Konzert
Gastorchester

Anima Eterna Brugge

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»Von meiner Geburt bis zum Grabe bleibe ich Ungar«, bekannte Franz Liszt. Intensiv widmete der Komponist sich der Sammlung ungarischer Folklore. Jahrzehnte später fand sein Landsmann Béla Bartók heraus, dass es sich streng musikethnologisch dabei keineswegs um mündlich tradierte bäuerliche Musik, sondern um Kompositionen aus der Feder adeliger Musikliebhaber handelte, die durch ungarische Roma populär wurden. Dennoch, das, was heute unter »all’ungarese« verstanden wird, haben Liszts Ungarische Rhapsodien mitgeprägt.

Das Klavierstück La notte aus den Trois odes funèbres, inspiriert durch die Michelangelo- Gräber der Medici in Florenz, enthält überraschenderweise eine Paraphrase einer Kadenz, die in den Ungarischen Rhapsodien anzutreffen ist. Liszt hat diese Referenz bewusst eingesetzt. Im Angesicht des Todes wird der Heimat gedacht. Die kurzen Deux Légendes für Klavier sind dagegen von Szenen und Bildern aus dem Volksglauben inspiriert, der Vogelpredigt des heiligen Franz von Assisi und von einer Legende über den heiligen Franziskus von Paola, der über die Meerenge von Messina wandelt. Liszts Totentanz ist ebenfalls von einer Bilddarstellung angeregt, den Fresken im Campo Santo. Die Gestaltung ist hier jedoch nicht illustrierend, sondern abstrakt, paraphrasiert wird die zur musikalischen Chiffre gewordene »Dies Irae«-Sequenz aus der gregorianischen Totenmesse.

In Liszts symphonischen Dichtungen gehen Dichtung und Symphonie eine Synthese ein, um eine neue Art von Ausdruck als gesteigerte Form von Dichtung zu erreichen. »Nur dem Dichter unter den Komponisten ist es gegeben, die den freien Aufschwung seines Gedankens hemmenden Fesseln zu zerbrechen und die Grenzen seiner Kunst zu erweitern«, schreibt Liszt. Von der Wiege bis zum Grabe ist ein später Nachhall des Genres. Eine allegorische Zeichnung regte Liszt dazu an. Der musikalische Satz ist transparenter als in seinen früheren Werken, Ausdruck einer »wachsenden Antipathie gegen die polyphone Fettsucht«, wie er es formulierte.

Wie willkürlich die Zuweisung eines Programms in der vagen Semiotik der symphonischen Dichtung ist, zeigt Liszts Les Préludes, dessen Fanfarenthema die Nazis für ihre Kriegspropaganda einsetzten. Ursprünglich als Vorspiel zu einem Männerchorwerk über die vier Elemente der Natur gedacht, verlieh Liszt Les Préludes später ein diffuses philosophisches Programm über den Verlauf des menschlichen Lebens.

Angesichts der technischen Weiterentwicklung der Klaviertechnik und der Orchesterinstrumente seit dem 19. Jahrhundert ist es aufschlussreich, auch Musik von Franz Liszt oder von Hugo Wolf mit den Erkenntnissen historischer Aufführungspraxis zu interpretieren. Deshalb dürften Jos van Immerseel und sein Orchester Anima Eterna Brugge unerhört spannende Klangeindrücke bieten.

Konzertprogramm

Franz Liszt [1811–1886]
Ungarische Rhapsodie Nr. 3 für Orchester D-Dur [ca. 1857/60]

Franz Liszt
La notte [nach Michelangelo]. Aus den Trois odes funèbres [1863–64]

Hugo Wolf [1860–1903]
Harfenspieler I, II , III, Prometheus
aus den Goethe-Liedern für Stimme und Orchester [1888/90]

Franz Liszt
Deux Légendes [1863]
1. St. François d’Assisi La prédication aux oiseaux
2. St. François de Paule marchant sur les flots

Franz Liszt
Les préludes (d’après Lamartine). Symphonische Dichtung [1854]

Franz Liszt
Von der Wiege bis zum Grabe. Symphonische Dichtung [1881–82]

Franz Liszt
Totentanz
Paraphrase über »Dies irae« für Klavier und Orchester [1849]

Besetzung

Thomas Bauer Bariton
Pascal Amoyel Fortepiano Erard 1886

Anima Eterna Brugge
Jos van Immerseel Leitung