Performance / Diskurs / Livestream

Rest Assured. Bodi No Be Fayawood

In einer erstmaligen Zusammenarbeit mit dem Jazzfest Berlin schafft der Weddinger Kunstraum SAVVY Contemporary eine Insel der radikalen Fürsorge und damit einen Freiraum für Begegnung, Austausch und Regeneration von Musiker*innen, Künstler*innen und Theoretiker* innen, die Gemeinschaften angehören, welche permanent daran erinnert werden, dass sich ihr Atem und der bloße Akt des Atmens dauerhaft in einem prekären Zustand befinden.

Performance von Dorothée Munyaneza während des INVOCATIONS-Programms des SAVVY Contemporary-Projekts Rhythmanalysis 2017

Performance von Dorothée Munyaneza während des INVOCATIONS-Programms des SAVVY Contemporary-Projekts Rhythmanalysis 2017

© Raisa Galofre

Vergangene Termine

Die Festivalausgabe 2020 findet digital statt.
Sehen Sie diese Veranstaltung live auf Jazzfest Berlin on Demand und im Festivalstream oder danach als Aufzeichnung.

Die letzten Wochen, die letzten Monate, die letzten Jahre waren anstrengend. Um genau zu sein, sind einige Existenzen – besonders für Schwarze und Braune Menschen in bestimmten Gesellschaften – anstrengend und lähmend. Die Kämpfe scheinen endlos zu sein. Ständig werden wir daran erinnert, dass sich unser Atem oder der bloße Akt des Atmens für einige in einem permanenten Zustand der Prekarität befindet.

Zu Atem kommen. Ausruhen. Auftanken.

Bei all dem Druck und der Anstrengung, angesichts all der Widrigkeiten standhaft zu bleiben, vergessen wir, uns zurückzuziehen, Wege zu finden, uns neu zu beleben, uns abzuwenden, Kraft zu schöpfen. Wie können wir uns behaupten, wie gegen hartnäckig anhaltende Widrigkeiten zur Wehr setzen?

Zu Atem kommen. Ausruhen. Auftanken.

„Rest Assured. Bodi No Be Fayawood“ ist der Versuch, eine Pause einzulegen. Sich auszuruhen. Eine Gelegenheit, das Recht auf Rückzug in Anspruch zu nehmen, als Möglichkeit zur Belebung. Zu atmen. In Zeiten, in denen das Dasein und das Atmen, das Gehen, Arbeiten und Spielen als Schwarzer Mensch immer noch gefährlich ist, müssen wir Räume schaffen, Zufluchtsorte gestalten, in denen wir Trost und Wiederbelebung finden können. In einer erstmaligen Zusammenarbeit mit dem Jazzfest Berlin wird der unabhängige Kunstraum SAVVY Contemporary zu einer solchen Insel der radikalen Fürsorge, des Seins und Atmens für und mit Schwarzen und Braunen Musiker*innen, Künstler*innen und Theoretiker*innen. Nach zwei Tagen der Begegnung und Regeneration werden die Künstler*innen ihren Austausch für das Online-Publikum öffnen – in einer INVOCATION der Poetik und Prekarität des Atems, in Musik, Performances, Vorträgen und Geschichten.

Zu Atem kommen. Ausruhen. Auftanken.

Projekte & Beteiligte

Mazen Kerbaj: „I Will Be Assuming You Are on the Other Side of the Screen (and That You Are Focused)“ Klangperformance

Improvisationsmusiker*in zu sein, bedeutet, permanent im Hier und Jetzt zu sein. Heutzutage, in Zeiten der räumlichen Distanzierung, verbleibt das Jetzt noch eine mögliche Realität, das Hier dagegen zersplittert in ebenso viele Stücke, wie es Zuschauer*innen gibt. Für die Musiker*innen bedeutet das, dass sie sich bemühen müssen, das Publikum durch die Kamera zu ersetzen und daran zu glauben, dass das Publikum tatsächlich im Hier und Jetzt hinter der Kamera anwesend ist. Die Zuschauer*innen dagegen müssen sich ihrerseits stärker bemühen, sich mental von ihrer tatsächlichen physischen Umgebung zu verabschieden, um jetzt, in diesem Moment, hier zu sein.

Kalaf Epalanga: „A Good Citizen“ Klangerfahrung

Städte werden aus Menschen gemacht, so sagte es mir Zé da Guiné einmal – eines dieser musikalischen Wesen, die nur ganz selten geboren werden – und wies mich darauf hin, wie die Bewohner*innen einer Stadt sich durch Räume bewegten, die wir nicht Zuhause nennen durften.

Eiliyas: „Improvisation“ Klangperformance

Auf der Suche nach einer alternativen Schnittstelle zur Erschaffung von Musik wird mithilfe verschiedener Klangprozessoren eine akustische Feedbackschleife hergestellt. Die erste Prämisse dieser Arbeit wurde durch die Pianosoli von Thelonious Monk inspiriert. Die klanglichen Ergebnisse mögen allerdings ganz anders klingen, was daran liegt, dass Eiliyas ein anderer Mensch mit anderen Erfahrungen ist und diese Methode der Klangerforschung ebenfalls eine ganz andere ist.

Jessica Ekomane: „Untitled“ Klangperformance

Diese Performance spielt auf musikalische Weise mit der Wahrnehmung von Rhythmus im Raum und verwendet dazu vorwiegend Sinuskurven als Klangmaterial. Indem sie einfache, statische Klangelemente zu einer komplexen polyrhythmischen Struktur zusammenfügt, fragt die Arbeit danach, wie wir separate Elemente als ein Ganzes wahrnehmen, um eine Bedeutung daraus zu generieren.

Audrey Chen und Hugo Esquinca: „Voice/Process“ Klangperformance

„Voice/Process“ untersucht gleichzeitig die Dynamik zwischen einem klingenden Körper, der aufbereitenden Interaktion eines Systems, das unmittelbar auf die Besonderheiten seiner Spektren reagiert, und die Beziehung, in der diese beiden mit einem definierten Raum stehen. In diesem Sinne gehen Beziehungen zwischen Mensch und Maschine eine Mediation durch eine doppelte Artikulation ein. Diese doppelte Artikulation entsteht durch die inhärenten Zeitlichkeiten von Vokalitäten und den Prozessgeschwindigkeiten von Rechengeräten, denen die Fähigkeit eigen ist, gleichzeitig das Eingreifen auszuweiten und auf die räumlichen Eigenschaften einer bestimmten Architektur zu reagieren.

Lamin Fofana: „A Scattering of Spiral and Elliptical Galaxies“ Klangperformance

„A Scattering of Spiral and Elliptical Galaxies“ ist Teil eines fortlaufenden Projekts, das Vorstellungen von Verbundenheit in eine nicht-lineare, multidimensionale Zeitlandschaft erweitert. In dieser Arbeit geht es um schwarzes Rauschen und um Musik, nicht nur als Musik an sich, sondern als Werkzeug, mit dem Ideen und Möglichkeiten untersucht werden können, oder vielmehr Zugänge zu neuen Möglichkeiten und Sichtweisen überhaupt entstehen können. Durch kollektives Zuhören reflektieren wir Solidarität, den komplizierten Prozess, uns selbst und einander zu verstehen, und die Möglichkeit, die Zwänge unserer Zeit zu durchbrechen und neue Beziehungsformen zu erdenken.

Charles Sammons: „Collective Charles Sammons’ Way Back Home“ Klangperformance

„Charles Sammons’ Way Back Home“ ist bei jeder Aufführung eine neue Erfahrung. In unserer Wahrnehmung nehmen Melodien, Geschichten ebenso auseinander wie unsere Eindrücke und wollen offenlegen, was in der Musik liegt und vielleicht unserem Intellekt und unseren Sinnen entgeht. Es ist daher von großer Wichtigkeit, dass die Überlebenden des Kolonialismus eine Plattform erhalten, auf der sowohl Freude als auch Forschung ihren Platz finden können, wo Festlichkeit und Abscheu erlebt werden können und wir uns daran erfreuen können, uns selbst und unsere Brüder und Schwestern zu heilen. Wir entzünden untereinander ein Feuer und laden alle ein, sich einzufinden und sich zu wärmen – sich zu nähren, während wir uns gegenseitig nähren.

Gugulethu Duma and Kechou: „Buffering Juju“ Klangperformance

„Buffering Juju“, der Titel des Debütalbums von Dumama und Kechou, bezieht sich auf den Prozess der „Ausgrabung spirituell aufgeladener Inhalte aus dem Inneren“. Sie nähern sich dabei der Musik über einen Zusammenschluss ihrer jeweiligen individuellen Erforschung ihres Selbst und der Gesellschaft. So wird ihr Sound – der bereits als Nomadic Future Folk Music beschrieben wurde – zum klanglichen Ergebnis eines organischen meditativen Prozesses. In „Buffering Juju“ trifft eine opulente Erzählung auf ihre klangliche Entsprechung, deren innere Welt in sich geschlossen und verwoben ist. Die Erzählung entspinnt sich als ein Beispiel des magischen Realismus mit Anleihen aus der südafrikanischen Folklore und Wirklichkeit und schildert die Befreiungsgeschichte einer Frau, in der die Figuren in sich fließend verändernder Gestalt multiple Wirklichkeiten durchreisen und dabei verschiedene Variationen ihrer Kraft oder ihrer Machtlosigkeit aufbieten. „Die Arbeit hat eine organische, natürliche, cyber-artige und moderne Energie – vollständig verwurzelt in der afrikanischen Ästhetik des Klangs und des Geschichtenerzählens“, sagt Kechou. Das Ganze ruht auf dem Fundament der einzigartigen Musiksprache des Duos, die, auch wenn sie elektronisch in Form von Schleifen und Klanglandschaften dargestellt wird, auf Streicher-, Stimm- und Schlagwerkklängen beruht, die eine Zusammenführung von Überlieferungen aus dem nördlichen und dem südlichen Afrika reflektiert. „Buffering Juju“ wurde Anfang 2019 vornehmlich in Kapstadt und Johannesburg aufgenommen und stellt eine Verbindung zu einer Vergangenheit dar, in der wir nicht unbedingt präsent waren, und zu einer Zukunft, in der bedrohte indigene Technologien in einer zunehmend digitalisierten Welt gedeihen.

Jumoke Adeyanju: „Mo ti rí: Memoirs of a Seer“ Poetry- und Tanzperformance

„Mo ti rí: Memoirs of a Seer“ ist eine Ode an die Erinnerungen an das Präverbale als transfigurative Darstellung eines poetischen Tanz- und Bewegungsstücks, das improvisierte Elemente aus Hip Hop, House und zeitgenössische Freestyle-Bewegungen einbezieht. Als eine Art Aussöhnung durch die Verräumlichung des Körpers entsteht dieses Bewegungs-Therapeutikum aus einer Mischung aus den transfigurativen, virtuosen Klängen von Alice Coltrane, Omar S aus Detroit und Jumoke Adeyanjus Yorùbá-Poesie.

Miya Masaoka: „An Ultra Moment: Excerpts in Isolation“ Klangperformance

Die experimentelle Komponistin und Musikerin Miya Masaoka spielt ein ein-saitiges Instrument, das One String Thing, mitsamt Elektrizität und Elektronik.

Drummers of Joy: „A Prelude to a Tribute to Tony Allen“ Klangperformance

Die Drummers of Joy vertreten die Tradition der African Roots Music in Berlin und weltweit. Eine neue Welle des Afrobeats verbreitet sich über die ganze Welt und sie schließen sich diesem Kreuzzug an. Kommt, tanzt und spürt den Rhythmus der puren Trommeln und Stimmen.

Christian Bakotessa und Jeff Chappah: „Untitled“ Klangperformance

Christian Bakotessa und Jeff Chappah sind zwei der vier Mitglieder der Band „Extra Nice“, die seit acht Jahren zusammen spielt. Sie spielen Afro-Akustik und freuen sich darauf, durch und in der Musik zusammen zu sein.

Programm

Streaming live aus dem SAVVY Contemporary
13:30 SAVVY Team: collective poetry reading
13:45 Gugulethu Duma and Kechou: „Buffering Juju“ Sonic Performance
14:10 Break
14:30 Kalaf Epalanga: „A Good Citizen“ Sonic Experience
14:50 Eiliyas: „Improvisation“ Sonic Performance
15:15 Break
15:35 Mazen Kerbaj: „I Will Be Assuming You Are on the Other Side of the Screen (and That You Are Focused)“ Sonic Performance
16:00 Jessica Ekomane: „Untitled“ Sonic Performance
16:25 Break

Streaming live aus dem silent green
17:00 Charles Sammons Collective: „Charles Sammons’ Way Back Home“ Sonic Performance
17:50 Break
18:10 Gugulethu Duma and Kechou: „Buffering Juju“ Sonic Performance
18:35 Audrey Chen and Hugo Esquinca: „Voice/Process“ Sonic Performance

Streaming live aus dem SAVVY Contemporary
19:00 Jumoke Adeyanju: „Mo ti rí: Memoirs of a Seer“ Poetry and Dance Performance
19:15 Lamin Fofana: „A Scattering of Spiral and Elliptical Galaxies“ Sonic Performance
19:40 Break
20:00 Miya Masaoka: „An Ultra Moment: Excerpts in Isolation“ Sonic Performance
20:35 Drummers of Joy: „A Prelude to a Tribute to Tony Allen“ Sonic Performance
21:20 Break
21:40 Christian Bakotessa and Jeff Chappah: „Untitled“ Sonic Performance

SAVVY Contemporary in Zusammenarbeit mit Jazzfest Berlin