© Lutz Knospe

Szenische Lesung
Stückemarkt

Eine Version der Geschichte

von Simone Kucher (Deutschland)

Szenische Lesung
Stückemarkt II

  • Dauer 1h, keine Pause

FR 13. Mai 2016, 21:00, Haus der Berliner Festspiele, Camp
Autor*innen-Gespräch I mit two-women-machine-show, Jonathan Bonnici, Simone Kucher und Hans-Werner Kroesinger

SA 14. Mai 2016, 14:30, Haus der Berliner Festspiele, Camp
Was wa(h)r, was ist
Workshop mit Simone Kucher
Anmeldung unter

Alles beginnt mit dem Tondokument einer Stimme. Sie gleicht der Stimme des Großvaters der Protagonistin, die sich auf die Suche nach ihrer Geschichte macht und einer Spur folgt, die das Unfassbare fassbar zu machen versucht. Letztendlich führt diese Version zur Geschichte einer armenischen Familie, die sich untrennbar mit den politischen Ereignissen des 20. Jahrhunderts verwebt und zugleich Fragen über Wahrheit und Lüge, Vergessen und Erinnern, Schweigen und Sprechen aufwirft.

Jurystatement

„Er ist tot. So muß es sein.“ So beginnt das Stück „Eine Version der Geschichte“ von Simone Kucher. Es erzählt von dem, was bleibt und dem was verschwindet. Eine Spurensuche, die ausgelöst wird durch eine Begegnung. Nach einem Violinkonzert des armenischen Komponisten Khatchaturian spricht ein alter Mann die Musikerin Lusine an. Er zitiert ein Gedicht des armenischen Dichters Hamo Sahjan. Sie kennt es. „Eine Version der Geschichte“ ist ein Stück für 3 Damen und 3 Herren verschiedener Generationen und ein Tonband. Es handelt vom Gedächtnis, von Produkten künstlerischer Tätigkeit als Anknüpfungspunkte für die eigene Geschichte und von der Verantwortung für die eigene Biografie. Es wird von Armeniern im Exil erzählt, einer geplanten Reise in die Türkei, einer Beziehung zwischen einer Musikerin armenischer Herkunft und einem türkisch-französischen Dirigenten, von einem Völkermord, den das Land der Täter nicht anerkennt und von Dokumenten, in denen die Verstrickung des Deutschen Reichs belegt wird. Zusätzlich kommen Stimmen Kriegsgefangener aus dem ersten Weltkrieg zum Vorschein, aus einer Zeit, als sich Sprachwissenschaftler aufmachten, mit dem Phonographen fremde Sprachen zu sammeln. Der Phonograph wurde damals beworben, so heißt es im Stück, mit dem Slogan: „Geister können nun sprechen. Oder besser: Tote können sprechen.“ Tote können sprechen, wenn man sich mit ihnen beschäftigt. Ein präziser Text, der in poetischer Form die Geschichten Vertriebener, die Konstruktion von Identitäten und die öffentliche Auseinandersetzung mit der offiziellen Geschichte eines Völkermordes behandelt. Im Stück heißt es: „wir suchen nach Menschen, die sich auf die Spur begeben“. Simone Kuchers Text macht Lust, das zu tun.

Hans-Werner Kroesinger

Einrichtung Bettina Bruinier
Dramaturgie Maximilian Löwenstein
Musik Oliver Urbanski
Ausstattung Mareile Krettek

Lusine Eva Bay, Felize Ovsepyan
Mutter Marie-Lou Sellem
Wissenschaftlerin Anne Ratte-Polle
Alter Mann László Imre Kish
Charles Oliver Urbanski
Sammy Taner Şahintürk