Konzert
Gastorchester

London Philharmonic Orchestra / Vladimir Jurowski

Ein letztes Werk, ein erstes Werk, und eines, das über Gattungsgrenzen springt. Die Vermessung der Klangwelt beginnt mit Weberns Opus 1. Der Komponist, den etliche in der Jahrhundertmitte für das Maß allen Fortschritts hielten, wagte damit den Schritt in die künstlerische Eigenverantwortung. Die Passacaglia ist im tieferen Sinn eine Bearbeitung – nicht als Neuarrangement eines älteren Werkes, sondern als Konzentrat einer Tradition. Der Komponist gleicht Walter Benjamins Engel der Geschichte: Er bewegt sich Richtung Zukunft, aber sein Gesicht wendet er der Vergangenheit zu.

Bei letzten Werken findet man diese Blickrichtung natürlich. Berios Stanze (ihre Aufführung erlebte der Komponist nicht mehr) haben fünf Sätze wie seine Sinfonia. Wie so oft in seinem Œuvre holt er das gestaltete Wort in eine »Musik von brennender Ausdruckskraft« (Gerhard Rohde). Die Wahl der Dichter kommt einem Vermächtnis gleich: für die Rahmensätze Paul Celan und Dan Pagis, die Bukowiner Poeten, die den Holocaust überlebten; für den inneren Ring den Beinahe-Musiker Giorgio Caproni und den Musiker Alfred Brendel, die aus der Distanz des Abschieds und der Ironie sprechen; für die Mitte aber Edoardo Sanguineti mit seinen geheimnisvoll dichten Reflexionen über die letzten Dinge.

Zeitlich steht Sergej Prokofjew zwischen ihnen. Seine Dritte ist aus Opernmaterial komponiert. Die Themen, Motive und Passagen aus dem Feurigen Engel sind neu gesichtet, geordnet, arrangiert. Der Austausch zwischen Theater- und Konzertwelt, Collage und Montage als künstlerische Gestaltungsmittel, Gedanken und Verfahren, die für Luciano Berio wichtig wurden: Hier sind sie in der Ästhetik der späten 20er Jahre vorgeformt.

Konzertprogramm

Anton Webern [1883–1945]
Passacaglia
für Orchester op. 1 [1908]

Luciano Berio [1925–2003]
Stanze
für Bariton, 3 Männerchöre und Orchester [2003]
auf Gedichte von Edoardo Sanguinetti, Dan Pagis, Paul Celan, Giorgio Caproni und Alfred Brende
Deutsche Erstaufführung

Sergej Prokofjew [1891–1953]
Andante aus der Klaviersonate Nr. 4
für Orchester op. 29a [1934]

Sergej Prokofjew
Symphonie Nr. 3 c-Moll op. 44 [1928]