Konzert
Berliner Orchester

Konzerthausorchester Berlin / Lothar Zagrosek

Rituel bildet den krönenden Abschluss des Abends. Die musikalischen Linien des Programms laufen darauf zu. Boulez komponierte das Werk im Gedenken an den Kollegen und Freund Bruno Maderna. Rituel beginnt wie ein Kondukt: Gongton, Bläserklang, ein Solo der Oboe, von der kleinen Trommel begleitet. Das Schreiten und Deklamieren erhält Antwort in gamelanartigen Klangfeldern, wirkt weiter, räumlich, zeitlich versetzt. Boulez teilt das Orchester in acht verschieden starke Gruppen. Die Oboe allein bildet die erste, kleinste, der Blechbläserchor im Bühnenhintergrund die größte. Mit der Aufführung beim musikfest berlin 10 wird Boulez’ Raumkonzept für Rituel in Berlin erstmals konsequent verwirklicht.

Zwei Klischees scheinen zäh und untrennbar miteinander verbunden: die vage Vorstellung von einem »musikalischen Impressionismus« (insbesondere bei Debussy) und das Wogen und Rauschen von Harfenklängen. »Es ist schade, dass man ein so vollkommenes Instrument wie die Harfe mit so minderem Effekt gebraucht. Junge Komponisten wie Stockhausen und Berio denken genauso wie ich, und wir verwenden die Harfe ganz anders: als eigenwilliges, klangreiches Instrument«, schrieb Pierre Boulez 1961. Berios Sequenza II entstand 1963 – als Demonstration der Klangvielfalt, als leidenschaftliches Plädoyer gegen die klischeehafte Einengung, als Befreiung des Harfenklangs. In Chemins I denkt Berio die Harfen-Sequenza weiter und dehnt den Klangraum der Reflexion auf das Orchester aus. Hans Zender ergänzt: Seine Instrumentierungen von Debussys Klavier-Préludes lösen die Klischees über den musikalischen Impressionismus durch differenzierte Farbigkeit auf. Witold Lutosławski bringt in seinem Doppelkonzert die Soloinstrumente des Abends zusammen. Oboe und Harfe führt er ins Wechselspiel mit belebten orchestralen Klangfeldern, macht sie zu Protagonisten in einer kontrastreich gespannten Elegie und setzt sie im Finale elektrisierender rhythmischer Energie aus.

Konzertprogramm

Luciano Berio [1925–2003]
Sequenza II
für Harfe [1963]

Luciano Berio
Chemins I
für Harfe und Orchester (su Sequenza II für Harfe) [1965]

Witold Lutosławski [1913–1994]
Doppelkonzert für Oboe, Harfe und Streichorchester [1979–80]

Claude Debussy [1862–1918] / Hans Zender
Cinq Préludes aus den Préludes für Klavier [1909–1913]
für Orchester instrumentiert von Hans Zender [1991]

Pierre Boulez [geb. 1925]
Rituel in memoriam Bruno Maderna
für Orchester in 8 Gruppen [1974/75]

Eine Veranstaltung des musikfest berlin | Berliner Festspiele in Kooperation mit dem Konzerthaus Berlin