Flussdelta in Island

Flussdelta in Island

© iStock.com / Oleh Slobodeniuk

Konferenz
Thinking Together

Circluding History I

Nicht nur die Frage, wie Zeitkonzeptionen unsere Auffassung von Geschichte leiten, ist Gegenstand der Konferenz von Thinking Together. Vor allem werden andere, nicht-lineare Modelle Geschichte zu denken zur Diskussion gestellt.

  • Synchronübersetzung ins Deutsche

Circluding History II
Sonntag, 24.03.2019, 14:00 — 18:00

Thinking Together 2019 betrachtet Geschichte und Geschichtsschreibung durch eine politisch geschärfte Linse der Zeit. In ihrem fünften Jahr untersucht die Thinking Together Konferenz überkommene und hartnäckige Vorstellungen von linearer Zeit und Geschichte sowie die ihnen zugrunde liegenden politischen Matrizes. Welche politischen Einstellungen stecken hinter historisch kontingenten Geschichtsphilosophien? Auf welchen Zeitvorstellungen basieren sie? Und wie beeinflussen sie wiederum den Blick auf die Gegenwart, die Beziehung zur Vergangenheit und die Fähigkeit, die Zukunft zu gestalten? „Circluding History“ – der Titel der Konferenz – deutet einen anderen Ansatz beim Nachdenken über Geschichte an. Der Begriff „Zirklusion“ (geprägt von Bini Adamczak) ist das Antonym von Penetration. Ein Begriff, der auf nichtlineare Verständnisse hinweist, der das Verhältnis von Aktivität und Passivität umdenkt und eine symmetrische Verteilung von Handlungsfähigkeiten einfordert. Seinen spekulativen Bahnen folgend, erforscht und imaginiert die Konferenz Relationen zur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, alternative Genealogien sowie dekolonisierte, globale, zusammenhängende und queere Geschichte(n).

Dag Herbjørnsrud
Fake history, distorted world-views: How ideology shapes what we (think we) know.

Was wissen wir? Und wie wissen wir es? – In diesem Vortrag unternimmt Dag Herbjørnsrud, Spezialist auf dem Gebiet der weltweiten Ideengeschichte, eine Reise durch die wichtigsten Bestandteile unserer Wissenssysteme in Geschichte und Geisteswissenschaften. Das Material, das er präsentiert – Text, Bilder und Musik – beschäftigt sich unter anderem mit diesen Themen: Unsere verzerrten Weltkarten; Musik von Mozart, Haydn und ihrem Zeitgenossen Joseph Bologne; farbenfrohe Statuen und Gebäude der alten Griechen; die Entwicklung der ersten Philosophie (in Ägypten); Denkerinnen der Antike aus Indien, China, Syrien, Nigeria und Mexiko; der Einfluss des ägyptischen Heiligen Mauritius, der Moritzkirche und des afrikanischen Christentums auf Mitteleuropa; die nicht-erzählte Geschichte der Zusammenarbeit von Muslimen und Christen bei der Schlacht von Wien im Jahr 1683; die Bedeutung der vor-kantianischen Gelehrten Abba Gorgoryos und Anton Wilhelm Amo für Deutschland; die Aufklärung der haitianischen Revolution; die Beziehung zwischen Zhuangzi und Buber/Heidegger; die jüngsten Forschungen zu originären Schreib- und Kommunikationssystemen in den Kulturen der Maya, Azteken und Inka; die verborgenen Geschichten der Wikinger, die Stabkirche in Heddal (Telemark) und das Volk der Sami in den nordischen Ländern. Und das ist noch lange nicht alles. Dag Herbjørnsrud will uns für eine neue, dekolonisierte und nicht eurozentrische Ansicht von Geschichte sensibilisieren, um uns beim Verstehen der Gegenwart zu unterstützen und uns auf die Zukunft in einem globalen 21. Jahrhundert vorzubereiten.
Weitere Informationen: www.sgoki.org/no/english/
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Anke Charton
Making History Great Again: Performing Narratives of Nostalgia

Wie nehmen Konzeptualisierungen von Geschichte an einem Jetzt teil, das für die Festsetzung von Subjektivitäten vermehrt auf Nostalgie zurückgreift? Wenn die Darstellung einer Sehnsucht nach einem ‚goldenen Zeitalter‘ zum entscheidenden Muster einer vergangenen Gegenwärtigkeit wird – als affektive Authentizität -, werden vorhergegangene Realitäten zu Fiktion: die Erinnerung an etwas, das nie war.
Wenn die Vergangenheit als Vorstellung der Gegenwart gedacht wird, öffnet sich ein Raum, in dem vielfache Geschichten betrachtet werden können: die Geschichte fragmentiert sich in Geschichten und lädt nicht-lineare, zersplitterte und an den Rand gedrängte Perspektiven ein, Teil des Kaleidoskops zu werden.
Wenn aber die Erinnerung an etwas, das nie war, droht, die tatsächliche Vergangenheit zu verdecken und als ein Instrument der Unterdrückung angewendet wird, müssen vor allem Fragen von Ethik und Wahrheit erwägt werden – wenn die Geschichte eine Praxis ist, die unsere Realitäten als dargestellte Narrative konstituiert, wie können wir dann verantwortungsvoll Geschichte ‚machen‘?
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Rolando Vázquez
Time and the Coloniality of History

Zeitgenossenschaft und Geschichte sind eng miteinander verwandt. Beide sind Ausdruck der Zeitlichkeit der Moderne, der Metaphysik der Gegenwärtigkeit, die der Moderne eigen ist, und der Vergesslichkeit der Zeit. In der Moderne hat die Geschichte dazu gedient, unser Verhältnis zur Vergangenheit zu vermitteln und zu regeln. Sie entwickelte sich zu einer epistemischen und zumeist textlichen Darstellung der Vergangenheit. Die Beziehung zu gelebter Erinnerung wurde nach und nach durch die Vermittlung einer Vergangenheit ersetzt, die als Gegenstand von Geschichte begriffen wurde. Die dekoloniale Kritik der modernen Zeit wehrt die Nutzbarmachung der Beziehungen zu dem, was gelebt wurde, für die Technologien der Gegenwärtigkeit ab.
Dekolonialität beschäftigt sich mit einer Gerechtigkeit, die weder auf die Gegenwart beschränkt noch als einfache Zukünftigkeit spekuliert werden kann. Die Gerechtigkeit der Dekolonialität setzt einen Prozess der Heilung von Verletzungen voraus. Die Zeitlichkeit der Verletzung, die Zeitlichkeit der Heilung ist eine Zeitlichkeit tiefer Beziehungen. Sie wird getragen durch die Körper, das Land und das Meer, die nicht vergessen können. Dekolonialität ist ein Kampf gegen die Vergessenheit, die durch moderne Vorstellungen von Geschichte und Zeitgenossenschaft angeordnet wurden.
Unter der Oberfläche der äußeren Erscheinung, der Oberfläche der Gegenwärtigkeit, von der die Moderne behauptet, sie sei die Gesamtheit des Realen, liegt die radikale Pluralität gelebter Zeit. Es gibt eine Zeit, die uns vorausgeht, insofern als sie vor uns und vor uns ist – sowohl räumlich als auch zeitlich – die uns Hoffnung verleiht. Das Vorausgehen benennt eine zeitliche Formulierung der Welt, die gegen das Vergessen dessen arbeitet, wer wir sind, als Erde, als Völker, als Zeit.

Programm

14:00 – 15:00
The Politics of Time
Timothy Morton (USA) im Gespräch mit Berno Odo Polzer

15:00 – 16:00
Fake history, distorted world-views: How ideology shapes what we (think we) know.
mit Dag Herbjørnsrud (NO)

16:00 – 17:00
Making History Great Again: Performing Narratives of Nostalgia
mit Anke Charton (AT)

17:00 – 18:00
Time and the Coloniality of History
mit Rolando Vázquez (MX/NL)