Das Grüne Band

Das Grüne Band

© picture alliance/dpa, Foto: Martin Schutt

Kunst, Diskurs & Parlament

Palast der Republik

Tag 1: Re-Vision

mit Almuth Berger, Tatjana Böhm, Susan Buck-Morss, Boris Buden, Augusto Corrieri, Bernd Gehrke, Trajal Harrell, Max Hertzberg, Sanja Horvatinčić, Gal Kirn, Kerstin Meyer, Technosekte + Henrike Naumann, Ana Ofak, Pan Daijing, Elske Rosenfeld, Bénédicte Savoy, Bernhard Schlink

Den Palast der Republik auferstehen zu lassen ohne ihn zu verklären ist das Anliegen des Eröffnungsabends, der mit einer Ideenrevue an die progressiven Impulse der neuen Verfassung erinnert, wie sie 1989/90 am Zentralen Runden Tisch der DDR entwickelt wurde.

Mehr Programm:
Palast der Republik – Tag 2: 09.03.2019
Palast der Republik – Tag 3: 10.03.2019

Tag 1 bis 3: Installationen von Thomas Demand, Neša Paripović, Gabriele Dolff-Bonekämper und Felix Grütsch

Viele der Protagonist*innen des Schlossneubaus, so erinnert der Architekt und Kurator Philipp Oswalt, waren Ostdeutsche, viele der Kritiker*innen des Abrisses des Palastes der Republik waren Westdeutsche. Dieses kaum 14 Jahre bestehende Gebäude verband politische Repräsentation und Entertainment, Kultur und internationale Begegnungen. Der Funktion nach stand der Palast in der Tradition der Volkshäuser, aber real wurde diese Vision nur in der Endphase der DDR, als die Bevölkerung vor seinen Türen protestierte und drinnen wenig später ein frei gewähltes Parlament über das Ende und Erbe des Landes debattierte. Am Eröffnungstag wollen wir an einen neuen Verfassungsentwurf erinnern, der hier als Grundlage für die Einheitsverhandlungen in Auftrag gegeben wurde, und an die Arbeit der Runden Tische, an denen in der Wendezeit eine andere Gesellschaft visioniert und auf den Weg gebracht wurde.
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18:00 h, Vorplatz
ca. 20 min
Klaus Pobitzer
Wolkenreich

Installation

Vor der Fassade des Festspielhauses steigen Nebel auf, wie Staub aus Millionen Kubikmetern einstürzendem Beton. Die Nebel verdichten sich zu einer Wolkenwand, aus der düstere Farben und unklare Formen hervorbrechen, bis zu erkennen ist: Hier treffen zwei entgegengesetzte Welten aufeinander. Der sich verflüchtigende Nebel lässt den Palast der Republik als Geist wieder erscheinen.
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18:10 h, Unteres Foyer
ca. 8 min
Trajal Harrell
Odori, the Shit!

Performance
Choreografie: Trajal Harrell
Tänzer: Thibault Lac & Ondrej Vidlar
Musik: Olivier Messiaen

Im afroamerikanischen Slang bedeutet die Bezeichnung „the shit“ eine Anerkennung für große Exzellenz. Und „odori“ ist das japanische Wort für traditionellen Tanz. Dieses achtminütige Duett wurde vor den Augen der Besucher*innen des MoMA während der normalen Öffnungszeiten entwickelt. „Odori, the Shit!“ destilliert die bisherige Arbeit von Trajal Harrell zu reinster Tanzbewegung. Inspiriert durch den frühen Modern Dance und die Arbeit des Begründers des Butoh-Tanzes, Tatsumi Hijikata, ist das Stück ein Wendepunkt in Harrells Schaffen und zugleich ein Brückenschlag zwischen aktueller Kunst und Tanzgeschichte.
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18:30 h, Vorbühne
ca. 120 min
Verfasst euch!
Ideenrevue
in deutscher & englischer Sprache mit Simultanverdolmetschung
Keynotes: Susan Buck-Morss & Bernhard Schlink
mit Almuth Berger, Boris Buden, Elske Rosenfeld u.a.
Moderation: Thomas Oberender

Eine Ideenrevue erinnert an die progressiven Impulse einer neuen Verfassung, wie sie von Bürgerrechtler*innen im Winter 1989/90 am Zentralen Runden Tisch der DDR entwickelt wurde. Die amerikanische Philosophin Susan Buck-Morss stellt in ihrer Keynote „Revolution Today“ das Jahr 1989, das die Konkurrenz zweier paralleler, sich gegenseitig bedingender Modernen beendet, in einen globalen Kontext. Ihren Vortrag kommentiert Boris Buden, der für die Periode nach 1989 in den ehemaligen sozialistischen Ländern den Begriff des Postkommunismus prägte. Almuth Berger berichtet von ihren Bemühungen als Ausländerbeauftragte des Runden Tischs und der letzten beiden DDR-Regierungen, wo sie unter anderem die unkomplizierte Einreise sowjetischer Jüd*innen ermöglichte. Der Schriftsteller und Jura-Professor Bernhard Schlink, 1990 selbst in die Erarbeitung einer neuen DDR-Verfassung involviert, berichtet von den damaligen Diskussionen und fragt nach ihrer Gegenwartsrelevanz. Schließlich kommentiert die Künstlerin und Autorin Elske Rosenfeld den Beitrag aus der Perspektive ihrer langjährigen Recherchen zur unvollendeten Revolution 1989/90.
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20:30 h, Vorbühne
ca. 72 min
Trajal Harrell
Caen Amour

Performance
Choreografie, Soundtrack: Trajal Harrell
Tänzer*innen: Trajal Harrell, Thibault Lac, Perle Palombe, Ondrej Vidlar
Dramaturgie: Sara Jansen
Set Design: Jean-Stephan Kiss
Licht: Sylvain Rausa
Kostüm: Trajal Harrell & die Tänzer*innen

„Caen Amour“ findet in einer historischen Imagination statt. Diese persönliche Interpretation des Hoochie-Koochie – eines erotischen Tanzes, den zuerst die syrische Tänzerin Little Egypt populär machte und den in der Folge eine ganze Reihe von Tänzer*innen nachahmten, die gerne einen „orientalischen“ Tanzstil ausprobieren wollten – wird auf beiden Seiten eines architektonischen Objekts aufgeführt und erlaubt so eine Vielzahl von Perspektiven. Es versetzt ein Theaterpublikum in die Situation von Galeriebesucher*innen und lädt sie ein, die Geschichte von mehreren Seiten zu betrachten.
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20:30 h, Rangfoyer
ca. 60 min
Zwischennutzungen und Zonen des Zukünftigen
Gespräch
in deutscher Sprache
mit Philipp Oswalt & Joshua Wicke

Im Jahr 2004, kurz vor seinem Verschwinden, war der Palast der Republik in den Zustand eines Rohbaus zurückversetzt und öffnete sich unter dem Titel „ZwischenPalastNutzung“ für heterogene Kulturveranstaltungen. Neben seiner Rolle als zentraler Akteur jener Zwischennutzung kommt Philipp Oswalt auch als engagierter Begleiter der städtebaulichen Herausforderungen im Osten der 90er-Jahre zu Wort. Denn eine starke Kraft für den damaligen Aufbruch stammte 1989 aus Konflikten des Stadterhalts und von verschiedenen Bürgerinitiativen zur Rettung der bedrohten Innenstädte der DDR. Diese Initiativen und ihre Ideen setzt Oswalt in Beziehung zur aktuellen Debatte um die Zukunft unserer Städte.
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20:30 h, Kassenhalle
ca. 60 min
Max Hertzberg
Stealing the Future

Lesung
in deutscher Sprache
Moderation: Jochen Werner

Die „East Berlin Trilogy“ von Max Hertzberg beschreibt ein politisches Experiment: Wie hätte sich die DDR 1989 gewandelt, wenn die basisdemokratischen Ideale der Opposition verwirklicht worden wären? Der britische Autor schreibt Romane, die – ob in Richtung Utopie oder Dystopie – Möglichkeiten für gesellschaftliche Entwicklungen ausloten. Erstmals in deutscher Sprache in der Übersetzung von Herwig Engelmann liest Hertzberg Auszüge aus seinem Roman „Stealing the Future“ – einer Geschichtsfantasie, die die Verhältnisse auf den Kopf stellt.
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20:30 h, Bornemann Bar
ca. 120 min
A Vocabulary of Revolutionary Gestures
Film
in deutscher Sprache mit englischen Untertiteln
Videoloop, 2014/18, Elske Rosenfeld

Zwei filmische Kapitel einer langjährigen Untersuchung zum Körper als Austragungsort und Archiv politischer Ereignisse: „Ein bisschen eine komplexe Situation“ (2-Kanal-Video, 15 min, 2014) bearbeitet eine Szene, in der das erste Treffen des Zentralen Runden Tischs der DDR von einer Demonstration vor dem Haus unterbrochen wird. „Versuche / Framed“ (1-Kanal-Video, 20 min, 2018) beobachtet den Versuch des Dokumentaristen des Runden Tischs, Klaus Freymuth, vor den Dezemberwahlen 1990 einen Wahlwerbespot zu drehen. Beide Videos befassen sich mit dem Überschuss, der sich an den Grenzen des politisch Möglichen und Sagbaren in den Körpern manifestiert.
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20:30 h, Seitenbühne
ca 60 min
Occupy History I
Gespräch
in deutscher Sprache
mit Bénédicte Savoy
Moderation: Thomas Oberender

„Occupy History“ ist der Versuch, sich nicht von „der“ Geschichte besetzen zu lassen, sondern selbst Geschichte zu erzählen. In den Gesprächen mit verschiedenen Gästen des Palastes wollen wir biografische und gesellschaftliche Ereignisse zusammendenken, so persönlich wie möglich. Unter anderem spricht die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy über „ihre DDR“ und der Romancier und Jurist Bernhard Schlink über die DDR nach der Öffnung der Mauer.
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21:30 h, Rangfoyer
ca. 60 min
Augusto Corrieri
Thoughts are born of places (or: one imago covers another)

Lecture Performance
in englischer Sprache
Uraufführung

Ist es möglich, ein Gebäude zu betreten, das in seiner materiellen Form gar nicht mehr existiert? Augusto Corrieri ist ein Spezialist im Exhumieren verschütteter Gebäude und Geschichten. In dieser spekulativen Lecture Performance erzählt der Künstler und Autor von Spuren und Überresten des Palastes der Republik. Dabei setzt er die Beschäftigung mit nicht-menschlichen Akteur*innen im Theater fort, die er mit der Vortragsreihe und dem Buch „In Place of a Show“ begonnen hat.
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22:00 h, Hauptbühne
ca. 120 min
Nach dem Protest
Der Runde Tisch, sein Verfassungsentwurf, deren Werdegang und Aktualität

Panel
in deutscher & englischer Sprache mit Simultanverdolmetschung
mit Almuth Berger, Tatjana Böhm, Susan Buck-Morss, Bernd Gehrke, Max Hertzberg, Bernhard Schlink u.a.
Videobeitrag: Bini Adamzcak
Konzept & Moderation: Kerstin Meyer & Elske Rosenfeld

Nach der Entmachtung des SED-Regimes schuf der Zentrale Runde Tisch der DDR mit den Mitteln einer so radikalen wie pragmatischen Konsensdemokratie konkrete Entwürfe für eine Umgestaltung des Landes – u.a. in Form eines Verfassungsentwurfs und einer Sozialcharta. Mit der als Anschluss der DDR vollzogenen deutschen Einheit gingen diese Erfahrungen und Vorschläge verloren. Wir sprechen mit damals Beteiligten und Gästen über den Runden Tisch und seine ökologischen, sozialen und basisdemokratischen Vorschläge – und deren mögliche Aktualisierung.
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22:30 h, Oberes Foyer
ca. 60 min
Being Palace
Panel
in englischer Sprache
mit Sanja Horvatinčić, Gal Kirn, Ana Ofak u.a.
Moderation: Sebastian Kaiser

Der Palast der Republik ist nicht nur Wunschterritorium und Hassgebilde der ostdeutschen Architektur, sondern ein Bekenntnis zur globalen Nachkriegsmoderne. Synchron wird die Formensprache des Modernismus auch in anderen sozialistischen Ländern Europas aktualisiert. Vor allem in Jugoslawien entstehen Gebäude unter der Prämisse einer polyorientierten, pluralen und selbstreflektierten (Post-)Moderne. Diese betongewordene Selbstachtung der spaßhabenden Sozialisten widersteht bis heute den Baggern des Neoliberalismus. Was zeigt sich, wenn man diese Architekturen als andere, abstrakte und das Kollektiv abstrahierende Modelle des Sozialismus begeht? Wie dekonstruiert man einen Palast?
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22:30 h, Rangkino
ca. 50 min
Monument
Film
Kroatien/Bosnien und Herzegowina 2015,
Igor Grubić

Nach dem Bildersturm: Im Zuge der Jugoslawienkriege wurden durch die nationalistische Bewegung Kroatiens systematisch Tausende antifaschistischer Denkmale zerstört – eine Attacke gegen eine Gedenk- und Erinnerungskultur, für die bis heute niemand die Verantwortung übernimmt. Der Künstler Igor Grubić erforscht und inszeniert die Überreste der bis heute nicht restaurierten Mahnmale inmitten der Natur, die alle Spuren vergessener Geschichte überwuchern wird.
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23:30 h, Bornemann Bar
ca. 76 min
Narbe Berlin
Film
Deutschland 2009,
Burkhard von Harder

Mit dem Helikopter entlang der unsichtbaren Berliner Mauer: an einem grauen Wintertag im Januar 2009 filmte der Künstler Burkhard von Harder einen spektakulären, ununterbrochenen Kameraflug über das, was von der einstmaligen deutsch-deutschen Grenze übrig geblieben ist. Die Mauer wurde geöffnet und abgetragen, was bleibt ist eine 156 Kilometer lange Narbe, die sich durch die Hauptstadt und ihr Umland zieht.
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23:30 h, Rangkino
ca. 76 min
Palace for the People
Film
OV mit englischen Untertiteln
Bulgarien / Deutschland / Rumänien 2018
Boris Missirkov & Georgi Bogdanov

Der Nationale Kulturpalast in Sofia, die Staatliche Universität Moskau, der Parlamentspalast in Bukarest, der Palast Serbiens in Belgrad und der Palast der Republik in Berlin – fünf Bauwerke, die von einer Ära künden, die ihre Paläste nicht für einige Auserwählte erbauen, sondern der ganzen Bevölkerung widmen wollte. Der bildgewaltige Dokumentarfilm porträtiert ihre monumentale Architektur als Zeugnisse eines untergegangenen Systems – und als Lücke im Herzen deutsch-deutscher Geschichtsschreibung.
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00:00 h, Hauptbühne
ca. 60 min
Pan Daijing
Fist Piece

Konzert
Konzept, Komposition & Regie: Pan Daijing
Performer*innen: Gregori Homa & Pan Daijing
Film: Ekaterina Reinbold, Junying & Pan Daijing

Klang, Choreografie, Installation und Erzählkunst: In den Kompositions- und Performancearbeiten der Künstlerin und Musikerin Pan Daijing nimmt ihr radikaler Ansatz vielzählige Formen an. Schonungslos offenherzige Äußerungen und klanglich-ästhetische Ausbrüche sind wichtige Mittel ihrer Praxis. Ihre Arbeit verbindet Gesten der Macht und der Verletzlichkeit und pendelt oft entlang konzeptionell paradoxer Zustände und räumlicher Interaktionen.
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01:00 h, Seitenbühne
ca. 60 min
Technosekte + Henrike Naumann
BRONXX

Performance
Konzept: Technosekte + Henrike Naumann
Percussion: Hendrik Frese, Bastian Hagedorn
Vocals & Electronics: Ruth Maria Adam

Eine „Stasi-Geisteraustreibung“ und gleichzeitig eine Erinnerung an die flüchtigen Praxen des DDR-Undergrounds, die sich Überwachung, Dokumentation und Festschreibungen entziehen. Die als ortsspezifische Intervention in Haus 22 auf dem Stasigelände entwickelte Performance beschäftigt sich mit der Verbindung von DDR-Underground und IM-Tätigkeit. Die Dissonanzen und Brüche dieser komplizierten Beziehung führen an die Grenzen von Sprache und verlangen nach anderen Formen der Aufarbeitung und Erinnerung. „BRONXX“ erprobt ein Kommunikationssystem, das Rhythmus als Sonartechnik einsetzt, um tiefere Schichten der Geschichte zu orten.
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Installationen
An allen drei Tagen sind Installationen von Thomas Demand, Neša Paripović, Gabriele Dolff-Bonekämper und Felix Grütsch zu sehen. Mehr Informationen

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