Inszenierung / Livestream
10er Auswahl

Einfach das Ende der Welt

nach Jean-Luc Lagarce

Schauspielhaus Zürich

Premiere 3. Dezember 2020

Christopher Rüping und sein grandioses Schauspielensemble haben für Jean-Luc Lagarces modernen Klassiker eine agile und klare Form gefunden, die dennoch vor großen Gesten nicht zurückschreckt.

Einfach das Ende der Welt. Videotrailer

© Schauspielhaus Zürich

  • 2 h 30 min, eine Pause
  • In deutscher Sprache mit englischen Untertiteln und Audiodeskription in deutscher Sprache

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Die Festivalausgabe 2021 findet digital statt.
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Nachgespräch und Künstler*innen-Ehrung
am 13. Mai 2021 um 22:40 Uhr

Für ein Wochenende verlässt der Sohn sein Künstlerleben in der Großstadt, um nach zwölf Jahren an den Ort seiner Kindheit zurückzukehren und seine Familie wiederzusehen, die ihm fremd geworden ist oder es immer schon war. Er hat etwas Wichtiges mitzuteilen, doch ehe es dazu kommt, prallen zwei grundverschiedene Lebensmodelle mit voller Wucht aufeinander. Jean-Luc Lagarce gehört in Frankreich zu den meistgespielten Theaterautor*innen, sein Stück „Einfach das Ende der Welt“ wurde mit Starbesetzung verfilmt. Christopher Rüping, zum vierten Mal zu Gast beim Theatertreffen, und sein Ensemble haben eine spielerische, zarte Theaterform gefunden, die drängende gesellschaftliche Fragen von Klassismus, Stadt-Land-Gefällen, Homophobie und davon, was man der eigenen Familie eigentlich schuldig ist, mit schlagfertigem Witz und tiefer Ernsthaftigkeit verhandelt.

Theatertreffen-Juror Andreas Klaeui zur Inszenierung
„Einfach das Ende der Welt“ ist die Geschichte vom verlorenen Sohn: Louis im Original, hier Benjamin wie der Schauspieler Benjamin Lillie. Mit zwanzig Jahren ist der Sohn in die Großstadt abgehauen, um sein Leben als Homosexueller und als Künstler zu gestalten. Zwölf Jahre danach kommt er todkrank zurück in sein Elternhaus, um mit seiner Familie zu reden. Es geht schief, was nur schief gehen kann – respektive wie es seine Richtigkeit hat. Die alten Ressentiments brechen auf, die Vorwürfe von früher sind noch frisch, es kommt nicht zur Versöhnung und der Sohn reist wieder ab.

Was heißt Heimat? Benjamin in der Züricher Inszenierung beantwortet die Frage eingangs in herzzerreißender Weise. Bevor er sich auf den Weg macht, imaginiert er das Elternhaus, wie es in seiner Kindheit war. Alles ist noch da: die geblümte Tapete, der Flauschteppich, die Videokassetten, die Muschelsammlung. In einer ausgedehnten, spannungsvollen ersten halben Stunde unternimmt Benjamin, der in Zürich nicht wie bei Jean-Luc Lagarce Schriftsteller, sondern Videokünstler ist, nichts anderes, als diese Wohnung mit der Kamera aufzunehmen, sie in sich aufzunehmen und im Bild zu vergegenwärtigen. Der Erinnerungsrealismus bekommt zusehends eine unwirkliche Anmutung und wird geradezu surreal im Maß, in dem er sich in Close-ups und Einzelheiten akribisch konkretisiert. Intensiviert wird diese Exposition noch durch den treibenden Live-Sound des Drummers Matze Pröllochs – der sich als Figur ebenfalls als Phantasma erweisen wird, nämlich als Erinnerungsgestalt von Benjamins gestorbenem Mann.

Nach einer kurzen Umbaupause ist die Spielfläche leer, die Kulissen stapeln sich an den Hallenwänden, die rohe Rückseite nach außen gewendet. Ein Raum wie ein behelfsmäßiger Sparring. Das gelebte Leben haftet ihm nur noch als Erinnerung an.

Die Gegenwart ist hart und karg in dieser Inszenierung; die Vergangenheit aufgehoben im doppelten Wortsinn. Christopher Rüping arbeitet die ausweglose Einsamkeit, in der die Protagonist*innen gefangen sind, mit Unbarmherzigkeit heraus: die gegenseitige Verständnislosigkeit, die Projektionen, die subjektiven Wahrheiten, die zurechtgestutzten Erinnerungen. Verklärung und Verdrängung leiten diese Figuren: die manipulative Kindchen-Mutter von Ulrike Krumbiebel, den Guten-Willens-Schwägerinnentrampel von Maja Beckmann, den aufopferungsüberdrüssigen Bruder von Nils Kahnwald, die in ihrer großen Bruderliebe enttäuschte kleine Schwester von Wiebke Mollenhauer und natürlich den arroganten Small Town Boy von Benjamin Lillie. In herzzerreißenden Momenten scheint bei allen eine immense Sehnsucht nach Anerkennung und Liebe auf. Die Konfrontation zwischen den ungleichen Brüdern wird zum hitzigen Showdown, der nebenbei auch Vorurteile gegenüber der sogenannten Provinz in Frage stellt. Nichts ist je eindeutig an diesem Abend, keine Lösung in Sicht, die Perspektiven verschieben sich unentwegt und formen das schönste neurotische Familiengeflecht.

Künstlerisches Team

Christopher Rüping Regie
Jonathan Mertz Bühne
Lene Schwind Kostüme
Matze Pröllochs Musik
Frank Bittermann Licht
Katinka Deecke, Malte Ubenauf Dramaturgie

Mit
Maja Beckmann, Nils Kahnwald, Ulrike Krumbiegel, Benjamin Lillie, Wiebke Mollenhauer, Matze Pröllochs

Aufführungsrechte bei Felix Bloch Erben GmbH & Co. KG, Berlin. In einer Einrichtung für das Schauspielhaus Zürich auf Grundlage einer Übersetzung von Uli Menke.
Unterstützt von der Gesellschaft der Freunde des Schauspielhauses.

Der Livestream wird unterstützt durch Pro Helvetia, Schweizer Kulturstiftung.

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