Rasmus Malling Hansen, Die Schreibmaschine Skrivekugle 1878

Rasmus Malling Hansen, Die Schreibmaschine „Skrivekugle“ 1878

© Wikimedia Commons

Konzert
Berliner Ensemble

Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker

Susanna Mälkki, Leitung
Erstmals beim Musikfest Berlin

In der Gegensätzlichkeit liegt die Kraft dieses Programms: Griseys „Vier Gesänge, um die Schwelle zu überschreiten“ bewegen sich an der Hörschwelle als auch an der existenziellen Schwelle des Todes. Neuwirths „Aello“ dagegen verkörpert ein Stück Vitalität und Schönheit.

19:15 Einführung

Mittwoch, 04.09.2019, 18:00, Ort noch offen
Perspektivwechsel #7
Ein Gespräch mit Olga Neuwirth und Thorleifur Örn Arnarsson
Moderation: Sascha Ehlert, Gründer und Herausgeber der Zeitschrift „Das Wetter“
präsentiert von field notes und Berliner Festspiele / Musikfest Berlin
Eintritt frei

Angekommen. Die Linie französischer (und von ihr inspirierter) Musik zog sich von Eröffnungskonzert durch das ganze Festivalprogramm. Mit Gérard Griseys letztem Werk, wenige Wochen vor seinem plötzlichen Tod vollendet, erreicht sie ihr Finale. Grisey, der mit Hilfe des Computers das Innenleben der Töne erforschte, um das so gewonnene Wissen kreativ einzusetzen, bestand darauf, dass nicht mit Noten, sondern mit Tönen, nicht mit Schrift- sondern mit Hörgestalten komponiere. „Den Klang betrachtete er als Lebewesen, die Zeit als dessen Territorium und Atmosphäre.“ (Carsten Fastner) Die „Vier Gesänge, um die Schwelle zu überschreiten“ meinen einerseits die Hörschwelle, denn sie ziehen sich in den Zwischenspielen auf den Stillepegel des Konzertsaals zurück (und der liegt beträchtlich über normal Null). Sie meinen aber vor allem die existenzielle Schwelle, denn als textinspirierte musikalische Meditationen handeln sie von vier Ansichten des Todes und seiner Unausweichlichkeit. Die Musik endet mit einem zarten Wiegenlied „für das Erwachen der Menschheit, die endlich von ihrem Alptraum befreit ist“ (Grisey).

Vor steht Grisey der komplette Gegensatz auf dem Programm, die Entgrenzung zur Geschichte hin, zu Bachs Brandenburgischen Konzerten, vor allem zum Vierten mit den konzertierenden Flöten. Manchmal klingt in Olga Neuwirths Dialog mit und über Bach tatsächlich die menschenfreundliche mythische Windsbraut Aello, und manchmal lässt die Schreibmaschine im Ensemble an die „göttliche Nähmaschine“ denken, an die sich die französische Schriftstellerin Colette beim Hören von Bach dann und wann erinnert fühlte. „Aello“ ist ein Stück über Vitalität und Schönheit.

Konzertprogramm

Olga Neuwirth (*1968)
Aello – ballet mécanomorphe
für Flöte solo, 2 gedämpfte Trompeten, Streichensemble, Synthesizer und Schreibmaschine (2016/17)

Gérard Grisey (1946 – 1998)
Quatre chants pour franchir le Seuil
für Sopran und 15 Instrumentalisten (1998)

Eine Veranstaltung der Stiftung Berliner Philharmoniker in Kooperation mit Berliner Festspiele / Musikfest Berlin