946-89]
I: Conduite – II: Gravité. L’emmur – III: Le Visage nuptial – IV: Évadné – V: Post-Scriptum