Konzert
Gastensembles

musikFabrik | RIAS Kammerchor

Wolfgang Rihm und Luigi Nono verband in den letzten zehn Lebensjahren Nonos eine intensive, gegenseitig bereichernde Freundschaft. Über Nono sagte Rihm einmal: »Der Komponist Luigi Nono war für mich ein großer Eröffner, ein großer Offenmacher, keiner, der mit Definition bedeckt lässt, sondern einer, der im nächsten Moment woanders hindeutet, wo vorhin noch gar nicht hingedeutet werden konnte, wo plötzlich eine Möglichkeit entstand. Und die zu sehen, und mit ganz entfernten Möglichkeiten sie zusammenzusehen [!], das ist eine ungeheure Fähigkeit, von der ich sehr viel gelernt habe.«

Nach Nonos Tod schrieb Wolfgang Rihm in rascher Folge insgesamt fünf Werke, die dem verstorbenen Freund gewidmet sind: »Jede In-memoriam-Musik gestaltet mit jedem Ton ihre Vergeblichkeit und so ihr Trotzdem-Dasein. Vor allem, wenn sie benannt wird. Nachgerufen? Nein, eher weitergesprochen, weitergesponnen da, wo ein Gespräch, Lebenszug, -fäden, -wege einseitig unter Bruch gesetzt werden. Versuch, die Beidseitigkeit wiederherzustellen oder weiter ins Leere zu sprechen …«, kommentierte Wolfgang Rihm seine Werkreihe. Der Titel des 5. Versuchs mit dem Titel La lugubre gondola / Das Eismeer ist eine Anspielung auf eine die Klavierkomposition La lugubre gondola von Franz Liszt, die zum Trauergesang auf den Freund Richard Wagner wurde. Außerdem bezieht sich Rihm auf Caspar David Friedrichs Gemälde Das Eismeer, Chiffre für gescheiterte Hoffnungen und Utopien mit Blick auf den politisch engagierten, überzeugten Sozialisten Luigi Nono. »Luigi Nono ist für mich ja auch in einer ganz umfassenden Weise ein verehrtes Vorbild, weil er für mich der genuine Typus des suchenden, scheiternden, ganz sicheren, ganz unsicheren Künstlers ist«, hat Wolfgang Rihm einmal in einem Interview gesagt. In seinem letzten Musiktheaterstück beschäftigte sich Nono mit dem Prometheus-Mythos. Nach Nonos Tod setzte sich auch Rihm, der Luigi Nonos Prometeo als ein Schüsselwerk auf dem Weg zu neuartigen Formen dramatischer Musik betrachtet, mit der Figur des Prometheus auseinander. Sein Werk Raumauge verarbeitet den Schlussmonolog des Prometheus aus der Tragödie des Aischylos.

Für Mnemosyne zog Wolfgang Rihm die nach der griechischen Göttin des Erinnerns und Mutter der Musen betitelte Hymne des späten Friedrich Hölderlin heran. Der Akt der Erinnerung, das Reflektieren des Vergangenen, ist ein zentrales Moment in vielen Werken Luigi Nonos, nicht zuletzt auch in Prometeo.

Konzertprogramm

Wolfgang Rihm [*1952]

Raumauge
Schlussmonolog des Prometheus
für gemischten Chor und 5 Schlagzeugspieler [1986, 1993/94]
nach Aischylos / Handke

Astralis (»Über die Linie« III)
für Chor, Violoncello und 2 Pauken [2001]
nach Novalis

abgewandt 2 Musik in memoriam Luigi Nono (3. Versuch)
für 14 Instrumentalisten [1990]

Umfassung Musik in memoriam Luigi Nono (4. Versuch)
für Orchester in 2 Gruppen [1990]

La lugubre gondola / Das Eismeer
Musik in memoriam Luigi Nono (5. Versuch)
für 2 Orchestergruppen und 2 Klaviere [1990–92]

Mnemosyne
für hohen Sopran und Ensemble [2006/09]
nach Hölderlin